Horrorfilme auf DVD: Die Monster in uns
Werwölfe, Vampire, Mumien – die »Classic Monster Collection« vereint die größten Film-Bestien
© Universal

Das Verdrängte in einem netten Menschen bricht durch: Lon Chaney Jr. in "Der Wolfsmensch" von George Waggner, 1941
Der Mann hat sich in einen Stuhl sinken lassen, reißt sich das Hemd herunter und zieht die Schuhe aus. Arme, Brust – so weit alles in Ordnung. Aber mit den Füßen stimmt etwas nicht. Sie wirken geschwollen. Sie haben Flaum angesetzt. Schnitt. Mehr Flaum, nein, Haare! Sie wachsen vor unseren Augen. Jetzt sind es keine Füße mehr. Es sind riesige Pfoten. Der Mann steht auf und geht aus dem Bild. Was aus seinem Gesicht geworden ist, sehen wir aber erst später, im Wald, zwischen knotigen Ästen und Nebelschwaden. Es ist der Wolfsmensch, 1941 gespielt von Lon Chaney Jr. in einem Klassiker des Horrorkinos.
Chaney entwickelte eine wahre Meisterschaft in der Darstellung der Vampire, Werwölfe und wandelnden Mumien, die in den dreißiger und vierziger Jahren von den amerikanischen Universal Studios aus dem Dunkel der Legende ans Licht der Unterhaltungskultur gezerrt wurden. Andere haben aus den literarischen und folkloristischen Gruselstoffen der Alten Welt vielleicht die kunstvolleren Filme gemacht, etwa Friedrich Wilhelm Murnau mit Nosferatu (1922). Aber es waren die monströsen Prototypen von Universal, die in Serie gingen und auf diese oder jene Weise bis heute überlebt haben, egal, wie viele Silberkugeln, Kruzifixe und Knoblauchzehen man gegen sie in Anschlag brachte.
Gerade hat sich das Studio wieder einmal auf sein großes altes Repertoire besonnen. In dieser Woche startet die Firma ein überraschend klassisches, hübsch melodramatisches Remake: Wolfman mit Benicio del Toro als Monster. Ein neuer Dracula ist auch schon in Planung. Das hat eine gewisse Logik in einer Zeit, in der die Farben Mattschwarz und Ochsenblutrot den Unterhaltungsmarkt dominieren und Fünfzehnjährigen das Wort Lykanthropie (Verwandlung eines Menschen in einen Werwolf) ganz glatt über die Lippen geht. Die neugeborenen Fans des Fantastischen, die mit den punkigen Werwölfen aus Underworld und den Prada-Vampiren der Twilight- Serien groß geworden sind, lassen sich so vielleicht mit der Tradition bekannt machen.
Oder sogar zum Original auf DVD verführen? Natürlich sind unsere modernen Monster technisch raffinierter und schicker ausgestattet als die der klassischen Ära, bessere Zähne haben sie sowieso. Die Verwandlungsszene im Wolfsmenschen von 1941 wirkt geradezu rührend im Vergleich mit dem, was del Toro im aktuellen Film durchmacht: Zing – da eine Klaue, swoosh – hier eine Schlabberzunge. Aber die Protagonisten des Horrorkinos sind nicht umsonst Wiedergänger: Es steckt in ihnen etwas Unerlöstes, Unabgegoltenes, etwas, wofür die Gesellschaft bis heute keinen rechten Platz gefunden hat. Der Sarg, den Bela Lugosis Dracula am Anfang von Tod Brownings 1931 erschienenem Film mit seinen langen Fingern tastend von innen öffnet, funktioniert wie die Büchse der Pandora: Er enthält das Böse, aber darunter, als Bodensatz, auch die Hoffnung.
Wenn der Deckel aufklappt, kommen jedenfalls enorme Energien ins Spiel. Sexuelle, natürlich, wie bei Dracula oder dem von Boris Karloff gespielten untoten Priester Imhotep in Die Mumie . Sie alle lieben Leute, die sie nicht lieben sollen, und das auch noch zur falschen Zeit – nämlich über den Tod hinaus. Da gibt es die unbändige Kreativität der irren Wissenschaftler, die, wie Frankenstein und der Unsichtbare, schon deshalb Monster in die Welt setzen, weil sie einfach nicht aufhören können zu arbeiten, zu schaffen, zu erfinden. Selbst Lon Chaneys Wolfsmensch, der ja wirklich unschuldig ist an seinem Schicksal, hat diesen Zug des Inkompatiblen: Bevor er sich verwandelt, ist er ein dynamischer, neugieriger, technikbegeisterter Mann, der lange in Amerika gelebt hat und in seinem spießigen, bigotten Heimatdorf im halb märchen-, halb albtraumhaften Irgendwo wie ein Störfaktor wirkt.
Vielleicht lässt sich heute, aus der historischen Distanz und mit den gesellschaftspolitischen Debatten der letzten dreißig Jahre im Hintergrund, das Motivgestrüpp der Monsterfilme sogar noch leichter erschließen als damals. So geht in Brownings Dracula eben nicht bloß die Angst vor einer ungerichteten, alles verschlingenden Erotik um, sondern konkreter: die des Weißen vor der miscegenation , der »Rassenmischung«. Der Vampir mit dem schweren Akzent – ein osteuropäischer Migrant – will, wie es im Film heißt, nicht nur das Blut der nordischen Schönheit Mina kosten, sondern ihr sein eigenes, verdorbenes unterjubeln. Was den Unsichtbaren betrifft, so scheint sich der Regisseur James Whale, einer der wenigen, der seinerzeit in Hollywood offen schwul lebte, weniger für die entfesselte Wissenschaft interessiert zu haben. Viel mehr fasziniert ihn das Drama eines Mannes, der eine so perfekte Tarnung erfunden hat, dass er buchstäblich mit seiner Umgebung verschmolzen ist – und der alles daransetzt, sich wieder bemerkbar zu machen. Der beiläufige Satz einer Nebenfigur: »Its a queer thing«, klingt einem ebenso in den Ohren wie die hysterische Stimme von Claude Rains, der mit diesem Film berühmt wurde, obwohl man sein Gesicht nur einmal zu sehen bekommt.
Am Ende muss gegen das Monster oft ein Mob auf den Plan gerufen werden; es herrscht Pogromstimmung. Der Wolfsmensch wird von einer Jagdgesellschaft zur Strecke gebracht, der Unsichtbare von einer Hundertschaft Polizisten umzingelt. Und der Sargdeckel fällt zu, bevor die Hoffnung entweichen konnte: die auf Versöhnung mit dem Verrückten, dem Kariösen, Verdorbenen und Abweichenden, mit dem Monster in uns.
Classic Monster Collection (Universal):
»Dracula« von Tod Browning (1931); »Frankenstein«, von James Whale, (1931); »Die Mumie« von Karl Freund (1932); »Der Unsichtbare« von James Whale (1933); »Der Wolfsmensch« von George Waggner (1941); »Phantom der Oper« von Arthur Lubin (1943); »Der Schrecken vom Amazonas« von Jack Arnold (1954); alle mit filmhistorischen Audiokommentaren







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