Wirtschaftswachstum Ein Hoch auf die Fabrik

Die deutsche Wirtschaft lebt von der klassischen Industrieproduktion – das ist eine Stärke, keine Schwäche

Die Abhängigkeit vom Export sei zu groß, der Fokus auf klassische produzierende Industrien zu ausgeprägt – das war der Tenor von Experten, Medien und internationalen Organisationen, sobald in den vergangenen Monaten die Rede auf die deutsche Wirtschaft kam. Das Land brauche ein neues Geschäftsmodell, hieß es angesichts des tiefen Einbruchs 2009, eine stärkere Orientierung am Binnenmarkt sowie an Spitzentechnologien mit ihren international hohen Wachstumsraten. Nur die massive Förderung von Biotechnologie, Nanotechnologie oder Informationstechnik könne die Schwäche deutscher Kernbranchen wie Maschinenbau, Autoindustrie, Elektrotechnik oder Chemie kompensieren. Nur mehr Hightech sichere künftig das Wachstum und die Beschäftigung hierzulande.

Derlei Warnungen vor strukturellen Problemen sind ernst zu nehmen. Im Kern aber übersehen sie die spezifischen Stärken der deutschen Wirtschaft – und die Chancen, die diese Stärken bieten.

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In keinem anderen Industrieland spielt die klassische industrielle Produktion eine vergleichbar zentrale Rolle. Zur deutschen Wirtschaftsleistung steuert sie Schätzungen zufolge etwa 37 Prozent bei. Rund 14,4 Millionen Beschäftigte – 36 Prozent aller Erwerbstätigen – hängen direkt oder indirekt von ihr ab. Dagegen umfassen die industriellen Sektoren der Spitzentechnologie in Deutschland bislang nur rund zehn Prozent der Wertschöpfung und der Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe. Sie allein können einen Beschäftigungsrückgang in anderen, weniger technologieintensiven Bereichen keinesfalls kompensieren.

Die hiesige industrielle Kompetenz ist weltweit ohne Beispiel

Mögen diese Zahlen auch auf den ersten Blick wie ein Beleg der Kritik klingen, so sind sie auf den zweiten Blick Ausdruck einer seit Beginn der Industrialisierung ausgeprägten technologischen Spezialisierung, die vor allem international große komparative Vorteile bietet. Deutschland ist spezialisiert auf die Entwicklung und Herstellung komplexer industrieller Güter, insbesondere auf Investitionsgüter und Produktionstechnologien. Zu nennen ist neben den Großkonzernen aus der Auto-, Elektro- und Chemiebranche vor allem die große Zahl mittelständischer Unternehmen aus dem Maschinenbau, die teils seit Generationen ganze Segmente des Weltmarkts dominieren. Deutschland gilt zu Recht als globaler Fabrikausrüster.

Genau diese produktionsorientierten Strukturen helfen Deutschland dabei, die aktuelle Krise zu überwinden. Genau diese Strukturen sind zudem die Basis für die Weiterentwicklung des deutschen Wirtschaftsmodells. Die weltweit konkurrenzlose industrielle Kompetenz ist kein Hemmschuh, sondern der Ausgangspunkt für künftiges Wachstum. Produktionstechnologien sind Querschnitts- und Schlüsseltechnologien – und damit weltweit unverzichtbar. So basiert die Herstellung jedweder Produkte, vom hochinnovativen Hightechprodukt bis zum einfachen Lowtechprodukt, auf der Verfügbarkeit entsprechender Produktionstechnologien. Dabei kann es sich beispielsweise um spezielle Techniken handeln oder auch um komplette Fabriksysteme. Produktionstechnologie ist unverzichtbar für jeden, der die ökonomischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen der Zukunft meistern will.

Stichwort Kundenorientierung: Künftig wird die Produktion individualisierter ausfallen. Schafft es Deutschlands Industrie, Produktionstechnologien entsprechend weiterzuentwickeln, verbunden mit neuen Dienstleistungen und kürzeren Innovations- und Produktzyklen, wird sie alte Märkte stabilisieren – und neue erschließen.

Stichwort Greentech: Eine ressourcenschonende und energieeffiziente Produktion ist in den Fokus vieler Unternehmen und Staaten gerückt. Hier bestehen gute Chancen, Deutschland als weltweiten Kompetenzführer sowohl bei Produkten als auch Produktionsverfahren zu etablieren.

Forscher und Firmen müssen eng zusammenarbeiten

Stichwort Demografie: Es bedarf neuer Produkte und Produktionsprozesse, um die Lebensqualität einer alternden Gesellschaft zu verbessern. Auch diese Entwicklung, die viele Länder weltweit betrifft, birgt großes wirtschaftliches Potenzial.

Entscheidend ist nicht, ob die industrielle Produktion in Deutschland eine Zukunft hat, sondern ob sich die Produktionstechnologie in die richtige Richtung entwickelt. Voraussetzung hierfür ist freilich, dass die Produktionstechnologie stärker in die Fokus der deutschen Innovationspolitik rückt. Ausgebaut werden sollte die traditionell enge Vernetzung zwischen Wissenschaft, Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Entwicklung. Schon in der Vergangenheit basierte die Entwicklung bei Produktionstechnologien auf der praxisorientierten Verknüpfung traditioneller Technologien mit Neuentwicklungen im Hightechbereich, etwa mit Lasern, neuen Werkstoffen oder Nanotechnologien. Weiter bedarf es eines besseren Wissenstransfers zwischen Anwendern und Entwicklern; die Erfahrungen im Umgang mit neuen Produktionstechnologien sind essenziell für gezielte Weiterentwicklungen. Innovationspolitik sollte sich daher stärker an der Nachfrage und der Diffusion des Neuen in den Alltag hinein orientieren.

Hartmut Hirsch-Kreinsen ist Professor für Wirtschafts- soziologie an der TU Dortmund, Engelbert Westkämper leitet das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart

 
Leser-Kommentare
  1. Natürlich haben die beiden Autoren recht. Es wäre eine Katastrophe für Deutschland, wenn D den englischen Einflüsterungen folgen und sich auf die Traumfabrik "Finance" verlassen würde. Nichts als Blasen...
    Der chinesischen Power Engine muss man eine eigene Engine entgegen setzen, nicht irgendwelche Monopoly-Spiele mit Spielgeld.

  2. .. Fabriken produzieren Güter. Güter müssen gekauft werden.
    Dazu brauchen die Käufer Kaufkraft, also Einkommen.
    Die Lohnquote sinkt aber seit 1980 kontinuierlich von 73% auf jetzt 62%. Außerdem liegt die gesamte Sozialversicherung einzig auf den Arbeitseinkommen.

    Kapitaleinkommen konsumieren heute nicht mehr (ganz im Gegensatz zum Barock, wo die Reichen noch Villen bauten und Kunstwerke orderten), sondern wollen praktisch nur noch wieder investiert werden. Ständig steigende Investitionen bei stagnierendem Konsum - das KANN nicht funktionieren. Denn jede Investition ist letztlich nur dann rentabel, wenn sie nach der x-ten Stufe Konsum wird.

    D.h. die Industrie produziert nur noch für Konsumenten, die auf Pump konsumieren (wie in USA) oder sie produziert nur noch Investitionsgüter für den Export, die von Investoren gekauft werden, die sich ebenfalls durch (Staats-)Kredite finanzieren.

    Beides muss logischerweise in periodischen Kredit- bzw. Finanzkrisen platzen, die die nötigen Korrekturen bringen.

    Die mangelnden Absatzchancen der Konsumgüterindustrie im Inland bremsen Beschäftigung und Investitionsmöglichkeiten in "seriösen" Unternehmen.

    Was macht also das ständig wachsende Kapital? Es weicht zu unseriösen Renditeobjekten aus. Und Banken verkaufen gern unseriöse Projekte, weil bei denen die Provisionen und Boni höher sind.

    Und das sind die periodischen Börsenkrisen oder platzenden Immobilienblasen.

    Deswegen wechseln sich Finanzkrisen und Börsenkrisen nacheinander ab.

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    Die Produktion wirklicher Konsumgueter aus den bereichen Kommunikation, Textil usw. ist scho seit jahrzehnten aus Deutschland angewandert.

    Die Lohnquote ist bei Exportguetern kein Argument, da ein Privatmann niemals eine Tunnelbaumaschine kaufen wird, egal wieviel er verdient.

    Der Export ist sicher keine Gefahr fuer eine Finanzkrise, da eine reelle Leistung und ein reeller Wert dahinter steht.
    Die Krise entsteht vielmehr, wenn mit Scheinwerten wie im finanzsektor gehandelt wird.

    Die Produktion wirklicher Konsumgueter aus den bereichen Kommunikation, Textil usw. ist scho seit jahrzehnten aus Deutschland angewandert.

    Die Lohnquote ist bei Exportguetern kein Argument, da ein Privatmann niemals eine Tunnelbaumaschine kaufen wird, egal wieviel er verdient.

    Der Export ist sicher keine Gefahr fuer eine Finanzkrise, da eine reelle Leistung und ein reeller Wert dahinter steht.
    Die Krise entsteht vielmehr, wenn mit Scheinwerten wie im finanzsektor gehandelt wird.

  3. ... macht Industrie Sinn. Gerade in einem Land mit relativ hoher Bildung und super Infrastruktur wie in D.

    Das Geschwafel vom Strukturwandel stammt doch nur aus jenen Kreisen, die auf Teufel komm raus Verlagerung und Outsourcing nach Osteuropa und Fernost betrieben. Als wäre das etwas evolutionäres unabwendbares und nicht etwa massiv manipulierten Währungen und bedingungslosen Freihandel zu verdanken.

    Schön diese Erkenntnis! Und das in der globalisierungsfreundlichen ZEIT! Wahnsinn.

    • ADoria
    • 15.02.2010 um 0:45 Uhr

    Nur leider nicht richtig. Seit Beginn der 70-er Jahre ist Deutschland einem Deindustrialisierungsprozeß unterworfen. Die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe sinkt.
    Die Aussenhandelsbilanz ist auch nur bedingt aussagefähig, da der reale Vorleistungsimport immer stärker ansteigt.

    (Quellen:
    Statistisches Bundesamt Serie 18:
    http://www.destatis.de/je...

    Ifo-Institut Schnelldienst:
    http://www.cesifo-group.d...
    )

  4. Trotz aller Hindernisse wird es den Chinesen in den nächsten 30 Jahren gelingen, einen Industrie Prozess nach dem anderen zu meistern. Mit einem Bruchteil hiesiger Lohn- und Sozialkosten wird es immer schwieriger werden mit deutschen Produkten im Weltmarkt zu konkurieren.

    Wer das nicht wahrhaben will, bereitet Deutschland nur auf die nächste Strukturkrise vor.

  5. ...sitzt in Berlin.

    Mit einer derart fehlgeleiteten, schon mehrfach gescheiterten Wirtschaftspolitik ist die zukünftige Stellung Deutschlands als europ. Schlusslicht sicher!

    Das Bildungsniveau sinkt, darin wird einfach nicht genügend Geld bereitgestellt, die Infrastruktur verfällt, die Rechtssicherheit ist dank vielfacher Gefälligkeitsurteile auch nicht mehr gegeben...was hat D dann noch zu bieten?

  6. Die Produktion wirklicher Konsumgueter aus den bereichen Kommunikation, Textil usw. ist scho seit jahrzehnten aus Deutschland angewandert.

    Die Lohnquote ist bei Exportguetern kein Argument, da ein Privatmann niemals eine Tunnelbaumaschine kaufen wird, egal wieviel er verdient.

    Der Export ist sicher keine Gefahr fuer eine Finanzkrise, da eine reelle Leistung und ein reeller Wert dahinter steht.
    Die Krise entsteht vielmehr, wenn mit Scheinwerten wie im finanzsektor gehandelt wird.

  7. ...und Buh-Mann zugleich

    Hätte, wenn und aber - wäre der Osten Deutschlands nicht Ende der 80-er Jahre auf die Straße gegangen, dann wäre die Bundesrepublik damals genauso ökonomisch gescheitert wie heute.
    Hätte damals oder würde heute die Weltbank der Bundesrepublik genauso die Kredite verweigern, dann stünden wir genau jetzt an dieser, der gleichen, Stelle.

    Die ökonomische "Vereinigung" der beiden souveränen deutschen Staaten war ein "Volkstrauerspiel":

    Geblendet vom schönen Sein und ein paar hundert D-Mark "Begrüßungsgeld" - auf das heute geborene Säuglinge vergebens warten, weil kein Geld für eine Erstausstattung da ist - haben die Ostdeutschen damals alles über den Haufen geworfen, was sie eigentlich hätten wissen müssen:

    Zwischen Produktion und Konsumtion besteht ein dialektisches Wechselverhältnis.

    Was aber ist passiert:

    Ostprodukte wurden nicht mehr gekauft und die Läden wurden mit West-Waren voll gestopft.
    Natürlich hatten wir Mangelwirtschaft, die desto größer wurde, je mehr Menschen einfach nicht mehr arbeiten gingen, nur um ihr West-Geld zu verpulvern - oftmals an irgendwelchen billigen Ladenhütern, die kein Bundesbürger kaufte.
    Dann kamen die TREUHAND und die Abrissbagger und alles wurde "platt" gemacht - Strukturwandel im Osten - , obwohl viele Betriebe durchaus eine Chance zum Überleben hatten, wie wir heute wissen.

    Nun weiß auch der Ostdeutsche, dass im Westen nur mit Wasser gekocht wird - zu spät für manche Regionen.

    Es lebe die "Einheit"!

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  • Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
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  • Schlagworte Wirtschaftswachstum | Fabrik | Nanotechnologie | Düsseldorf
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