El Greco-Ausstellung in Brüssel »Dieses Zittern suchen wir«Seite 2/2
Den aus Kreta stammenden, über Venedig und Rom nach Toledo gewanderten Ikonenmaler, geboren unter dem Namen Domínikos Theotokopoulos, nahmen sie umgehend als Ahnherrn des expressiven Geists und Stils in ihrer Mitte auf. Als Geistesbruder, als Prophet der Moderne, ihrer seelischen Anspannungen, ihrer nervösen Extravaganzen und Exaltationen. Als einen, der ihre Unruhe, ihre Nöte, ihre Sehnsüchte kennt und der sie schon vor über 300 Jahren ausgedrückt hat, als wäre auch er eine dieser gequälten Seelen aus den molochartigen Großstädten ohne Sonnenlicht und Zuflucht. Die Wiederentdeckung El Grecos in den Schriften Meier-Graefes gehört zu den größten, folgenreichsten Ereignissen in der Kunstgeschichte der Moderne.
Die Spanier verehren ihn, doch in Wahrheit war er Europäer
In Brüssel drängt sich die Erinnerung an diesen Geniestreich des deutschen Kosmopoliten auch deswegen auf, weil sich die offiziöse Schau – sie soll die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Spanien veredeln – ebenfalls der Wiederentdeckung El Grecos widmet. Allerdings würdigt sie speziell die Neubewertung im Spanien des frühen 20. Jahrhunderts, wo man El Greco als Nationalhelden, als Ahnherrn der spanischen Malerei und ingeniösen Gestalter typisch kastilischer Religiosität und Seelenverfassung zu verehren begann. Diese Bewegung führte schließlich 1910 zur Gründung des Greco-Museums in Toledo, dem Bezugspunkt der Brüsseler Ausstellung.
Meier-Graefe allerdings war schon damals weiter, denn er betonte die europäischen Dimensionen in El Grecos Leben und seiner vergeistigten Ausdruckskunst. Man sollte also, wenn man die Brüsseler Ausstellung besucht, auch an den gerne verpönten deutschen Kunstschriftsteller erinnern, der ein solch grandioses, noch immer bestechendes Bild des Malers entwarf. Seine Darstellung El Grecos wird, in ihrer Intensität, in ihrer funkelnden Brillanz, ohnehin nur von den Werken des Meisters selbst übertroffen. Seine Bilder sind immer wieder aufs Neue entwaffnend. Sie begeistern mit ihrer Wucht. Sie bezwingen uns mit ihrem Pathos. Sie lassen uns staunen angesichts jener rätselhaften, dunkelglühenden Menschlichkeit, die aus ihnen spricht. El Greco, unser Zeitgenossen, fremd und nah zugleich.
Die Ausstellung läuft bis zum 9. Mai; weitere Informationen unter www.bozar.be. Der Katalog erscheint in französischer und niederländischer Sprache und kostet im Museum 30 Euro
- Datum 18.02.2010 - 15:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
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