Ehrenbär für Wolfgang Kohlhaase Liebe, Tod und WetterSeite 3/3
Es dauerte nicht lange, und Wolfgang hatte mich meine anfängliche Scheu vergessen lassen. Die gemeinsame Arbeit war wunderbar unkompliziert, wie Arbeit sein kann, wenn man die Sicht auf Welt und Menschen teilt. Es geht darum, eine Sache so gut wie möglich zu machen, da ist Wolfgang pragmatisch und vollkommen uneitel. »Dramaturgie ist ein System von Regeln gegen die permanente Bereitschaft eines Publikums, sich zu langweilen«, sagt er. Sätze wie dieser bringen einen in Versuchung, ständig mitzuschreiben.
Wolfgang hat ein unglaubliches Gedächtnis für besondere Dialoge, besondere Geschichten. Manchmal scheinen sie Jahrzehnte aufbewahrt worden zu sein, bis er die passende Szene für sie gefunden hat. Er ist voller Anekdoten. Bei einer mehrstündigen Bahnfahrt mit ihm reist man außer von einem Ort zum anderen auch noch durch Zeiten, zu Menschen und erstaunlichen Begebenheiten. Und immer sind sie rührend, meist auch zum Lachen.
Auch über ihn selbst gibt es viele Geschichten. Einmal soll er ins Defa-Studio gekommen sein, mit einer Blume am Revers. Jemand flachste: »Na, Wolfgang, biste jetzt schwul geworden?« Wolfgang antwortete: »Halb Berlin weeß et besser.«
Jede Art von Künstlerattitüde ist ihm fremd, intellektuelle Phrasendrescherei sowieso. Seine Kunst hat immer etwas mit Partnerschaft, Freundschaft zu tun. Wolfgang trifft sich nicht nur mit Menschen, um mit ihnen zu arbeiten. Er möchte mit ihnen das Leben teilen. Er ist treu. Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer hießen einige seiner wichtigsten Weggefährten.
In Whisky mit Wodka wird der Regisseur von einem Bühnenarbeiter gefragt, was denn nun eigentlich die Botschaft seines Drehbuchs wäre. Wolfgang lässt ihn antworten: »Die Botschaft, wie Sie es meinen, gibt es vielleicht nicht. Man macht einen Film ja nicht, weil man Bescheid weiß, sondern um etwas zu entdecken. Film ist Vermutung, verstehen Sie? Es geht um immer neue Bilder für die Dinge, die sich immer wiederholen. Wie soll ich es ausdrücken? Die großen Phänomene. Die Liebe, der Tod und das Wetter.«
»Ein Drehbuch schreiben ist das Notieren einer Geschichte zum Zwecke ihrer Verfilmung«, sagt Wolfgang Kohlhaase. So einfach ist das. Und doch so schwer.
Andreas Dresen, geboren 1963, ist deutscher Filmregisseur. Zu seinen letzten Werken gehört der preisgekrönte Film "Wolke 9" (2008)
- Datum 17.02.2010 - 07:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
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