Rodeln Augen zu und Gold

Deutschlands Rennrodlerinnen fahren seit Jahren aller Welt davon. Ist ihnen der Olympiasieg in Vancouver schon sicher?

Seriensiegerinnen: Tatjana Hüfner (links) und Natalie Geisenberger

Seriensiegerinnen: Tatjana Hüfner (links) und Natalie Geisenberger

Beim Rennrodeln gilt: Wer zu viel sieht, verliert. Denn wer den Kopf zum Gucken hochnimmt, erhöht den Luftwiderstand und büßt jene Hundertstel- oder Tausendstelsekunde ein, die das Gold bringt. Aber wie geht das, nicht hingucken, während man mit 140 Sachen auf einem selbst gebauten Fiberglasschlitten eine 1200 Meter lange vereiste Betonröhre hinabrast, bekleidet nur mit Plastikhaut und Sturzhelm?

»Wer die Kurven nicht ganz genau kennt, hat hier nichts verloren«, sagt Tatjana Hüfner. Die 26-jährige Brandenburgerin ist die zurzeit beste Rodlerin der Welt und somit eine Favoritin bei den Olympischen Spielen von Vancouver in der kommenden Woche. Wenn es losgeht, wird sie wieder nur nach außen schielen, um den Abstand zur Bande abzuschätzen, die Orientierungspunkte links, rechts, oben zu erhaschen suchen, Rufsäulen, Lampen, Kamerapositionen, an denen sie in eine der 14 Kurven einlenken muss, jede Körperfaser nach der idealen Linie ausrichtend.

Anzeige

»Die Ideallinie ist eigentlich für alle gleich und physikalisch vorgegeben«, sagt Hüfner, »aber man versucht natürlich, die Physik auszutricksen.« Fährt diese Kurve ein bisschen weiter oben, jene etwas weiter unten an. Alles eine Frage der Erfahrung und des Gefühls, das die Rodlerin »im Hintern« zu haben glaubt. Wenn es losgeht, denkt sie an nichts: »Wenn ich etwas denke, weiß ich, dass ich nicht bei der Sache bin.«

»Leere hieße bei mir Katastrophe«, sagt dagegen Natalie Geisenberger. »Ich konzentriere mich auf die schwierigen Stellen.« Obwohl erst 21 Jahre alt, ist die Miesbacherin bereits die zweitbeste Rodlerin der Welt. Wie Tatjana Hüfner strotzt sie vor Kraft, bei 1,83 Meter Größe wiegt sie 77 Kilogramm – was gut ist: Masse schiebt. Freilich nur bis zu einem gewissen Grad, irgendwann wird der Vorteil zum aerodynamischen Problem. »Außerdem sind das dann keine Muskeln mehr, sondern nur passive Massen, die man am Start erst mal wegkriegen und auf der Bahn lenken muss.« Und der Schlitten werde irgendwann auch zu klein.

Ohne ihren Untersatz ist jede Rodlerin nur ein halber Mensch und chancenlos. Rodeln sei zu 50 Prozent Kopfsache, die anderen 50 Prozent entscheide das Material, »ich liege eigentlich nur drauf«, sagt Tatjana Hüfner und lacht laut. Behutsam geht sie mit ihrem Schlitten um, »aber mit ins Bett nehme ich ihn nicht«. Bei den Reisen von Rennen zu Rennen übernachtet das Gerät in den Kellern der Hotels, gehüllt in einen Seesack aus Leinen mit Vorhängeschloss. Denn wo die Technik so wichtig ist, wird spioniert.

Das Gewicht und die Abmessungen des Schlittens sind vorgeschrieben: 21 bis 25 Kilogramm; die Schale, in der die Fahrerinnen liegen, darf nur von den Schultern bis zu den Kniekehlen reichen. Gleichwohl ist jeder Schlitten ein Einzelstück. Keine Schraube, kein Griff, keine Kufe gleicht der anderen – alles selbst gebaut. »Natalie und ich haben mal den Schlitten getauscht«, erzählt Hüfner, »sie meinte, ich würde einen Familien-Van fahren, und sie war eine Sekunde langsamer als normal. Und ich bin auf ihrem gar nicht ins Ziel gekommen.«

Nächtelang fummeln die Athletinnen allein oder mit ihren Technikern an diesen Formel-1-Geschossen des Wintersports. Sind die Rodlerinnen aus der Heimwerkerrepublik Deutschland am Ende deshalb so gut wie unschlagbar?

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service