Die klassische palästinensische Politik hatte immer gelautet: »Wir wollen alles, und zwar jetzt!« Im Strom seiner Rede ohne Punkt und Komma will Fajad eine Botschaft überbringen: dass er einen Paradigmenwechsel verkörpere. Was ist denn das neue Paradigma? Fajad: »From the bottom up« – unten anfangen, dann nach oben arbeiten. Dieser »Technokrat«, wie sie ihn nennen, will den Feind kopieren, er will wie die Israelis vor der Staatsgründung 1948 schon das »Mobiliar« eines Staates zimmern: eine funktionierende Verwaltung, eine Justiz, ein Finanz- und Wirtschaftssystem, Sicherheitsorgane, Schulen, Straßen, Krankenhäuser. »Wie damals Israel, das ist unser neues Paradigma: Selbstverantwortung, Schritt um Schritt. Weinen hilft nicht; das führt nicht weiter.«

Was macht er denn anders als Arafat, der Mann mit der Pistolentasche? Wie will er sein Volk davon überzeugen, dass es tatsächlich nach oben geht? »Als Erstes haben wir die Finanzen in Ordnung gebracht. Das gibt keine Schlagzeilen her, ist aber entscheidend für das Wohlergehen der Menschen. Die Auslandsgelder werden jetzt sauber verbucht und gehen direkt ans Finanzministerium.« Soll heißen: Sie fließen nicht in die Taschen von korrupten Mächtigen und von dort auf ausländische Konten. »Plötzlich kommen die Investoren, aber schauen Sie sich dieses Gebäude an, in dem wir sitzen. Vor zwei Jahren kamen hier noch maskierte Bewaffnete zum Plündern rein. Die Wirtschaft wächst, zweistellig, und das, während ihr im Westen noch tief in der Krise steckt.«

Warum hat der Paradigmenwechsel so lang gebraucht, 60 Jahre? Fajad lacht: »Na ja, vielleicht sind wir ein bisschen langsam.« Zur Staatsgründung, fährt er fort, gehöre vor allem die Innere Sicherheit, »Law and Order«. Das sei gelungen: »Jeder, der eine Waffe trägt, ist ein Bandit, egal, zu welcher politischen Gruppierung er gehört. Gehen Sie heute nach Nablus, nach Dschenin, in die einstigen Zentren der Gesetzlosigkeit. Da herrscht jetzt Sicherheit, die Wirtschaft floriert.«

Der Mann verdoppelt das Redetempo, und noch hat er kein einziges Mal zur Zigarette gegriffen. »Als ich den Israelis versprach, für die Innere Sicherheit zu sorgen, haben die bloß gelacht. ›Du bist verrückt, das schaffst du nie ohne uns.‹« Er scheint es doch geschafft zu haben, und wieder in der Art des »Fajadismus«, wie es die New York Times genannt hat – die Chance erkennen und reinstoßen, und dies mit der Brutalität, die man einem »Technokraten« wie ihm nicht zutrauen würde, der nie einen Schuss abgefeuert hat. Seit seiner Ernennung im Juni 2007 haben Fajads Sicherheitskräfte 8000 Westjordanland-Palästinenser verhaftet; berichtet wird von Prügel und Folter.

Wie hat er Gangstertum und Gewalt erstickt? »Ich habe damals alles auf eine Karte gesetzt, und zwar in Nablus, der Hochburg der Al-Aksa-Brigaden (des Terror-Arms von Fatah, Anm. d. Red.).« Ruhe zog in Nablus ein, dann in die anderen Bastionen der bewaffneten Konkurrenz. »Das war aber nicht nur eine Sache des nackten Gewalteinsatzes. Ich selber bin jeden Tag in Nablus, Dschenin, Hebron unterwegs gewesen, habe mich gezeigt, mit den Leuten geredet. Und als die merkten, dass ich die private Gewalt bändigen konnte, haben sie wieder Vertrauen in unsere Regierung gefasst.«

Die Radikalen von Hamas hassen ihn

Hat er auch das Vertrauen der Israelis? Fajad wird nachdenklich und verfällt auf ein Wortspiel im Englischen: »So mancher Israeli glaubt, dass die two state solution in Wahrheit eine two stage solution ist, dass wir unser Ziel eines einzigen Staates (zwischen Mittelmeer und Jordan) nicht aufgegeben haben, sondern es listigerweise in zwei Etappen verwirklichen wollen. Ich kann diese Ängste gut verstehen. Deshalb müssen wir ganz deutlich sagen: Wir wollen zwei Staaten, einen für uns, einen für euch. Israel ist da und bleibt. Das Ziel ist ein zweiter Staat, Punkt!«

Und der Weg dahin? Da kehrt Fajad wieder zur Aktenlage zurück, wie er sie ein paar Tage zuvor in Herzlia vorgetragen hat: Ostjerusalem als Hauptstadt, Rückzug auf die Grenzen von 1967, weg mit den Siedlungen, eine Landverbindung nach Gaza… Und das Recht der palästinensischen Flüchtlinge auf Rückkehr? Wieder blitzt der »Fajadismus« auf: der Weg als Ziel. »Das müssen wir verhandeln.« Und die unbeugsame Hamas in Gaza? Die Antwort ist kryptisch: »Es gibt kein Palästina ohne Gaza.« Gewiss, Hamas hasse ihn. Aber es würde schon mal helfen, wenn Israel die Blockade aufhöbe.

Zudem müsse die Armee mit ihren Razzien im Herrschaftsbereich der Palästinenserbehörde aufhören; das sei nicht in ihrem Interesse, weil es die Autorität der Regierung untergrabe. Auch das ist »Fajadismus« – immer die gemeinsamen Interessen betonen, trotz aller Unversöhnlichkeit. Das führt zu der unvermeidlichen Frage, ob nicht ebendiese Armee, trotz ihrer routinemäßigen Vorstöße in die Besitztümer der Palästinenserbehörde, deren Lebensversicherung sei. So sicher kann sich das Regime nicht sein, wenn es gerade die Wahlen verschoben hat. Es folgt ein langes Schweigen. »Wissen Sie, die Israelis glauben, dass sie uns einen Gefallen tun. Tatsächlich ist unsere Sicherheit auch ihre Sicherheit – ein gemeinsames Gut.«

Ein Gemeingut – das ist die Sprache des Ökonomen, nicht des Revolutionärs. Bloß hat die Verheißung des gemeinsamen Gewinns seit 60 Jahren nur gemeinsame Verluste maximiert. Andererseits: Es gibt immer ein erstes Mal – wie die Ovationen, mit denen Fajad nach seiner Rede an den Erzfeind in Herzlia verabschiedet wurde.