Neurowissenschaften Hirngespinste

Sitzt die Spiritualität hinter dem Ohr? Forscher konnten zeigen, wo im Gehirn der Eindruck von Transzendenz entsteht.

Ein indischer Guru praktiziert Yoga – doch woher kommt der Sinn für die Unendlichkeit?

Ein indischer Guru praktiziert Yoga – doch woher kommt der Sinn für die Unendlichkeit?

Jeder Mensch ist unterschiedlich musikalisch – zum Teil aufgrund kultureller Prägung, zum Teil aufgrund seiner biologischen Veranlagung. Ist es bei der Fähigkeit zur Spiritualität etwa ähnlich? Schon Max Weber sprach davon, er sei religiös unmusikalisch; heute versuchen Hirnforscher diese These zu beweisen. Der neueste Beleg dafür kommt nun von der Universität Udine, wo ein Team aus Neurochirurgen, Philosophen und Psychologen erstmals eine Verbindung zwischen der Erfahrung von Transzendenzerlebnissen und der Funktion bestimmter Hirnbereiche nachwies.

Als »Sinn und Geschmack für das Unendliche« beschrieb der deutsche Theologe Friedrich Schleiermacher 1799 die Erfahrung von Transzendenz. Prosaischer sprechen Psychologen heute von einem Gefühl, mit der Umgebung verbunden und Teil eines größeren Ganzen zu sein. Es gilt als Basis spiritueller Veranlagung. Für die Forscher um Cosimo Urgesi und Franco Fabbro ist dafür der hintere Scheitellappen (die Gehirnregion hinter und über den Ohren) zuständig.

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Wie die Italiener in der Fachzeitschrift Neuron berichten, haben sie Krebskranke vor und nach einem neurochirurgischen Eingriff interviewt, bei dem den Patienten jeweils ein Tumor im Gehirn entfernt wurde. Dabei zeigte sich: Fand der Eingriff im hinteren Scheitellappen statt, berichteten die Betroffenen danach von einem deutlichen Anstieg transzendentaler Erfahrungen; sitzt hier also der Sinn für die Unendlichkeit?

Leser-Kommentare
  1. Es wird allmählich lächerlich, was die Neurowissenschaft so alles gefunden haben will. Ich gehöre wirklich nicht zu den Grundsatzskeptikern, aber derlei Meinungen sind reißerisch und sonst gar nichts.

    Gern säh ich die Laborsituation genauer beschrieben, in der verifiziert wurde, dass die Probanden "Transzendenzerfahrungen" hatten, als man ihre Hirnströme gemessen hat. Aber es wäre von kritischer Presse wirklich zu viel verlangt, diese Frage selbst zu stellen...

    Stattdessen wird über eine auf Interviews mit Tumorpatienten basierende Studie zitiert. Was bitte hat das mit intersubjektiv nachprüfbarer, naturwissenschaftlicher Forschung zu tun?

    Und noch eins: Es gibt einen immensen Bedeutungsunterschied zwischen den Begriffen "transzendent" und "transzendental". Leider ist auch der dem Autor scheints nicht bekannt.

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    "Stattdessen wird über eine auf Interviews mit Tumorpatienten basierende Studie zitiert. Was bitte hat das mit intersubjektiv nachprüfbarer, naturwissenschaftlicher Forschung zu tun?"

    ganz einfach: man vergleicht die Äußerungen von diesen Patienten mit solchen, die an anderen Hirnregionen operiert wurden. Dann kann man mit statistischen Verfahren analysieren, wie stark die Empfindungen mit einer speziellen Hirnregion korreliert.
    Man knn außerdem eine Reihe anderer Experimente durchführen, zum Beispiel diese Region (genauer: die "temporo-parietal junction, TPJ") mit transkranieller Magnetstimulation kurzfristig beeinträchtigen. Dabei zeigt sich ähnliche Empfindungen.
    In Kernspinstudien zeigt sich, dass der TPJ dann besonders aktiv ist, wenn wir uns in der Welt positionieren.
    Hingegen ist die Aktivation während Meditation gehemmt.
    Bei der "out-of body experience" spielt der TPJ ebenfalls eine Rolle.
    Es gibt noch eine ganze Reihe von Experimenten, die diese Ergebnisse unterstützen.

    Für mich sind die neuen Ergebnisse daher nicht wenig überraschend, auch wenn mich ich ebenfalls an reißerischen Berichten ("der Sitz Gottes") störe. Das macht der Autor aber nicht, daher finde ich die Kritik etwas unangebracht und kindisch.

    "Stattdessen wird über eine auf Interviews mit Tumorpatienten basierende Studie zitiert. Was bitte hat das mit intersubjektiv nachprüfbarer, naturwissenschaftlicher Forschung zu tun?"

    ganz einfach: man vergleicht die Äußerungen von diesen Patienten mit solchen, die an anderen Hirnregionen operiert wurden. Dann kann man mit statistischen Verfahren analysieren, wie stark die Empfindungen mit einer speziellen Hirnregion korreliert.
    Man knn außerdem eine Reihe anderer Experimente durchführen, zum Beispiel diese Region (genauer: die "temporo-parietal junction, TPJ") mit transkranieller Magnetstimulation kurzfristig beeinträchtigen. Dabei zeigt sich ähnliche Empfindungen.
    In Kernspinstudien zeigt sich, dass der TPJ dann besonders aktiv ist, wenn wir uns in der Welt positionieren.
    Hingegen ist die Aktivation während Meditation gehemmt.
    Bei der "out-of body experience" spielt der TPJ ebenfalls eine Rolle.
    Es gibt noch eine ganze Reihe von Experimenten, die diese Ergebnisse unterstützen.

    Für mich sind die neuen Ergebnisse daher nicht wenig überraschend, auch wenn mich ich ebenfalls an reißerischen Berichten ("der Sitz Gottes") störe. Das macht der Autor aber nicht, daher finde ich die Kritik etwas unangebracht und kindisch.

  2. Ein bißchen weg vom Hirn, paar xy% weniger Neuronen und schon bist Du eins mit dem Kosmos! Ungefähr so, allerdings auf nicht-chirurgischer Basis, hatte ich mir das auch bisher schon vorgestellt.
    Th.R.

  3. "Stattdessen wird über eine auf Interviews mit Tumorpatienten basierende Studie zitiert. Was bitte hat das mit intersubjektiv nachprüfbarer, naturwissenschaftlicher Forschung zu tun?"

    ganz einfach: man vergleicht die Äußerungen von diesen Patienten mit solchen, die an anderen Hirnregionen operiert wurden. Dann kann man mit statistischen Verfahren analysieren, wie stark die Empfindungen mit einer speziellen Hirnregion korreliert.
    Man knn außerdem eine Reihe anderer Experimente durchführen, zum Beispiel diese Region (genauer: die "temporo-parietal junction, TPJ") mit transkranieller Magnetstimulation kurzfristig beeinträchtigen. Dabei zeigt sich ähnliche Empfindungen.
    In Kernspinstudien zeigt sich, dass der TPJ dann besonders aktiv ist, wenn wir uns in der Welt positionieren.
    Hingegen ist die Aktivation während Meditation gehemmt.
    Bei der "out-of body experience" spielt der TPJ ebenfalls eine Rolle.
    Es gibt noch eine ganze Reihe von Experimenten, die diese Ergebnisse unterstützen.

    Für mich sind die neuen Ergebnisse daher nicht wenig überraschend, auch wenn mich ich ebenfalls an reißerischen Berichten ("der Sitz Gottes") störe. Das macht der Autor aber nicht, daher finde ich die Kritik etwas unangebracht und kindisch.

    Antwort auf "Lachhaft"
  4. ich sollte erst mal deutsch lernen, ich weiß;-) Dann kämen meine Einwände wohl auch etwas seriöser rüber.

    Tatsächlich sind "die neuen Ergebnisse daher nicht sonderlich überraschend".

  5. ich werde nie verstehen, warum menschen, die sich selbst als religioes bezeichnen, solche resultate als angriff auf ihren glauben empfinden. der liebe gott hat ihnen augen gegeben, damit sie sehen koennen - warum nicht auch ein hirnareal, mit dem sie glauben koennen?

    umgekehrt scheinen sich viele atheisten von denselben resultaten in ihrer meinung bestaerkt zu fuehlen, was aus exakt denselben gruenden unsinn ist. schon augustinus wusste: wir koennen gott weder beweisen noch widerlegen. das gilt auch im zeitalter der neurowissenschaften.

    und ja: "spiritualitaet" und "transzendenz" sind nicht das gleiche wie "religiositaet". das argument ist aber uebertragbar.

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    • B.V.
    • 13.02.2010 um 14:55 Uhr

    Diese Argumentation gefällt mir am besten, was die Unterscheidung von religiösität, transzendenz und spiritualität betrifft.Das da nun hinter dem Ohrschmalz was sitzt das diese Dinge irgend wie umsetzt mag ja sein, aber wo ist der Beweis das es da auch entsteht? Die Frage dürfte nicht geklärt sein, also vermuten wir weiter.

    Der Artikel erweckt nun mal den Eindruck, dass man eine selbstverständliche Erklärung für "Transzendenz" gefunden habe, nicht nur für Spiritualität oder Religiösität. Das wird daran deutlich, dass die Leiter der Studie nicht dabei stehen bleiben, stärkere spirituelle Erfahrungen zu erklären, sondern die "Einbildung" von Transzendenz selbst als "evolutionären Vorteil" betrachten. Das geht nur mit der These, dass Gott nicht existiert. Wissenschaftlich korrektes Vorgehen wäre m. E. gewesen, auch ein Fazit aus der Perspektive, dass es Gott gibt, zu ziehen

    Trotzdem sehr interessante Studie! :)

    • B.V.
    • 13.02.2010 um 14:55 Uhr

    Diese Argumentation gefällt mir am besten, was die Unterscheidung von religiösität, transzendenz und spiritualität betrifft.Das da nun hinter dem Ohrschmalz was sitzt das diese Dinge irgend wie umsetzt mag ja sein, aber wo ist der Beweis das es da auch entsteht? Die Frage dürfte nicht geklärt sein, also vermuten wir weiter.

    Der Artikel erweckt nun mal den Eindruck, dass man eine selbstverständliche Erklärung für "Transzendenz" gefunden habe, nicht nur für Spiritualität oder Religiösität. Das wird daran deutlich, dass die Leiter der Studie nicht dabei stehen bleiben, stärkere spirituelle Erfahrungen zu erklären, sondern die "Einbildung" von Transzendenz selbst als "evolutionären Vorteil" betrachten. Das geht nur mit der These, dass Gott nicht existiert. Wissenschaftlich korrektes Vorgehen wäre m. E. gewesen, auch ein Fazit aus der Perspektive, dass es Gott gibt, zu ziehen

    Trotzdem sehr interessante Studie! :)

    • iriahi
    • 13.02.2010 um 14:20 Uhr

    Lieber Herr Blume,

    ich sehe Sie leisten engagiert Arbeit. Nicht nur auf dem religionswissenschaftlichen Emailverteiler Yggrasil, sondern jetzt auch auf Zeit-Online. Ich finde es äußerst spannend, was Sie schreiben. Aber eine Sache verstehe ich nicht: Sie haben doch selbst in ihrer Dissertation die Arbeit von d'Aquili/Newberg vorgestellt und intensiv diskutiert. Wie kommt es dann zu der Aussage: "Der neueste Beleg dafür kommt nun von der Universität Udine, wo ein Team aus Neurochirurgen, Philosophen und Psychologen erstmals eine Verbindung zwischen der Erfahrung von Transzendenzerlebnissen und der Funktion bestimmter Hirnbereiche nachwies." Im Grunde stimmt das doch nicht, da das erstmals bei besagten Forschern (d'Aquili und Newberg) geschah. Ich verstehe diesen Hype einfach nicht. Und auch der Versuch Religion zur Adaption zu erklären… Vielleicht machen wir dazu mal einen Workshop. Lieben Gruß aus Bayreuth.

    IRiahi

  6. 7. Genau:

    Also bei mir sitzt sie im Ohrenschmalz.

    • B.V.
    • 13.02.2010 um 14:55 Uhr

    Diese Argumentation gefällt mir am besten, was die Unterscheidung von religiösität, transzendenz und spiritualität betrifft.Das da nun hinter dem Ohrschmalz was sitzt das diese Dinge irgend wie umsetzt mag ja sein, aber wo ist der Beweis das es da auch entsteht? Die Frage dürfte nicht geklärt sein, also vermuten wir weiter.

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