Hanna Schygulla Die Traumfrau
In ihren Rollen wirkt sie oft wie eine Schlafwandlerin: Ganz da und doch weit weg. Jetzt bekommt Hanna Schygulla einen Bären für ihr Lebenswerk. Ein Besuch in Paris
Als sie in einem weiten grauen Baumwollkleid die Wohnungstreppe zum Eingang herunterkommt, mit einem leicht überraschten »Ach, da sind Sie ja!«, als sie die Besucherin freundlich und doch ein wenig abwesend begrüßt, da ist er sofort da: der Schygulla-Effekt.
Einfach gesagt, besteht dieser Effekt darin, dass Hanna Schygulla auf einmalige Weise in sich ruht und neben sich steht, ganz da ist und zugleich woanders. Physisch vorhanden ist sie an diesem Winternachmittag jedenfalls in Paris, in einer Art Stadthaus aus dem 16. Jahrhundert in der Nähe der Bastille-Oper. Hier wohnt sie, unter feudal wirkenden Balkendecken, mit einer langjährigen Freundin, der kubanischen Sängerin und Regisseurin Alicia Bustamante.
Über die Wendeltreppe führt Schygulla ins obere Stockwerk. Es besteht aus einer Flucht größerer Zimmer und einem Saal mit bequemer Couch und riesigem Kamin. »Hier wohne ich also«, sagt sie.
Schygulla macht sich an einer Espressomaschine zu schaffen (»Ich konnte das doch mal«), nimmt an einem langen Holztisch Platz, der nach großen Abendessen ruft (»Für vier zu kochen, finde ich noch überschaubar, mehr sind Stress«), und stellt eine Schachtel Pralinen zwischen uns (»Damit’s leer wird«). Dabei ist sie von jener Aura leicht schläfriger Verzögerung umgeben, die man von ihren Filmfiguren kennt. Als lebe da jemand in einem Tagtraum von sich selbst. Und während man fragend um Formulierungen ringt, die diese hellwache Benommenheit möglichst taktvoll auf den Punkt bringen, greift Hanna Schygulla nach einer Praline und sagt: »Ich bin einfach so langsam.«
So einfach ist es wohl. Schygulla lächelt und schiebt die Schachtel in die Mitte. »Sie merken ja, dass ich etwas verlangsamt rede. Ich habe da etwas in mir, das ganz langsam schwingt, aber auch jäh umschwingen kann. Da sind halt diese seltsamen zwei Geschwindigkeiten in mir.« Die Zweitexistenz auf der Bühne und im Scheinwerferlicht, sagt sie, habe ihre Langsamkeit noch verstärkt: »Das ist, wie mit offenen Augen zu träumen.«

Schirmer und Mosel würdigt die Schauspielerin in einem neuen, umfangreichen Bildband: "Du... Augen wie Sterne - Das Hanna-Schygulla-Album"
Wahrscheinlich ist das Schlafwandlerische ihr größtes künstlerisches Kapital. Lasziv und selbstvergessen spielte sie schon 1969 in Rainer Werner Fassbinders Regiedebüt Liebe ist kälter als der Tod. In diesem existenzialistischen Schwarz-Weiß-Thriller schreitet sie als durchtriebener Engel im Minirock durch die Münchner Unterwelt. In einer langen Szene läuft sie mit ihrem Gangsterfreund langsam durch den Supermarkt und stopft sich ihre Handtasche mit gestohlenen Waren voll, so als bemerke sie es selbst nicht. Wie ein Wesen, das von einer fremden Fantasie in die Welt gestellt wurde, wirkt sie als Flittchen in Fassbinders Vorortdrama Katzelmacher. Als lesbische Geliebte in Die bitteren Tränen der Petra von Kant gelingt ihr eine kleine Studie der Gleichgültigkeit. Schygulla, die Somnambule, wird Fassbinders wichtigste Schauspielerin, wird zum Gesicht des Neuen Deutschen Kinos und mit der Ehe der Maria Braun, Effi Briest und Lili Marleen zum internationalen Star.
Maria Braun, die Nachkriegsfrau und Opportunistin. Die Sängerin, die in Lili Marleen einen Juden liebt und trotzdem den Nazis dient. Effi Briest, die an einer Lebenslüge erstickt. »Heute würde man vielleicht sagen, das sind alles Frauen, die krebsgefährdet sind«, sagt Schygulla, »weil sie das eigentliche Leben verkapseln und eine Doppelexistenz führen.« Sie lächelt. In sich hinein oder in die Ferne. So genau kann man es bei ihr nicht sagen.
- Datum 10.02.2010 - 11:39 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 11.02.2010 Nr. 07
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Merci, werte Frau Nicodemus, für diesen Bericht.....wie schade, dass Hanna Schygulla etwas ins Abseits der Medienöffentlichkeit geraten ist....sie hat eine so unglaubliche Präsenz. Wunderbar, dass sie einen "Ehrenbären" auf der Berlinale erhält....das hätte auch schon früher geschehen dürfen....eigentlich spätestens im Jahr nach "Auf der anderen Seite" von Akin.
Was die Wohnungssuche angeht: Da kommt eigentlich nur Charlottenburg in Frage, n´est-ce pas?! ;-)
Was haben diese beiden Schauspielerinnen gemeinsam?
Sie sind beide slawischer Herkunft (zumindestens einige Generationen zurueckliegend), stellen aber im internationalen Film oft "die deutsche Frau" da - hier in Fatih Akins "Auf der Anderen Seite", dort in Lars von Triers "Europa".
Ist das Zufall, und wenn nein, was sagt uns das? Vielleicht, dass es unser slawischer Einschlag ist, der uns Deutsche von unseren nord-, west- und suedeuropaeischen Nachbarn unterscheidet und uns in deren Augen exotisch erscheinen laesst?
Die Feuilletonisten fahnden doch oft nach Gruenden, warum wir Deutsche kein "normales" Volk sind...
Hanna Schygulla auf der Bühne
Ich hatte die Gelegenheit, Hanna Schygulla 1999 bei den Proben von MOI... PAS MOI unter der Regie von Margarethe von Trotta fotografisch begleiten zu dürfen.
Die Präsenz auf der Bühne war so deutlich zu spüren wie ich sie aus den Filmen kannte - schon sehr beeindruckend wie Hanna auch auf der Bühne aufblühte.
Ein paar Fotos von den Proben gibt es hier zu sehen: http://www.das-fotostudio...
Schon seit einiger Zeit versuche ich eine Adresse zu finden, mit der ich Hanna Schygulla erreichen könnte, aber ... Ja, ja, in Paris, in der Nähe der Bastille-Oper. Nun gut, ich suche den Film "Die Flucht nach Varennes", 1982, lange her, aber wer könnte meinen Schülern das Ende der französischen Monarchie schöner darstellen als Frau Schygulla in diesem Film? Im Fernsehen: Keine Aussicht auf Wiederholung. Was soll ich tun?
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