Jeder Mensch ist unterschiedlich musikalisch – zum Teil aufgrund kultureller Prägung, zum Teil aufgrund seiner biologischen Veranlagung. Ist es bei der Fähigkeit zur Spiritualität etwa ähnlich? Schon Max Weber sprach davon, er sei religiös unmusikalisch; heute versuchen Hirnforscher diese These zu beweisen. Der neueste Beleg dafür kommt nun von der Universität Udine, wo ein Team aus Neurochirurgen, Philosophen und Psychologen erstmals eine Verbindung zwischen der Erfahrung von Transzendenzerlebnissen und der Funktion bestimmter Hirnbereiche nachwies.

Als »Sinn und Geschmack für das Unendliche« beschrieb der deutsche Theologe Friedrich Schleiermacher 1799 die Erfahrung von Transzendenz. Prosaischer sprechen Psychologen heute von einem Gefühl, mit der Umgebung verbunden und Teil eines größeren Ganzen zu sein. Es gilt als Basis spiritueller Veranlagung. Für die Forscher um Cosimo Urgesi und Franco Fabbro ist dafür der hintere Scheitellappen (die Gehirnregion hinter und über den Ohren) zuständig.

Wie die Italiener in der Fachzeitschrift Neuron berichten, haben sie Krebskranke vor und nach einem neurochirurgischen Eingriff interviewt, bei dem den Patienten jeweils ein Tumor im Gehirn entfernt wurde. Dabei zeigte sich: Fand der Eingriff im hinteren Scheitellappen statt, berichteten die Betroffenen danach von einem deutlichen Anstieg transzendentaler Erfahrungen; sitzt hier also der Sinn für die Unendlichkeit?