Atomare Abrüstung Null ist die Hoffnung

Die Chancen für eine weltweite atomare Abrüstung wachsen – auch wegen den nuklearen Ambitionen Irans

Widerstand im eigenen Land: Ein Anhänger der iranischen Opposition mit einer Maske von Präsident Ahmadineschad protestiert gegen die Atompläne des Teheraner Regimes

Widerstand im eigenen Land: Ein Anhänger der iranischen Opposition mit einer Maske von Präsident Ahmadineschad protestiert gegen die Atompläne des Teheraner Regimes

Es war Sonntagvormittag, als Mahmud Ahmadineschad in Teheran den Chef der iranischen Atombehörde anwies: »Herr Salehi, beginnen Sie damit, mit Ihren Zentrifugen auf 20 Prozent anzureichern.« Irans Staatspräsident hatte, mal wieder, bei den Atomgesprächen die Tür zugeknallt, die er selbst eben erst geöffnet hatte. Wenige Tage später meldete er Vollzug: Iran sei jetzt eine Atommacht. Tür auf, Tür zu: So geht es seit Jahren in der iranischen Nummernrevue. Dem Westen reicht’s.

Schauspiel! Täuschungsmanöver! So wetterten die Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz. Hatte doch Irans Außenminister Manutschehr Mottaki noch zu mitternächtlicher Stunde wortreich Verhandlungsbereitschaft simuliert. Alles Unfug, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Iran wird nicht 1200 Kilogramm Uran zur Anreicherung außer Landes bringen. Das Land reichert sein Uran in der Anlage von Natanz weiterhin selbst an, seit Dienstag auf 20 Prozent, angeblich für medizinische Zwecke. Demnächst auf 90 Prozent? Das wäre der Stoff, aus dem die Bomben sind. 

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Verschärfte Sanktionen gegen Teheran dürften nun nur noch eine Frage von Tagen sein. Einen Militärschlag, über den in München US-Senator Joe Lieberman laut nachdachte, wird es hingegen kaum geben – solange sich nicht Israel zu einer Verzweiflungstat hinreißen lässt.

Im Ballsaal des Bayerischen Hofs zu München saßen auch vier ältere Herren. Ihr Glaube an die eherne Gültigkeit einer Nuklearstrategie gegenseitiger Abschreckung ist durch »Schurkenstaaten« wie Iran erschüttert worden. Deshalb streiten Henry Kissinger, George P. Shultz, William Perry und Sam Nunn seit nunmehr drei Jahren für eine Welt ohne Atomwaffen. Richard Burt, ehemaliger US-Botschafter in Bonn und wie die vier amerikanischen Elder Statesmen ein eisenharter Realist, dürfte ihren Beifall gefunden haben, als er in München sagte: »In der neuen internationalen Landschaft hat sich die Rolle der Nuklearwaffen geändert.« Einst habe die Abschreckung für Stabilität gesorgt. »Aber heute gibt es einen Wettbewerb zwischen den Kräften der Integration und den Kräften der Desintegration, die die Welt zu einem gefährlicheren Ort machen.«

Die Falken bemächtigen sich des Lieblingsthemas der Friedenstauben

Richard Burt ist einer der Sprecher von Global Zero, einer wachsenden internationalen Bewegung zur Abschaffung aller Atomwaffen, gegründet im Dezember 2008 von Exdiplomaten, Militärs, Strategen und Politikern. Die Falken haben sich des Lieblingsthemas der Friedenstauben bemächtigt. Es kann nicht gut stehen um den Frieden.

Ausgerechnet im Wall Street Journal, dem Pflichtblatt der internationalen Hochfinanz, zitierten am 4. Januar 2007 Kissinger, Shultz, Perry und Nunn – zwei ehemalige republikanische Außenminister, ein früherer demokratischer Verteidigungsminister und ein demokratischer Exsenator – ein Wort John F. Kennedys: »Die Welt war nicht dazu bestimmt, ein Gefängnis zu sein, in dem der Mensch auf seine Hinrichtung wartet.« Genau so aber sei es heute, schrieben die vier. Nordkoreas Atomversuche und Irans Urananreicherung hätten die Welt an den »Abgrund einer neuen und gefährlichen nuklearen Ära« geführt. Es sei keineswegs sicher, dass die alte amerikanisch-sowjetische Strategie der »gegenseitigen gesicherten Zerstörung« (mutually assured destruction – MAD) noch funktioniere; vielmehr steige das Risiko, dass Atomwaffen eingesetzt werden könnten, »dramatisch«.

Es war ein Weckruf, der bis heute nachhallt. Am Mittwochabend der vergangenen Woche saßen die vier in der American Academy am Berliner Wannsee. Und neben ihnen hatten drei deutsche Staatsmänner in den schweren, knarzenden Ledersesseln auf dem Podium Platz genommen: Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, und Hans-Dietrich Genscher. Nur Egon Bahr fehlte krankheitshalber. Die vier Deutschen hatten den vier Amerikanern am 9. Januar 2009 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geantwortet: Sie unterstützten ihren Aufruf zu einem Richtungswechsel in der Atompolitik »ohne Vorbehalt«. 

Jetzt, ein weiteres Jahr später, bekräftigt George P. Shultz, der geistige Vater des Appells, vor Berlins außen- und sicherheitspolitischer Elite: »Die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Die Dinge entgleiten uns.« Und Henry Kissinger warnt mit Worten, die er der Friedensbewegung entliehen haben könnte: »Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein, wenn an einem einzigen Tag hunderttausend Menschen getötet werden.«

Leser-Kommentare
  1. Immer dieselbe Leier.

    Der Iran will nicht wirklich verhandeln. Das will der Westen auch nicht. Dieser will seine Bedingungen diktieren, unter welchen Voraussetutngen die verbrieften Rechte aus dem Atomwaffensperrvertrag auch dem Iran zugebilligt werden.
    Wäre ich der iranische Staatschef, dann wäre ich zwar nicht so provokant in meinen Äußerungen, aber ich würde dem Westen trotzdem den Stinkefinger zeigen und die Rechte aus einem international anerkannten und gültigen Vertrag in Anspruch nehmen.

    "Die gleichen Rechte, die auch Deutschland für sich in Anspruch nimmt, aber wir Deutschen sind ja über jeden Verdacht erhaben. Wir haben uns in den letzten 150 Jahren einen einwandfreien Leumund aufgebaut, während der Iran schon mehrfach Weltkriege vom Zaun gebrochen hat."(Pispers)

    Und diese von Altersweisheit befallenen Spätsalomonisten in verantwortungsfreier Postiton, reden plötzlich, als wäre ihre Politik in verantwortlicher Position schon vergessen.
    Ich will keinem von ihnen das Recht absprechen, doch noch etwas aus der Geschichte gelernt zu haben, aber vielleicht sollte sich z.B. Kissinger erst einmal bei den Angehörigen der Opfer seiner Außenpolitik (insbesondere Chile) entschuldigen. Und Helmut Schmidt sollte zum Arzt gehen, denn die Anschauungen der Elder Statesmen ist eine Vision von einer atomwaffenfreien Welt.

    MfG
    AoM

  2. ... so einfach ist es dann aber doch nicht. Weil die Zeiten sich geändert haben.

    Der kalte Krieg ist vorbei. Atomwaffen verbreiten sich immer weiter. Waffenfähiges Material ist durch mehr als 200 Diebstähle leicht auf dem internationalen Schwarzmarkt zu bekommen. Die Anlagen werden weniger gewartet, so dass selbst von Fehlfunktionen der in die Jahre gekommene Mikrochips eine Gefahr ausgeht.

    Mit anderen Worten: Der westlichen Welt entgleitet die Kontrolle. Und so ist es nur logisch, weltweite nukleare Abrüstung zu fordern - keine Nuklearwaffen heißt keine Verbreitung, keine Fehlfunktionen und auch kein Terrorismus mit selbigen. Dies hat zur Folge, dass selbst im US-Militär viel Unterstützung für die Bewegung da ist - genauso wie bei den Russen und vielen weiteren Staaten.

    Soll man das jetzt verurteilen? Ich denke nein. Internationale Diplomatie ist extrem pragmatisch, genau, wie es die Akteure sind. Wenn man dies akzeptiert, ist die neue Entwicklung einfach nur eine riesige Chance für die Globale Null. Denn diese Menschen haben Kontakte, die wir (ich schreibe mein Diplom im Bereich Physik und Abrüstung) in der Form nicht haben.

    In der jetzigen Situation können wir zudem jede Hilfe gebrauchen, das Zeitfenster schließt sich langsam - Obama wird nicht ewig Präsident sein, und je mehr sich Nuklerwaffen verbreiten, desdo schwerer wird es. Aber wir haben auch mehr Unterstützung denn je, Diplomaten und Bevölkerung sind auf unserer Seite. Lasst uns was draus machen!

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