Alle wissen um die verheerende Wirkung – und tun es trotzdem immer wieder: Sie senken die Preise. Die mächtigen Chefs der großen Handelskonzerne können es nicht lassen, weil die Deutschen Schnäppchenjäger sind und selbst für gute Lebensmittel angeblich kein Geld übrig haben. Manche Waren werden geradezu verramscht. Doch auch das hat seinen Preis. Den zahlen häufig jene, die in den Läden hinter der Theke stehen, Regale einräumen oder an der Kasse sitzen. Wer im Handel beschäftigt ist, muss mit Lohndrückerei, Schikanen oder Schnüffeleien rechnen.

»Keiner ist billiger!« – mit diesem Slogan versucht die Rewe-Gruppe seit einigen Wochen, dem Discountkönig Aldi Paroli zu bieten. Ein Pfund Haferflocken gingen schon für 25 Cent über den Scanner, Joghurt für 29 Cent. Aldi reagierte prompt. »Die Preisoffensive geht weiter«, ließ das Unternehmen wissen und verschleuderte ein Pfund Kaffee für 2,49 Euro und ein Liter Pflanzenöl für 95 Cent. Auch Edeka ließ sich nicht lumpen: »Nirgendwo günstiger – versprochen«, versichert die Handelsgruppe.

Gerade so, als seien sie nicht selbst die Akteure, beklagen fast alle die Folgen ihres Handelns. Vor allem Rewe überrascht mit seiner Billig-Offensive. Gehört Konzernchef Alain Caparros doch zu jenen, die den massiven Preisverfall immer wieder anprangern: Reiner Preiswettbewerb sei kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell. »Wir machen mit, weil wir dazu gezwungen sind«, räumt er ein. »Mörderisch« nennt Metro-Chef Eckhard Cordes die Entwicklung. »Ich hoffe, dass bald wieder Vernunft einkehrt«, sagte er Mitte Januar der Wirtschaftswoche. Edeka-Chef Markus Mosa glaubt hingegen, dass die Preisrunden der vergangenen Monate nur einen Vorgeschmack auf die künftige Entwicklung liefern.

Die Handelsstrategen setzen sich damit massiv unter Druck. Und den bekommen die Mitarbeiter zu spüren. Was liegt näher, als beim Personal zu sparen, wenn die Margen schwinden? Wer stark genug ist, kann zunächst noch versuchen, beim Einkauf die Lieferanten auszupressen (siehe Artikel unten). Doch das klappt nur begrenzt. Lohnkosten zu senken ist der einfachere Weg, seitdem vor rund zehn Jahren die ersten Händler begannen, aus der Tarifgemeinschaft auszuscheren und die ausgehandelten Verträge mit den Gewerkschaften zu ignorieren. Inzwischen werden Gehälter bis an die Grenze der Sittenwidrigkeit gedrückt – und manchmal sogar darunter. Und dort, wo es Betriebsräte gibt, scheut so mancher Vorgesetzte nicht davor zurück, selbst Gesetz und Recht zu brechen.

»Man siegt sich zu Tode«, sagt Rechtsanwalt Jens-Uwe Thümer, der schon öfter die Interessen des Betriebsrates einer Kaufland-Filiale in Lüneburg vor Gericht vertreten hat. Ein Fall, so sagt er, sei besonders krass gewesen. Der Betriebsratsvorsitzenden war unterstellt worden, sie habe eine EC-Karte gefunden und diese der Eigentümerin nicht zurückgegeben. Ihr wurde gekündigt. Vor dem Arbeitsgericht konnte Kaufland mit dem Vorwurf nicht bestehen. Die Frau musste weiterbeschäftigt werden. Da wirkt der jüngste Vorfall fast harmlos: Der Betriebsrat soll daran gehindert worden sein, den eigenen Büroraum zu betreten, indem das Schloss heimlich ausgetauscht wurde.

Trotz juristischer Erfolge habe es immer wieder neue Verstöße gegeben, so Rechtsanwalt Thümer – bis es reichte. Er stellte einen Strafantrag wegen Behinderung des Betriebsrates. Für den zuständigen Verkaufsleiter von Kaufland hat das nun Konsequenzen. Vor knapp drei Wochen erließ das Amtsgericht Lüneburg einen Strafbefehl gegen ihn. Die enthält eine Verwarnung. Im Falle eines weiteren Verstoßes wird eine Geldstrafe fällig. Der Vorwurf, die Arbeit des Betriebsrates zu behindern, entbehre jeglicher Grundlage, teilt eine Unternehmenssprecherin zu Beginn dieser Woche mit. Der betroffene Verkaufsleiter habe Einspruch gegen den Strafbefehl eingelegt. Jetzt kommt es zur mündlichen Verhandlung.