Privatschulen und Internate "Die Nase vorn"

Solange die staatlichen Schulen ihre Trägheit nicht überwinden, werden Privatschulen an Attraktivität gewinnen, sagt der Bildungsforscher Kai S. Cortina. Ein Gespräch über Bildung als Ware

DIE ZEIT: Der private Bildungsmarkt expandiert – fast neun Prozent aller allgemeinbildenden Schulen sind Privatschulen, fast 700.000 Schüler kehren dem staatlichen Schulsystem den Rücken. Wie erklären Sie diesen Trend?

Kai S. Cortina: Zum einen hat das deutsche Abschneiden in den Pisa-Studien die Qualität des deutschen Schulwesens wieder zu einem politischen Thema gemacht und viele Eltern in ihrem Vertrauen in das staatliche Schulwesen verunsichert. Privatschulen werden dadurch indirekt attraktiver. Zum anderen ist die Globalisierung in der jetzigen Elterngeneration angekommen. Zweisprachiger oder englischsprachiger Unterricht und international anerkannte Zertifikate wie das International Baccalaureate werden vor allem in der sozialen Mittelschicht als attraktive Alternative gesehen. Solche Programme werden aber überwiegend von Privatschulen angeboten.

ZEIT: Konkurrenz belebt das Geschäft, argumentieren viele Privatschulbefürworter und erwarten positive Impulse auch für das staatliche Schulwesen. Ist da was dran?

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Cortina: Wohl kaum. In Deutschland unterstehen private Ersatzschulen der staatlichen Schulaufsicht und werden überwiegend staatlich finanziert. Schulträger sind in aller Regel gemeinnützige Einrichtungen, zum Beispiel Kirchen, die nicht profitwirtschaftlich orientiert sind. Konkurrenzdruck wird da kaum erzeugt. Auch in den USA oder in England, wo tatsächlich mit profitorientierten Privatschulmodellen experimentiert wurde, blieben diese Effekte aus.

ZEIT: Woran liegt das?

Cortina: Bildung ist keine Handelsware wie Bananen. Macht man eine Schule dicht, leiden darunter die Bildungskarrieren von mehreren Hundert Kindern. Kontinuität der Einrichtungen, Verlässlichkeit der Lerninhalte und nicht zuletzt Stabilität in der Lehrerschaft sind Güteaspekte im Bildungswesen, die sich mit einem Marktmodell nicht leicht in Einklang bringen lassen.

ZEIT: Eltern stehen unter einem enormen Druck, ihre Kinder fit für die Wissensgesellschaft zu machen. Reagieren die staatlichen Schulen zu unsensibel auf den gesellschaftlichen Wandel?

Cortina: Ja, die Reformen der letzten zehn Jahre haben uns zwar Bildungsstandards für die Kernfächer und daran anknüpfende Tests gebracht, womit wir eine bisher unbekannte Leistungstransparenz erreichen, aber die Trägheit im Bildungssystem ist noch lange nicht überwunden.

ZEIT: In welchen Bereichen sind die Privatschulen denn die besseren Schulen?

Cortina: Die große Zukunftschance für das Privatschulwesen liegt in der freieren Gestaltung des Unterrichts und des Lehrplans. Bisher war es ja so, dass in Deutschland Lehrpläne so wichtig waren, weil sie die Qualität der Schulbildung definierten. Die eingeschlagene Reformpolitik geht aber eindeutig in die Richtung einer Output-Kontrolle. Wenn sich alle Bundesländer zum Beispiel auf Bildungsziele in Mathematik am Ende der zehnten Klasse verständigt haben, kann man den Weg zu diesem Ziel der Schule und ihren Lehren überlassen. Wie in anderen Ländern auch werden die verbindlichen Bildungsstandards die detaillierten Lehrpläne entmachten. Wenn staatliche Tests dann auch noch unabhängig von der besuchten Schule und Schulart abgelegt werden könnten, wären Privatschulen tatsächlich in der Lage, staatlichen Schulen Konkurrenz zu machen. Wenn eine Privatschule auf einen deutschen Abschluss vorbereitet und man dies mit einem internationalen Zertifikat verbinden kann, wäre vermutlich ein großer Teil der Elternschaft bereit, dafür zusätzliches Geld auszugeben. Diese Liberalisierung von Unterricht und Curriculum wäre allerdings auch innerhalb der staatlichen Schulen denkbar, ähnlich wie das charter school- Modell in den USA, wo staatlich finanzierten Schulen pädagogische und administrative Eigenständigkeit zugestanden wird, solange die Schulen Erfolge vorweisen können.

Leser-Kommentare
    • Rabeh
    • 17.02.2010 um 14:36 Uhr

    Lehrer die ihre Leistung mit dem Lernerfolg ihrer Schüler messen sind engagierter und wirken motivierender.
    Diese "Lust zum Lehren" finden man an den Privatschulen häufiger.

  1. LEHREN kommt wie LERNEN von germ. LAISTI = FÄHRTE. Eine Färhte verfolgen, Erfahrungen sammeln, das ist LERNEN, und wenn einen das so freut und fasziniert, dass einem andere dabei folgen wollen, ist man LEHRER. So gilt das in der neuen Ich-kann-Schule. Ein richtiger Lehrer muss also erst einmal vom Lernen begeistert sein und andere mitreißen. Dagegen schauen die üblichen pädagogischen Erpressungsversuche schäbig und kleinklariert aus. Mit DRUCK will man erZIEHen - das ist einfach nur lächerlich.
    Die Privaten müssen sich verkaufen - das funktioniert nach dem SOG-Prinzip. Die staatlichen Schulen sind Unterrichtsvollzugsanstalten und haben den Lehrplan zu vollstrecken - das ist DRUCK-Prinzip. Logischerweise kommt bei Druck das Gegenteil raus wie bei Sog. Die neue Ich-kann-Schule lässt sich immer was einfallen, was ZIEHT. SOG löst nicht nur die Probleme, er richtet auch auf, fördert Wachstum und bringt Menschen punktgenau dahin, wo sie sollen. Wenn man intelligent genug ist, es zu sehen, stehen einem die Möglichkeiten zur Verfügung. Kinder zum Beispiel lernen das imk Handumdrehen. Wir täten gut, von ihnen zu lernen. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  2. Herr Cortina spricht davon, dass Privatschulen die soziale Gerechtigkeit des Schulsystems nicht beeinflussen würden. Diesen Gedankengang kann ich nicht ganz nachvollziehen!

    Faktum ist doch, dass Privatschulen zum einen natürlich staatlich subventioniert werden, jedoch auch ein gewisser finanzieller Anteil von den Eltern der dortigen Schüler aufgewendet werden muss. Also was mit seiner Aussage anfangen, wie diese Gelder solzialverträglich umverteilt werden? Mit Steuern? Nein!
    Unterm Strich können sich dies nur Eltern aus bekannten Gesellschaftsschichten leisten. Naja, die weiteren Gedankengänge muss man nicht weiter ausführen.

    Abschließend noch ein kleiner Gedankenanstoss. Der nachfolgende Link befasst sich damit, ob private Schulen oder staatliche Schulen die besseren sind. Nur für die, die sich damit auseinandersetzen wollen! ;-) Wer nicht, dem sei gesagt, dass die Autoren zu dem Ergebnis kommen, dass private Schulen NICHT besser sind als staatliche Schulen.

    Schümer, G., Weiß, M.: Bildungsökonomie und Qualität der Schulbildung, S. 32 ff.

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