Schweizer Banken Der Fluch der bösen Tat

Für viele Banker ist Moral wertlos. Das kommt sie jetzt wohl teuer zu stehen.

Hehlerei, also das Geschäftemachen mit geraubten Werten, ist seit Langem eine der profitabelsten Tätigkeiten von Schweizer Banken. Aus deren Tresoren tropfen Blutgelder, seit es Diktatoren gibt. In deren Safes werden Schwarzgelder von Steuerhinterziehern gebunkert, seit es das Bankgeheimnis gibt. Jeder Insider weiß, dass mindestens die Hälfte aller in der Schweiz deponierten ausländischen Privatvermögen unversteuert sind. Alles ist dabei geregelt von Angebot und Nachfrage. Alles eine Abwägung von Risiko (Rechtsbruch im Ausland) und Gewinn (exorbitant). Nichts eine Frage von Anstand oder Moral.

Banker leben in einer Welt, in der Werte nur in Zahlen gemessen werden, deshalb ist für sie Moral wertlos, und Schuld kommt höchstens in Form von Schulden vor. Kriminelle Energie, eingehüllt in das Reputationsmanagement beeindruckender Bankpaläste, wird verstanden als Mittel zur Einkommenssteigerung. Ausnahmen bestätigen die Regel.

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Die Sache ist auch besonders risikoarm und profitträchtig, da der ausländische Steuerhinterzieher ja schlecht Krawall schlagen kann, wenn ihm unverschämte Gebühren abgezwackt werden. Oder wenn sich der Schweizer Banker durch häufiges Umschichten des Schwarzgelds oder Hochrisikospekulationen an Kommissionen krank und kranker verdient, während sich das Kapital in Luft auflöst. Die Leidensfähigkeit derer, die ihr Scherflein vor ihren Steuervögten versteckt haben, ist groß.

Welch scheinheiliges Gezeter, wenn sich Schweizer Gnome nun darüber erregen, dass der deutsche Staat das gleiche markwirtschaftliche Prinzip anwendet, nämlich mit geraubten Kundendaten ein Geschäft machen will, geregelt von Angebot und Nachfrage. Alles eine Abwägung von Risiko (Rechtsbruch im Inland) und Gewinn (exorbitant). Immerhin kann der deutsche Rechtsstaat anführen, dass er einen Teil der Milliarden wieder zurückkriegen möchte, die er zur Rettung von wankenden Banken aufgewendet hat. Und warum nicht von deutschen Steuerhinterziehern? Alles keine Frage von Anstand oder Moral.

Welch unnützes Gejammer, wenn sich Bundesräte über die Verwertung des Datenklaus erregen und trotzig Amtshilfe verweigern wollen. Sie haben sich ohne Not in Geiselhaft der Großbanken begeben. Man kann das Verhalten des Bundesrats nur mit dem Stockholm-Syndrom erklären: Die Geisel macht sich gemein mit dem Geiselnehmer. Oder man kann das Verhalten von Regierung und Bankern mit einem Wort von Schiller erfassen: »Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären.«

Die böse Tat ist hier, dass ein Deutscher seinen Staat um Steuern betrügt. Die nächste böse Tat ist, dass ihm eine Schweizer Bank dabei aus Eigennutz hilft. Die übernächste böse Tat ist, dass die Schweizer Regierung dieses Geschäftsmodell schützt. Dann werden die nächsten bösen Taten geboren: Einer bietet Kundendaten an, der deutsche Staat kauft und begeht seinerseits Rechtsbruch.

Solange die Eidgenossenschaft in eigentlich typisch deutscher Nibelungentreue den Missbrauch des Bankgeheimnisses durch Kunden und Banker schützt, verlieren mal wieder alle. Außer den Bankern, die das Geschäftsmodell Beihilfe zum Steuerbetrug einzig und allein nach seinem Ertrag beurteilen. Dabei hat der Finanzplatz Schweiz wirklich mehr zu bieten als solch üble Bangsterei. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass inzwischen jeder Steuerhinterzieher, der etwas nachdenkt, sein Geld in einen Trust in Delaware oder auf den Kanalinseln steckt.

Wo wird dies enden? In einem saubereren Schweizer Finanzplatz ohne Bankgeheimnis. Oder in einem gemeinsamen Weiterwanken von Bund und Bank in den Abgrund. 

Der Autor wurde bekannt durch seine bankenkritischen Bestseller »Zaster und Desaster« und »Bank, Banker, Bankrott« (Verlag Orell Füssli)

 
Leser-Kommentare
  1. sind die deutschen Steuersätze - und gesetzte. Die Steuergesetze hier sind die bei weitem umfangreichsten, kompliziertesten und ineffektivsten weltweit.
    Die zweite böse Tat ist der Umgang mit den Einnahmen durch den Staat. Dann erst erfolgt die böse Steuerhinterziehung, welche jeder in dem Umfang durchführt die ihm möglich ist.
    Man muß das Übel an der Wurzel packen, aber das ist dann wirklich unbequem und zwar für alle !

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  • Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
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  • Schlagworte Finanzen | Bundesrat | Bankgeheimnis | Schweiz | Banken | Delaware | Oder
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