Ich war gewarnt worden. Es käme dem Versuch gleich, in Guantánamo oder Fort Knox einzubrechen, man würde mich filzen, an mir herumzupfen und mich aushorchen, bevor ich auch nur in die Nähe von Martin Scorsese käme, Paramounts schwer bewachtem Dr. Fu Manchu, der sich mit seiner Entourage im Hotel Le Parker Meridien vergraben hatte, um Interviews zu seinem neuen Film Shutter Island zu geben. Also fragte ich mich, wie viele Erkennungsmarken ich wohl brauchen würde. Ob ich meinen eigenen Kaffee in einem Plastikbecher zum Interview würde mitbringen können?

Es war mit fast minus dreißig Grad ein beißend kalter Tag in New York, und ich beschloss, wie ein guter Polizist zu Fuß aus meinem eigenen Schlupfwinkel im Greenwich Village zum Le Parker Meridien auf der 56. West zu marschieren. Doch auf meinem Weg in den Norden Manhattans bekam ich eine Panikattacke.

Von dem Erlebnis, 1973 Mean Streets (Hexenkessel) zu sehen, hatte ich mich nie erholt. Der Film überwältigte mich mit seinem traumgleichen Fließen, in dem er das Leben in Little Italy zeigte, mit seiner phantasmagorischen Illusion, dass keine wirkliche Kluft mich von Johnny Boy (Robert De Niro) oder Charlie (Harvey Keitel) da oben auf der Leinwand trennte. Ich hätte ihnen praktisch auf dem Schoß sitzen können. Es war mein erster amerikanischer Film ohne den Stempel oder den ätzenden Gestank Hollywoods. Er kam mir vor wie ein böses Stiefkind des Studiosystems. Es war nicht Scorseses erster Film, aber Mean Streets erweckte den Eindruck, als hätte sein Regisseur durch ihn die Sprache des Kinos entdeckt und darüber hinaus uns, die Zuschauer, in die Erzählung seines eigenen Lebens hineingerissen. Er war intim, ohne je sentimental zu werden, brutal und zärtlich zugleich. Johnny Boy und Charlie hätten die beiden Seiten seiner eigenen Psyche sein können – der wilde Bursche und der junge Mönch.

Ich habe den Film wieder und wieder gesehen, jedes Mal mit noch größerem Entzücken, weil seine Struktur, ja seine Haut mit einem eigenen grimmigen Sog zu atmen schien. In der Mitte des Films kommt es in einem Billardsalon zu einem Kampf, der wie ein chaotisches Ballett wirkt; und gerade als der Kampf vorbei ist, beginnt er wieder von vorne – in keinem anderen Drehbuch hätte eine solche Szene stehen können. Es gab die Zeit, die wir kannten, und die "Scorsese-Zeit", die alle Regeln brach.

Dieselbe tiefe Lust bereiteten mir Taxi Driver (1976) und Wie ein wilder Stier ( 1980). Auch für The Departed ( 2006) schwärmte ich, einen Film von etwas konventionellerem Gepräge. Hier waren die Gangster nicht italienischer, sondern irischer Abstammung, und den Schauplatz bildete Boston, nicht der Hexenkessel Manhattans. Doch war es immer noch ein sehr persönlicher Film, und die beiden Protagonisten, Polizeikadett Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) und Sergeant Colin Sullivan (Matt Damon) wirkten wie der kampfeslustige Schatten des jeweils anderen, wie Blutsbrüder fast. Wieder waren wir in Scorsese-Country, einer feudalen Landschaft, in der Feinde eine intime Vertrautheit hatten, wie sie Freunden nie vergönnt war.

Und vielleicht lag hier auch der Grund für meine Panikattacke. Ich hatte meine eigene "feudale Geschichte" mit Martin Scorsese gehabt, als ich ihm von Film zu Film folgte. Ich kannte ihn mein halbes Leben lang und empfand mich ihm vertraut, ohne ihm je begegnet zu sein. Und auf einmal machte ich mir Sorgen, unser Interview könnte verkürzt werden oder ganz in der Phantasmagorie von Dr. Fu Manchus eigenem Terminkalender untergehen. Also sprang ich in ein Taxi.

Niemand filzte mich im Le Parker Meridien. Es kümmerte sich noch nicht mal jemand um meinen Ausweis. Ein Grüßaugust von Paramount ließ mich wissen, was für ein Glückspilz ich war – man hatte mich soeben heraufgestuft. Ich konnte zwanzig Minuten mit dem Maestro haben statt der üblichen fünfzehn. So ging ich in den dritten Stock zu Scorseses Hauptquartier, wo es mit Guantánamo losgehen würde, wie ich dachte. Es war aber kein einziger Mensch mit Knopfmikrofon im Ohr zu sehen. Jemand kam und eskortierte mich zu Scorsese, der auf einer anderen Etage in den Höhen des Hotels versteckt war. Wir fuhren im Aufzug hoch und warteten im Flur. Dann erschien mein persönlicher Page, ein achtjähriger Junge, der Sohn von Scorseses Presseattaché. 

Ohne ihm je begegnet zu sein, fühlte ich mich Scorsese vertraut

Es war kein Fu Manchu, auf den ich traf. Scorsese war weder gebieterisch noch geheimnistuerisch. Er hätte gar nicht freundlicher sein können. Ich erzählte ihm, wie oft ich Mean Streets gesehen hatte. Auch er liebte es, sich Filme immer wieder anzuschauen. Mit einem Lächeln erzählte er, dass er gerade die Filme Val Lewtons, jenes exzentrischen Produzenten von Low-Budget-Horrorfilmen des RKO-Studios in den 1940er Jahren, vorgeführt hatte. Als einen seiner Lieblingsfilme nannte er Katzenmenschen ( 1942) von Jacques Tourneur. Beide waren wir Fans von Tourneurs Film-noir-Klassiker Goldenes Gift aus dem Jahr 1947. Scorsese hatte sich ein wenig bei der geradezu magischen Beleuchtung beider Filme bedient, um die besondere Atmosphäre seines neuen Films, des schauerromantischen Thrillers Shutter Island, zu kreieren, die Adaption eines Buches von Dennis Lehane. Schon die erste Einstellung des Films, in der ein Boot geisterhaft aus einem sehr weißen Nebel auftaucht, könnte direkt Tourneurs unheimlichem Schattenland entsprungen sein. Genauso wie die Geschichte. Sie versetzt uns zurück in die fünfziger Jahre, auf eine Insel vor der Küste von Massachusetts. Einziger "Bewohner" der Insel ist ein Hospital für geistesgestörte Kriminelle…