Ein indischer Guru praktiziert Yoga – doch woher kommt der Sinn für die Unendlichkeit? © Andy Buchanan/AFP/Getty Images

Jeder Mensch ist unterschiedlich musikalisch – zum Teil aufgrund kultureller Prägung, zum Teil aufgrund seiner biologischen Veranlagung. Ist es bei der Fähigkeit zur Spiritualität etwa ähnlich? Schon Max Weber sprach davon, er sei religiös unmusikalisch; heute versuchen Hirnforscher diese These zu beweisen. Der neueste Beleg dafür kommt nun von der Universität Udine, wo ein Team aus Neurochirurgen, Philosophen und Psychologen erstmals eine Verbindung zwischen der Erfahrung von Transzendenzerlebnissen und der Funktion bestimmter Hirnbereiche nachwies.

Als »Sinn und Geschmack für das Unendliche« beschrieb der deutsche Theologe Friedrich Schleiermacher 1799 die Erfahrung von Transzendenz. Prosaischer sprechen Psychologen heute von einem Gefühl, mit der Umgebung verbunden und Teil eines größeren Ganzen zu sein. Es gilt als Basis spiritueller Veranlagung. Für die Forscher um Cosimo Urgesi und Franco Fabbro ist dafür der hintere Scheitellappen (die Gehirnregion hinter und über den Ohren) zuständig.

Wie die Italiener in der Fachzeitschrift Neuron berichten, haben sie Krebskranke vor und nach einem neurochirurgischen Eingriff interviewt, bei dem den Patienten jeweils ein Tumor im Gehirn entfernt wurde. Dabei zeigte sich: Fand der Eingriff im hinteren Scheitellappen statt, berichteten die Betroffenen danach von einem deutlichen Anstieg transzendentaler Erfahrungen; sitzt hier also der Sinn für die Unendlichkeit?

 

Für Urgesi und Fabbro ist das plausibel. Schließlich führt diese Gehirnregion alle Informationen von Bewegungen, Raum- und Körperwahrnehmungen zusammen; sie erzeugt so unser Selbstbild und hilft uns, das eigene Ich vom Rest der Welt abzugrenzen. Doch genau diese Trennung von Selbst und Kosmos verschwamm, wenn die Chirurgen einen Teil des Scheitellappens herausschnitten. Dabei war dieser Befund unabhängig davon, ob sich ein Proband vor der Operation als religiös verstanden hatte. Andere Persönlichkeitsmerkmale blieben stabil. Daher schließen die Neuropsychologen auf einen direkten Zusammenhang zwischen der Arbeit dieses Hirnareals und dem Erleben von Transzendenz.

Diese Art der Untersuchung erinnert an die frühen Erkenntnisse der noch jungen Hirnforschung während des Ersten Weltkriegs. Damals studierten Ärzte bei einer Vielzahl von Männern mit unterschiedlichen Hirnverletzungen, welche charakterlichen Veränderungen damit jeweils einhergingen. Meist beobachteten sie Auswirkungen auf basale Merkmale wie etwa Sprache oder Feinmotorik. Mittlerweile aber versuchen Neurobiologen auch komplexere geistige Eigenschaften im Gehirn zu verorten.

Für nüchterne Naturwissenschaftler zeigt sich in der Entdeckung eines solchen »Transzendenzareals« aber nicht unbedingt Gottes Fingerzeig. Für sie hat sich diese menschliche Eigenschaft – wie alle anderen – deshalb herausgebildet, weil sie dem Individuum im Lauf der Evolution Vorteile bot. Als Hauptvorteil von Spiritualität sehen Forscher etwa die Fähigkeit, Egozentrismus zu überwinden und das eigene psychische Wohlbefinden zu steigern. In diese Sichtweise passen die neuen Befunde sehr gut. So gaben einige Teilnehmer der Studie an, die neu gewonnene Erfahrung der Transzendenz würde ihnen helfen, mit ihrer Erkrankung besser umzugehen.