Neurowissenschaften HirngespinsteSeite 2/2
Für Urgesi und Fabbro ist das plausibel. Schließlich führt diese Gehirnregion alle Informationen von Bewegungen, Raum- und Körperwahrnehmungen zusammen; sie erzeugt so unser Selbstbild und hilft uns, das eigene Ich vom Rest der Welt abzugrenzen. Doch genau diese Trennung von Selbst und Kosmos verschwamm, wenn die Chirurgen einen Teil des Scheitellappens herausschnitten. Dabei war dieser Befund unabhängig davon, ob sich ein Proband vor der Operation als religiös verstanden hatte. Andere Persönlichkeitsmerkmale blieben stabil. Daher schließen die Neuropsychologen auf einen direkten Zusammenhang zwischen der Arbeit dieses Hirnareals und dem Erleben von Transzendenz.
Diese Art der Untersuchung erinnert an die frühen Erkenntnisse der noch jungen Hirnforschung während des Ersten Weltkriegs. Damals studierten Ärzte bei einer Vielzahl von Männern mit unterschiedlichen Hirnverletzungen, welche charakterlichen Veränderungen damit jeweils einhergingen. Meist beobachteten sie Auswirkungen auf basale Merkmale wie etwa Sprache oder Feinmotorik. Mittlerweile aber versuchen Neurobiologen auch komplexere geistige Eigenschaften im Gehirn zu verorten.
Für nüchterne Naturwissenschaftler zeigt sich in der Entdeckung eines solchen »Transzendenzareals« aber nicht unbedingt Gottes Fingerzeig. Für sie hat sich diese menschliche Eigenschaft – wie alle anderen – deshalb herausgebildet, weil sie dem Individuum im Lauf der Evolution Vorteile bot. Als Hauptvorteil von Spiritualität sehen Forscher etwa die Fähigkeit, Egozentrismus zu überwinden und das eigene psychische Wohlbefinden zu steigern. In diese Sichtweise passen die neuen Befunde sehr gut. So gaben einige Teilnehmer der Studie an, die neu gewonnene Erfahrung der Transzendenz würde ihnen helfen, mit ihrer Erkrankung besser umzugehen.
- Datum 12.02.2010 - 17:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
- Kommentare 26
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Es wird allmählich lächerlich, was die Neurowissenschaft so alles gefunden haben will. Ich gehöre wirklich nicht zu den Grundsatzskeptikern, aber derlei Meinungen sind reißerisch und sonst gar nichts.
Gern säh ich die Laborsituation genauer beschrieben, in der verifiziert wurde, dass die Probanden "Transzendenzerfahrungen" hatten, als man ihre Hirnströme gemessen hat. Aber es wäre von kritischer Presse wirklich zu viel verlangt, diese Frage selbst zu stellen...
Stattdessen wird über eine auf Interviews mit Tumorpatienten basierende Studie zitiert. Was bitte hat das mit intersubjektiv nachprüfbarer, naturwissenschaftlicher Forschung zu tun?
Und noch eins: Es gibt einen immensen Bedeutungsunterschied zwischen den Begriffen "transzendent" und "transzendental". Leider ist auch der dem Autor scheints nicht bekannt.
"Stattdessen wird über eine auf Interviews mit Tumorpatienten basierende Studie zitiert. Was bitte hat das mit intersubjektiv nachprüfbarer, naturwissenschaftlicher Forschung zu tun?"
ganz einfach: man vergleicht die Äußerungen von diesen Patienten mit solchen, die an anderen Hirnregionen operiert wurden. Dann kann man mit statistischen Verfahren analysieren, wie stark die Empfindungen mit einer speziellen Hirnregion korreliert.
Man knn außerdem eine Reihe anderer Experimente durchführen, zum Beispiel diese Region (genauer: die "temporo-parietal junction, TPJ") mit transkranieller Magnetstimulation kurzfristig beeinträchtigen. Dabei zeigt sich ähnliche Empfindungen.
In Kernspinstudien zeigt sich, dass der TPJ dann besonders aktiv ist, wenn wir uns in der Welt positionieren.
Hingegen ist die Aktivation während Meditation gehemmt.
Bei der "out-of body experience" spielt der TPJ ebenfalls eine Rolle.
Es gibt noch eine ganze Reihe von Experimenten, die diese Ergebnisse unterstützen.
Für mich sind die neuen Ergebnisse daher nicht wenig überraschend, auch wenn mich ich ebenfalls an reißerischen Berichten ("der Sitz Gottes") störe. Das macht der Autor aber nicht, daher finde ich die Kritik etwas unangebracht und kindisch.
"Stattdessen wird über eine auf Interviews mit Tumorpatienten basierende Studie zitiert. Was bitte hat das mit intersubjektiv nachprüfbarer, naturwissenschaftlicher Forschung zu tun?"
ganz einfach: man vergleicht die Äußerungen von diesen Patienten mit solchen, die an anderen Hirnregionen operiert wurden. Dann kann man mit statistischen Verfahren analysieren, wie stark die Empfindungen mit einer speziellen Hirnregion korreliert.
Man knn außerdem eine Reihe anderer Experimente durchführen, zum Beispiel diese Region (genauer: die "temporo-parietal junction, TPJ") mit transkranieller Magnetstimulation kurzfristig beeinträchtigen. Dabei zeigt sich ähnliche Empfindungen.
In Kernspinstudien zeigt sich, dass der TPJ dann besonders aktiv ist, wenn wir uns in der Welt positionieren.
Hingegen ist die Aktivation während Meditation gehemmt.
Bei der "out-of body experience" spielt der TPJ ebenfalls eine Rolle.
Es gibt noch eine ganze Reihe von Experimenten, die diese Ergebnisse unterstützen.
Für mich sind die neuen Ergebnisse daher nicht wenig überraschend, auch wenn mich ich ebenfalls an reißerischen Berichten ("der Sitz Gottes") störe. Das macht der Autor aber nicht, daher finde ich die Kritik etwas unangebracht und kindisch.
Ein bißchen weg vom Hirn, paar xy% weniger Neuronen und schon bist Du eins mit dem Kosmos! Ungefähr so, allerdings auf nicht-chirurgischer Basis, hatte ich mir das auch bisher schon vorgestellt.
Th.R.
"Stattdessen wird über eine auf Interviews mit Tumorpatienten basierende Studie zitiert. Was bitte hat das mit intersubjektiv nachprüfbarer, naturwissenschaftlicher Forschung zu tun?"
ganz einfach: man vergleicht die Äußerungen von diesen Patienten mit solchen, die an anderen Hirnregionen operiert wurden. Dann kann man mit statistischen Verfahren analysieren, wie stark die Empfindungen mit einer speziellen Hirnregion korreliert.
Man knn außerdem eine Reihe anderer Experimente durchführen, zum Beispiel diese Region (genauer: die "temporo-parietal junction, TPJ") mit transkranieller Magnetstimulation kurzfristig beeinträchtigen. Dabei zeigt sich ähnliche Empfindungen.
In Kernspinstudien zeigt sich, dass der TPJ dann besonders aktiv ist, wenn wir uns in der Welt positionieren.
Hingegen ist die Aktivation während Meditation gehemmt.
Bei der "out-of body experience" spielt der TPJ ebenfalls eine Rolle.
Es gibt noch eine ganze Reihe von Experimenten, die diese Ergebnisse unterstützen.
Für mich sind die neuen Ergebnisse daher nicht wenig überraschend, auch wenn mich ich ebenfalls an reißerischen Berichten ("der Sitz Gottes") störe. Das macht der Autor aber nicht, daher finde ich die Kritik etwas unangebracht und kindisch.
ich sollte erst mal deutsch lernen, ich weiß;-) Dann kämen meine Einwände wohl auch etwas seriöser rüber.
Tatsächlich sind "die neuen Ergebnisse daher nicht sonderlich überraschend".
ich werde nie verstehen, warum menschen, die sich selbst als religioes bezeichnen, solche resultate als angriff auf ihren glauben empfinden. der liebe gott hat ihnen augen gegeben, damit sie sehen koennen - warum nicht auch ein hirnareal, mit dem sie glauben koennen?
umgekehrt scheinen sich viele atheisten von denselben resultaten in ihrer meinung bestaerkt zu fuehlen, was aus exakt denselben gruenden unsinn ist. schon augustinus wusste: wir koennen gott weder beweisen noch widerlegen. das gilt auch im zeitalter der neurowissenschaften.
und ja: "spiritualitaet" und "transzendenz" sind nicht das gleiche wie "religiositaet". das argument ist aber uebertragbar.
Diese Argumentation gefällt mir am besten, was die Unterscheidung von religiösität, transzendenz und spiritualität betrifft.Das da nun hinter dem Ohrschmalz was sitzt das diese Dinge irgend wie umsetzt mag ja sein, aber wo ist der Beweis das es da auch entsteht? Die Frage dürfte nicht geklärt sein, also vermuten wir weiter.
Der Artikel erweckt nun mal den Eindruck, dass man eine selbstverständliche Erklärung für "Transzendenz" gefunden habe, nicht nur für Spiritualität oder Religiösität. Das wird daran deutlich, dass die Leiter der Studie nicht dabei stehen bleiben, stärkere spirituelle Erfahrungen zu erklären, sondern die "Einbildung" von Transzendenz selbst als "evolutionären Vorteil" betrachten. Das geht nur mit der These, dass Gott nicht existiert. Wissenschaftlich korrektes Vorgehen wäre m. E. gewesen, auch ein Fazit aus der Perspektive, dass es Gott gibt, zu ziehen
Trotzdem sehr interessante Studie! :)
Diese Argumentation gefällt mir am besten, was die Unterscheidung von religiösität, transzendenz und spiritualität betrifft.Das da nun hinter dem Ohrschmalz was sitzt das diese Dinge irgend wie umsetzt mag ja sein, aber wo ist der Beweis das es da auch entsteht? Die Frage dürfte nicht geklärt sein, also vermuten wir weiter.
Der Artikel erweckt nun mal den Eindruck, dass man eine selbstverständliche Erklärung für "Transzendenz" gefunden habe, nicht nur für Spiritualität oder Religiösität. Das wird daran deutlich, dass die Leiter der Studie nicht dabei stehen bleiben, stärkere spirituelle Erfahrungen zu erklären, sondern die "Einbildung" von Transzendenz selbst als "evolutionären Vorteil" betrachten. Das geht nur mit der These, dass Gott nicht existiert. Wissenschaftlich korrektes Vorgehen wäre m. E. gewesen, auch ein Fazit aus der Perspektive, dass es Gott gibt, zu ziehen
Trotzdem sehr interessante Studie! :)
Lieber Herr Blume,
ich sehe Sie leisten engagiert Arbeit. Nicht nur auf dem religionswissenschaftlichen Emailverteiler Yggrasil, sondern jetzt auch auf Zeit-Online. Ich finde es äußerst spannend, was Sie schreiben. Aber eine Sache verstehe ich nicht: Sie haben doch selbst in ihrer Dissertation die Arbeit von d'Aquili/Newberg vorgestellt und intensiv diskutiert. Wie kommt es dann zu der Aussage: "Der neueste Beleg dafür kommt nun von der Universität Udine, wo ein Team aus Neurochirurgen, Philosophen und Psychologen erstmals eine Verbindung zwischen der Erfahrung von Transzendenzerlebnissen und der Funktion bestimmter Hirnbereiche nachwies." Im Grunde stimmt das doch nicht, da das erstmals bei besagten Forschern (d'Aquili und Newberg) geschah. Ich verstehe diesen Hype einfach nicht. Und auch der Versuch Religion zur Adaption zu erklären… Vielleicht machen wir dazu mal einen Workshop. Lieben Gruß aus Bayreuth.
IRiahi
Also bei mir sitzt sie im Ohrenschmalz.
Diese Argumentation gefällt mir am besten, was die Unterscheidung von religiösität, transzendenz und spiritualität betrifft.Das da nun hinter dem Ohrschmalz was sitzt das diese Dinge irgend wie umsetzt mag ja sein, aber wo ist der Beweis das es da auch entsteht? Die Frage dürfte nicht geklärt sein, also vermuten wir weiter.
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