Frankreich Und jede Menge Personal

Vor 150 Jahren entstand die Winterstadt von Arcachon. Reiche Gäste aus ganz Europa kurten am französischen Atlantik. Bewohner haben die Villen erhalten und zeigen sie stolz.

Aus der Tasse Kakao steigt ein würziger Geruch auf, der Erinnerungen an morgendliche Waldspaziergänge weckt. Die ätherischen Substanzen legen sich wie Balsam auf die Atemwege. Nur die Zunge sträubt sich gegen diese Mischung, die schmeckt, als hätte jemand einen Schuss Erkältungsbad in heiße Schokolade gekippt. Doch schon nach dem zweiten, dritten Schluck breiten sich Wärme und Wohlgefühl im ganzen Körper aus. »Eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses. Das haben die Kurgäste hier früher getrunken«, hat der junge Kellner des Hotels Villa Régina zu dem Gast gesagt, als er die Kanne auf den Frühstückstisch mit der gelben Decke und dem weißen Porzellangeschirr stellte.

Reisende, die ihren Urlaub in der südfranzösischen Stadt Arcachon verbringen, lernen meistens nur den Badeort an der Atlantikküste kennen. Sie bleiben in der Sommerstadt, wo während der Saison mehr Touristen als Einwohner sind. Sie erklimmen die Dune du Pyla, Europas höchste Wanderdüne. Und natürlich schlürfen sie die berühmten Austern, die in der Bucht gezüchtet werden. Arcachons Winterstadt entdecken sie nicht. Dabei liegt sie nur einige Hundert Meter weiter landeinwärts auf einer bewaldeten Düne. Vor 150 Jahren ist sie entstanden, als reiche Kurgäste aus ganz Europa kamen, um in der milden Seeluft zu genesen. Tuberkulosekranke saßen hier viermal täglich über heißer Schokolade mit Kiefernharzsirup.

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Das Kaufhausrattan im Frühstückssaal des Hotels lässt heute nicht mehr auf die große Vergangenheit des französischen Zauberbergs schließen. Aber im Eingangsbereich, über dem schweren Lüster und dem Klavier in der Ecke, wölben sich noch kostbare Stuckdecken, von Säulen gestützt wie in einem griechischen Tempel. Und draußen vor der Tür lassen die Häuserfassaden die Belle Époque lebendig werden. So verspielt und fantasievoll, wie ihre Erbauer es wollten, ist die Architektur bis heute geblieben.

Die engen Straßen winden sich durch das Viertel, als hätte hier jemand einen Irrgarten anlegen wollen. Kaum ist man in einen Weg eingebogen, macht er schon einen Schlenker nach links, eine steile Kehre nach rechts, teilt sich in zwei neue Straßen, wo das Spiel von Neuem beginnt. Das Labyrinth dient als Windbrecher. Dadurch ist es auch in den kalten Monaten des Jahres zwei, drei Grad wärmer als in der Sommerstadt. Palmen säumen den Weg wie am Mittelmeer, Mimosenbüsche knospen schon im Januar, Lorbeerhecken stehen dunkelgrün im Saft. Und die Kiefern, an deren Nadeln sich noch die Regentropfen der letzten Nacht klammern, verströmen einen Duft, wie er gerade aus der Kakaotasse stieg.

Auch ein Herr namens Kalaschnikow war hier

Es ist still, kaum ein Mensch an diesem Vormittag unterwegs. Nur Eho, der kleine gelbe Elektrobus, schnurrt gelegentlich vorbei und bringt zwei, drei Passagiere vom Einkauf aus der Sommerstadt zurück. Da drüben, im Haus mit den Fensterläden und dem spitzen Giebel, könnte Frau Holle ihre Betten über einem der hellblau gestrichenen Holzbalkone ausgeschüttelt haben. Dornröschen könnte hinter dem dichten Immergrün in jenem Turmzimmer geschlafen haben, das mit weiß-roten Backsteinmustern verziert ist. Hier ein Zinnchen, dort ein Erker und ein weit über den Balkon gezogenes Vordach mit geschnitztem Fries. In die Ziegelmauern hat man Keramikmosaike gesetzt oder Rosetten aus Ton, gedrechselte Pfeiler oder Fachwerk. Was für ein Sammelsurium der Stile, die so unterschiedlich sind, wie es ihre Bauherren gewesen sein müssen. Ob die früheren Besitzer sich bei der Gestaltung wohl so lustvoll ausgetobt haben, um ihre Angst vor Krankheit und Tod zu verdrängen?

»Am Geld hat es jedenfalls nicht gefehlt«, sagt Elaine Keller, die Anfang der sechziger Jahre selbst eines der Häuser in der Winterstadt bezog. Jetzt ist sie 83 Jahre alt und kann sich nicht vorstellen, an einem anderen Ort glücklicher zu sein als unter den vier Meter hohen Decken ihrer Villa Newton. Hier hat sie ihr Archiv mit Büchern, Zeitschriften und Plänen über die Winterstadt eingerichtet, hier ist die ehemalige Französischlehrerin zur Spezialistin in Lokalgeschichte geworden. Neben dem Kamin im Wohnzimmer flimmert der Computerbildschirm. Im Moment forscht sie über russische Gäste und googelt nach einem Herrn Kalaschnikow. »Ein Mann mit diesem Namen war hier, ich will wissen, ob er was mit dem Erfinder des Gewehrs zu tun hatte.«

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