Kunstmarkt Geld für den Hungerkünstler
Immer geht er voran, nie kommt er vom Fleck: Warum der »Schreitende« von Alberto Giacometti das Kunstwerk der Stunde ist
© Carl Court/AFP/Getty Images

Am 3. Februar wurde bei Sotheby's in London Alberto Giacomettis "Schreitender" versteigert - für die absolute Rekordsumme von 74,2 Millionen Euro. Danach ging es weiter mit einem Gemälde des Impressionisten Paul Cézanne
Am 3. Februar 2010 wurde Alberto Giacomettis Skulptur L’homme qui marche I beim Auktionshaus Sotheby’s in London versteigert, für einen Preis, der alles Erhoffte überstieg. Der Schätzpreis lag bei 18 Millionen Pfund Sterling, am Ende zahlte ein anonymer Telefonbieter fast das Vierfache, 65 Millionen Pfund. Damit ist Giacomettis Schreitender das teuerste Kunstwerk, das je auf einer Auktion verkauft wurde. »Tosender Applaus«, so ein Agenturbericht, soll den Sieg am Kunstmarkt im Auktionssaal begleitet haben.
Auf vielen Titelseiten der Tageszeitungen wurde der Rekordpreis vermeldet, alle Welt schien verblüfft, dass just in Zeiten der Krise der Kunstmarkt zu neuen Höhenflügen anzusetzen scheint. Ja, dass es überhaupt Menschen gibt, die bereit sind, derartige Summen für ein Bild oder eine Skulptur auszugeben. Wild wurde spekuliert, um wen es sich bei dem Käufer handeln könnte und was der Verkauf für den ehemaligen Besitzer des Schreitenden , für die Commerzbank, bedeuten möge.
Viel interessanter allerdings ist die Frage, warum ausgerechnet eine Skulptur Giacomettis zum Objekt der Verschwendungssucht werden konnte? Erlebt der Existenzialismus, den sein Werk verkörpert, nun ausgerechnet auf dem Luxusmarkt der Kunst eine Wiederkehr? Ist Giacomettis Hungermensch vielleicht sogar das Inbild unserer Gegenwart? Oder liegt in der Popularität dieses Künstlers nicht ein groteskes Missverständnis vor?
Giacometti selbst hätte es vermutlich so gesehen. Samuel Beckett gegenüber soll er einst gesagt haben, Berühmtheit beruhe immer auf Missverständnissen. Durch die Fachleute werden diese aus Eigeninteresse noch geschürt, etwa wenn Giacomettis Schreitender im Sotheby’s-Auktionskatalog als «demütige Darstellung eines einfachen Mannes« beschrieben wird. Offenbar zielt man nicht nur auf die Geschmacksnerven und das Geltungsbedürfnis der reichen Sammler; auch die Barmherzigkeit gegenüber Kunstwerken will man entfachen.
Aus Schweizer Sicht ist man aktuell geneigt, den Giacometti-Verkauf als Ende eines einseitigen Schwärmens der Deutschen für die Schweiz zu deuten. Giacometti vereinigt alle gutartigen Klischees, die an uns Schweizern einst so nett und niedlich gefunden wurden. Er stand für den knorrigen Naturmenschen aus dem Bergell, einer reformierten Enklave innerhalb des alpinen Katholizismus. In der Lombardei, dem Tessin und in Tirol besänftigen barockes Schnörkelwerk und pralle Putten die Schroffheit zwischen Himmel und Erde. Hier aber, an der steinigen Maira, bieten die Kirchen kein Fest des schönen Scheins; es sind vor Nüchternheit knarrende Betsäle, weiß getüncht und ausgekleidet mit bleichem Arventäfer – das bilderlose Abbild der Welt draußen, wo der Mensch genügsam und fleißig sein Tagwerk besteht vor dem Abweisend-Drohenden der Berge.
Giacometti vertritt eine Schweiz alpiner Armut. Seit alters zogen die Bergeller als Stuckateure, Steinmetze und Zuckerbäcker in die Fremde. Nach Russland verschlug es sie und nach Süditalien. Albertos Großvater war Zuckerbäcker in Warschau und später Cafétier in Bergamo gewesen. Im Bergell liegen Giacomettis Wurzeln der Weltläufigkeit. Sein Pendelgang zwischen Stampa und Paris schloss sich an eine kulturelle Tradition der Auswanderung, die in ihrem Heimweh nach überallhin geübt war. Der kahle Korridor zwischen der Engadiner Seenplatte und Chiavenna ist eine unwirtliche Stätte, wo sich am Talgrund winters für Wochen keine Sonne zeigt und Heimatliebe sich bald weglos in den Bergwänden verfängt.
Dieses idealisierte Bild vom Schweizer hat ausgedient. Der Schreitende aus dem Bündnerland verlässt die Commerzbank in dem Moment, in dem auf dem Schwarzmarkt die CDs mit Schweizer Bankkontodaten von deutschen Steuersündern auftauchen. Die Liebe der Deutschen zur Schweiz kommt mit dem Bankgeheimnis ins Wanken. Der Lack ist ab.
Im Licht dieser Ernüchterung gesehen, erscheint Giacometti eben doch nur von jener Bauernschläue, mit der sich seine Landsleute so gern tarnen. Tatsächlich hatte der Künstler das Motiv des Schreitenden für ein Bankinstitut entwickelt. 1956 trat die Chase Manhattan Bank an den Künstler heran, die Plaza vor ihrem Hauptsitz zu gestalten. Es zeugt von Giacomettis selbstbewusster Verschrobenheit, die Einladung zum Ortstermin in New York ausgeschlagen zu haben mit der Entschuldigung, er arbeite gerade an den Porträts von seiner Frau Annette und dem Bruder Diego. Er glaubte zunächst, den Auftrag mit links von Paris aus erledigen zu können, und bastelte an einem Miniaturmodell jenes Platzes vor Wolkenkratzern.
- Datum 10.02.2010 - 16:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
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Sorry Herr Wyss, sie sind völlig falsch abmarschiert. Diese Skulptur zeigt idealtypisch den klassischen kleinen Bankkunden - auf dem Weg nach Hause, nachdem er sein Geld für ein empfohlenes Investment abgeliefert hat.
Darum war die Skulptur ja auch während der vergangenen Jahre im Besitz der Commerzbank.
Interessanter als diese Figur ist eigentlich, wieso die Commerzbank das gute Stück abgibt - sind sie so übel dran?
Zunächst einmal würde es dem Autor des Artikels gut stehen, sich vorab mit einigen Grundzügen der Kunstgeschichte vertraut gemacht zu haben, bevor er das Werk Alberto Giacometti's als ur-schweizerische Äußerungsform in Form eines "knorrigen Naturmenschen aus dem Bergell, einer reformierten Enklave innerhalb des alpinen Katholizismus." darlegt.
Ohne das phantasiereiche Werk Alberto Giacometti's im geringsten schmälern zu wollen:
Kunstgeschichtlich gesichert entspringt die Ikonographie der Giacometti-Skulpturen den etruskischen Bronzen aus Volterra
( Ombra della Serra )
Es waren diesmal nicht die Schweizer, die's erfunden haben.
Es waren die Etrusker im 3. Jahrhundert v.u.Zr.
Verehrter Herr Wyss, die Skulptur als "ägyptisierende Wandermumie" zu bezeichnen, finde ich, bei allem Verständnis für die Suche nach originellem Ausdruck, doch etwas despektierlich.
Mir gefällt es, dass ein zwar großes, aber optisch eher schmächtiges Werk, Alberto Giacomettis "Schreitender", auch neben einem von Damien Hirst in Formaldehyd eingelegten Tigerhai gut bestehen kann.
Diese Anti-Boteros von Giacometti wirken irgendwie immer bescheiden, klein und eher unaufdringlich. Aber genau daraus scheinen sie auch auf viele Betrachter ihre Wirkung zu beziehen. In Dreier- oder Vierer-Gruppen verstärkt sich m.E. dieser Effekt noch.
Viele Giacometti-Skulpturen müssten ja eigentlich in der heutigen Kunstlandschaft gegen die riesigen Gemälde der Baselitz', Richters, Meeses, Lüpertz', Rauchs etc. ankämpfen wie weiland Don Quijote gegen die Windmühlen.
Aber es ist anders. Zum Glück! Da schreiten diese fast schüchternen Figürchen auf die Bühne - und alle Betrachter sind fasziniert.
Alberto Giacometti hat seine "typischen Figuren" in einer Dekade - zwischen Mitte der Dreissiger und Mitte der Vierziger Jahre - "erfunden". Es begann eine Karriere, die nie steil, aber doch kontinuierlich verlief.
Würde der Künstler noch leben, wäre er wahrscheinlich über den Versteigerungspreis von 65 Millionen engl. Pfund für die größere Figur des "Schreitenden" bei Sotheby's auch eher irritiert.
Vielleicht werden von den Banken die Preise gepuscht, um "überteuert" ihre Bestände an den Mann zu bringen.
Wäre ja nichts Neues im Kunstmarkt.
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