Davos/Herzlia/Ramallah.

Jassir Arafat ist einst mit umgeschnallter Pistole vor der UN-Generalversammlung erschienen; bürgerliche Etikette war ihm konterrevolutionär. Der Palästinenserpremier Salam Fajad aber ist ein Revolutionär, der hinter sich aufräumt. Beim Lunch im Seehof von Davos greift er zwar zur verbotenen Zigarette. Dann aber gießt er sorgfältig Mineralwasser auf eine Serviette, drückt die Zigarette darin aus, rollt das feuchte Papiertuch zusammen und wirft das Corpus Delicti in den Ascheimer vor der Tür.

Jassir Arafat hätte auch nie Standing Ovations vom israelischen Erzfeind erhalten. Das Ereignis darf man getrost »historisch« nennen. Ein paar Tage nach der Zigarettenpause auf dem Weltwirtschaftsforum tritt Fajad auf der Herzlia-Konferenz auf, einem alljährlichen Treffen des israelischen Sicherheits-Establishments, und zwar im Tandem mit Verteidigungsminister Ehud Barak. Noch nie hat ein palästinensischer Grande auf so großer Bühne zu einem so großen israelischen Publikum gesprochen. Er redet aus dem Stegreif, souverän und mit sonorer Stimme. Er wiederholt alle klassischen Forderungen, aber so freundlich und verbindlich, dass sein Publikum stehend applaudiert.

Wieder Szenenwechsel, der Amtssitz im eiskalten, verregneten Ramallah, diesmal ganz ohne Nikotinzufuhr. Das Gespräch beginnt mit einem Spruch, der in diesen Tagen zum geflügelten Wort in Nahost geworden ist: »Die Palästinenser wollen eine Lösung, aber keine Gespräche; die Israelis wollen Verhandlungen, aber keinen Deal.« Fajad gibt sich erstaunt: »Das höre ich zum ersten Mal.« Der Besucher hakt nach: »Aber das Höchste, was Palästinenserpräsident Abbas zugestehen will, sind indirekte Gespräche – mit dem US-Sondergesandten Mitchell als Zettelträger.«

Tony Blair schwärmt von diesem Palästinenser

Ein krasses Nein wird Abbas nicht mehr durchhalten können, nicht nachdem die Netanjahu-Regierung zwar kein totales Einfrieren des Siedlungsausbaus, aber doch eine kleine Eiszeit verhängt hat. Der zweite Mann nach Abbas ist, wie so oft in seiner Karriere, schon weiter. Dass die Palästinenser Gespräche verweigern, sei keine »akkurate Darstellung der Lage«, meint Fajad. Gewiss, der Baustopp ist kein hundertprozentiger, »gerade hat ein israelischer Minister in Hebron einen Grundstein für ein neues Gebäude gelegt«. Aber es folgt ein typischer »Fajad«, der Ausbruch aus der Orthodoxie: »Der Stillstand ist keine gute Idee; wir müssen dem Prozess eine Chance geben.« Der Satz bleibt so stehen, lässt aber ahnen, dass nicht Präsident Abbas den Kammerton vorgibt, sondern sein Premier. Man darf, ganz vorsichtig, auf das Ende der Sprachlosigkeit hoffen.

Die Losungsworte des Salam Fajad sind: »Es muss Sinn machen«, »wir müssen Selbstverantwortung zeigen«, »wenn du die Autorität hast, nutze sie; wenn nicht, verschaffe sie dir«. Tony Blair, der Nahost-Gesandte, schwärmt: »Der Mann ist first class, ein Profi, mutig und intelligent.«

Wenn Israelis und Palästinenser wieder zusammenkämen, wohin soll denn die Reise gehen? Gibt es für den Stillstand nicht tiefere Gründe als nur den Streit um einen Siedlungsstopp? Fajad ist ein gelernter Ökonom, der in der Weltbank und im Weltwährungsfonds gearbeitet hat; also bemüht der Besucher das Konzept des »Pareto-Equilibrium« – das ist der Punkt, an dem keiner einen Vorteil erwarten darf, wenn er sich von ihm wegbewegt. Sowohl die Israelis als auch die Palästinenser wissen, dass jenseits vom Status quo nur der Verzicht auf uralte Träume lauert, die möglichen Gewinne aber abstrakt und ungewiss sind.

»Falsch!«, schießt der Premier zurück; »ja, das Risiko ist hoch, aber die Rendite auch. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Beide Seiten wissen doch, dass die jetzige Lage unhaltbar ist. Das ist kein Pareto-Gleichgewicht, das sich immer wieder automatisch einpendelt; stellen Sie sich stattdessen eine Kirsche vor, die auf dem dünnen Rand eines Cocktailglases balanciert. Sehen Sie, so labil ist die Situation.«