Berlin an einem Tag im Winter, Freitagmittag, kurz nach eins. Die sechzehn Jahre alte Aysun* ist auf dem Heimweg von der Schule. Sie wird später der Polizei erzählen, der junge Mann sei ihr gleich aufgefallen. Er habe so wütend ausgesehen. Vielleicht hat sie auch beobachtet, wie der Bursche namens Okan* weiter oben in der Neuköllner Juliusstraße herumpöbelt, ein paar Einkaufswagen umwirft und eine Passantin anrempelt. Okans Wut sucht ein Objekt. Irgendeins.

Aysun ahnt das. Die junge Deutschtürkin senkt den Kopf, als der schmächtige Neunzehnjährige ihr entgegenkommt. Sie drückt sich näher an die Hauswand, schaut ihn nicht an, sagt kein Wort. Bloß jetzt keinen Augenkontakt. Bloß keine Provokation. Am liebsten würde Aysun sich unsichtbar machen. Aber sie hat kein Glück. Als sie schon fast an ihm vorbei ist, dreht Okan sich plötzlich um, packt ihre Haare, reißt ihren Kopf nach hinten. Sie schreit: "Loslassen, loslassen", aber er lässt nicht los. Er greift in die Tasche seiner weißen Jacke, holt ein Klappmesser hervor, lässt es aufspringen und zieht dem Mädchen die vier Zentimeter lange Klinge quer durch das Gesicht, von der einen Wange bis zur anderen.

Aysun brüllt auf, ihre Lippe ist aufgeschlitzt, überall ist Blut. Die Ärzte im Krankenhaus, in das Aysun kurz darauf eingeliefert wird, notieren eine klaffende Fleischwunde an der Oberlippe, ein Hämatom am Auge, eine Gehirnerschütterung, einen Schock.

Alltag auf deutschen Straßen? Gottlob nicht – nicht einmal im notorischen Berliner Bezirk Neukölln . Aber die Tat ist auch kein isolierter Ausreißer. Das völlig Anlasslose von Okans Überfall, das Blitzartige, Unprovozierte seiner Messerattacke ist vielmehr typisch für eine Tendenz, die Ermittlern, Staatsanwälten und Jugendrichtern zunehmend Sorgen macht, überall in deutschen Großstädten: Immer häufiger schlagen Jugendliche ohne erkennbaren Grund zu, prügeln los, stechen zu, treten nach, selbst wenn ihre Opfer längst am Boden liegen. Aus scheinbar heiterem Himmel. Einfach so.

Viele der Täter wissen Minuten vor der Tat selbst noch nicht, was sie gleich tun werden. "Es braucht keinen Anlass mehr", sagt die Münchner Staatsanwältin Verena Dorn: "Jemand wird Opfer, weil er gerade zufällig vorbeikommt." So wie Aysun.

Meist nimmt die Öffentlichkeit solche Taten kaum wahr. Meist bleiben sie auf bestimmte Quartiere, auf bestimmte Gruppen beschränkt. Messerstechereien, Straßenkriminalität, bewaffnete Überfälle sind, grob gesagt, Unterschichtenphänomene, begangen von jungen Männern in den Problemvierteln großer Städte. Wer dort nie zu tun hat, bekommt wenig davon mit. Okans Tat etwa war Berliner Zeitungen nur einen kleinen Bericht wert, als der Deutschtürke, der schon einige Vorstrafen hatte, wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung zu dreieinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt wurde.

Nur manchmal, wenn eine Videokamera einen besonders brutalen Überfall aufnimmt, wie bei den Münchner U-Bahn-Schlägern kurz vor Weihnachten 2007, oder wenn ein Opfer tot liegen bleibt, wie im Fall von Dominik Brunner auf dem S-Bahnhof in München-Solln im vergangenen September, reagiert das Land entsetzt und fassungslos. Wie kann so etwas sein? Woher kommt diese Brutalität, diese Hemmungslosigkeit, dieses blindwütige Zuschlagen? Nichts verstört, nichts verängstigt derart wie Gewalt, die sich nicht erklären lässt.

 

Wie von Sinnen brüllte einer der Täter: "Fuck, fuck, fuck"

Verena Dorn hat damit fast jeden Tag zu tun. Die 30-Jährige ist eine von zwei Ermittlerinnen, die sich bei der Staatsanwaltschaft München I um junge Intensivtäter kümmern. Mit acht Polizisten arbeiten Dorn und ihre Kollegin Susanne Strubl für das "Projekt personenorientierte Ermittlungen und Recherchen", kurz "Proper". Sie kümmern sich um Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 21 Jahren. Intensivtäter, das sind nach Münchner Definition Täter, die innerhalb von sechs Monaten mindestens fünf Delikte begangen haben, darunter eine Gewalttat. Derzeit sind in der Proper-Datei 94 junge Männer und vier Frauen registriert. Die Täter von München-Solln gehörten vor dem Tod von Dominik Brunner nicht dazu. Sie waren noch zu kleine Fische.

Dorn und Strubl kennen fast jeden "ihrer" Intensivtäter persönlich. Aus Vernehmungen, aus Durchsuchungen, aus Gerichtsverhandlungen. Sie sind nah dran an den jungen Leuten. Vielleicht auch deshalb benutzen sie bisweilen dieselben Wörter: "stiefeln" oder "kicken" etwa – so nennen Jugendliche das Eintreten auf Wehrlose.

"Bei vielen Tätern habe ich nicht das Gefühl, sie hätten von allein aufgehört", sagt Staatsanwältin Strubl, 33. Ihre Kollegin bekam vor Kurzem den Fall einer Clique Jugendlicher auf den Tisch, die sich zum Feiern abends draußen getroffen hatte. Als der Wodka leer war, kam ein Jogger vorbei. Ein Jugendlicher hielt ihn an, es wurden ein paar Worte gewechselt, dann wurde das Opfer zu Boden geprügelt. Obwohl der Mann sich nicht mehr regte, traten die Jugendlichen weiter auf ihn ein. "Ich frage mich, was passiert wäre, wenn nicht ein Autofahrer, der vorbeikam, so eindringlich gehupt hätte", sagt Verena Dorn.

Im Fall von Dominik Brunner haben Gerichtsmediziner 22 schwerste Verletzungen aufgrund "stumpfer Gewalt" an seinem Leichnam entdeckt. In der Anklage der Staatsanwaltschaft steht, Brunner habe sich am 12. September auf dem S-Bahnsteig gewehrt, er habe zuerst zugeschlagen – und sei damit einem Angriff um einen Sekundenbruchteil zuvorgekommen. Wie sehr die beiden Täter dann ausgerastet sind, dokumentiert ein Anruf von Brunners Handy, der in der Polizeinotrufzentrale aufgezeichnet wurde, als der 50-Jährige bereits auf dem S-Bahnsteig attackiert wurde. Von Brunner selbst ist auf dem Mitschnitt nichts zu hören, kein Wort, kein Hilfeschrei. Nur die Tritte und Schläge der beiden Täter. Dazu brüllt einer der beiden Jugendlichen wie von Sinnen, "motherfucker" und "fuck, fuck, fuck". Der Mitschnitt dauert kaum eine Minute. Dann herrscht Stille.

Einer ihrer "Kunden", berichten die Münchner Staatsanwältinnen, habe nach der Tat von Solln bemerkt: "Bin ich froh, dass mir das nicht passiert ist." Und er meinte nicht, Opfer zu werden.

Die Intensität vieler Taten, das Maß an Brutalität habe deutlich zugenommen, sagen die Jugend-Staatsanwältinnen – ein Befund, den viele Fachleute teilen. "Jugendliche Täter scheinen nicht selten keine Hemmungen mehr zu haben – etwa wenn sie einem anderen Menschen mit einem abgeschlagenen Flaschenhals das Gesicht zerkratzen", bestätigt Christian Böhm, der in Hamburg die Gewaltpräventionsstelle der Schulbehörde leitet.

Auch der Pädagoge Alin Josef, Mitarbeiter des Modellprojekts "Stop" für straffällig gewordene Jugendliche der "Treberhilfe" in Berlin-Neukölln, sieht die Tendenz. Er sei in Frankfurt aufgewachsen, "im Bahnhofsviertel", sagt er: "Aber vor 30 Jahren, als ich ein Junge war, da hat kein Zwölfjähriger einen anderen abgestochen."

 

Statistisch lässt sich das Phänomen bislang kaum beschreiben. Dazu fehlen schlicht die Instrumente. Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS), die einzige bundesweit kontinuierlich verfügbare Datenquelle, etwa erfasst nicht, ob ein Überfall aus heiterem Himmel erfolgte oder ob ihm ein längerer Streit vorausging. Sie sagt auch nichts über die Intensität eines Delikts. Sie registriert nur bestimmte Deliktstypen. Entsprechend umstritten ist die Aussagekraft der Zahlen.

Ist die Jugendkriminalität schlimmer geworden? Die bislang letzte verfügbare Statistik aus dem Jahr 2008 verzeichnet zwar weniger tatverdächtige Kinder, Jugendliche und Heranwachsende als im Jahr 2007. Dem dokumentierten relativen Rückgang steht allerdings seit geraumer Zeit ein erheblicher Anstieg bei den Gewaltdelikten gegenüber. Besonders die Zahl der schweren Körperverletzungen ist laut Polizei-Statistik gestiegen, seit 1998 um immerhin 54 Prozent. Auch die Zahl der jugendlichen Intensivtäter ist statistisch unklar. Im Jahr 2008 zählte eine Studie der Innenministerkonferenz (IMK) 4750 Intensivtäter in acht der 16 Bundesländer; die anderen hatten keine Zahlen gemeldet. Es gibt nicht einmal eine bundeseinheitliche Definition des Begriffs. Nach Schätzungen sind Intensivtäter, vielleicht ein Fünfzigstel aller Tatverdächtigen unter 21 Jahren, für ein Drittel aller Jugendstraftaten verantwortlich.

Dass es mehr geworden sind, steht für die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, am Amtsgericht für Jugendstrafsachen in Neukölln zuständig, außer Frage. "Vor ein paar Jahren haben wir noch gesagt: Wir verhängen möglichst keine Haftstrafen, das wächst sich aus, die werden ruhiger, wenn sie älter werden", erzählt sie. "Die richtig harten Burschen, das waren zwei, drei Fälle, die konnte man so mit durchschleppen. Heute geht das nicht mehr. Es sind zu viele."

Jedes Mal, wenn die Gewalt explodiert ist, wie bei der Attacke in der Münchner U-Bahn, wie im Fall Dominik Brunner, fragt sich die Nation fassungslos: Woher kommt diese Gewalt? Was treibt die jungen Schläger an? Ein Überschuss an Testosteron? Ein genetischer Code? Die Hoffnungslosigkeit ihres Lebens in der Unterschicht? Integrationsprobleme – überproportional viele der Gewalttäter haben einen Migrationshintergrund, bei den Intensivtätern sind es fast 70 Prozent? Falscher Medienkonsum? Alkoholismus, Drogenmissbrauch?

Alles mögliche Antworten. Aber vermögen sie zu erklären, woher die Enthemmung kommt?

Die Jugendlichen, mit denen sie zu tun habe, hätten eine "extrem niedrige Frustrationsschwelle" und seien "hochgradig aggressiv", sagt Kirsten Heisig. So wie Okan, der in der Neuköllner Juliusstraße über Aysun hergefallen ist. Okans älterer Bruder hatte sich ein paar Minuten vorher geweigert, dem 19-Jährigen seine ec-Karte auszuleihen. Das genügte. Aysun war nichts weiter als ein lebender Blitzableiter.

Stellen Ermittler die Täter zur Rede, können die Jugendlichen meist nicht sagen, warum sie einen anderen Menschen misshandelt haben. Verantwortung für das eigene Tun übernimmt so gut wie keiner. Ein Geständnis gerät oft zum "Ja, aber": Das Opfer habe doch provoziert – oder im falschen Moment geguckt.

 

Bei Gewalttaten dieser Art wollen die Täter meist nichts erbeuten, kein Geld rauben, kein Handy "abziehen". Sie planen die Taten nicht, es passiert einfach. Das deckt sich mit den Erkenntnissen der IMK-Studie von 2008. Die Verfasser kommen angesichts der jugendlichen Gewaltexzesse zu dem Schluss: "Als Auslöser wurden immer wieder Nichtigkeiten und Banalitäten angeführt. Die Gewalt wird um ihrer selbst willen verübt, sie scheint der ›Unterhaltung‹ und dem ›Zeitvertreib‹ zu dienen." Die beiden Münchner Staatsanwältinnen Verena Dorn und Susanne Strubl bestätigen: "Zumeist fehlt unseren Täter jede Empathie für die Opfer."

Ob ihnen klar sei, dass man durch Tritte töten könne, haben Polizisten drei 16-jährige Schweizer gefragt, die im vergangenen Sommer in München einen Versicherungsangestellten überfielen und ihn derart zusammentraten, dass sein Gesicht wohl sein Leben lang entstellt bleiben wird. Ja, sagten sie. Aber das sei ihnen "egal". Sie hätten auf Spaß gehofft, auf einen "Kick". Nach der Tat hockten sie sich in der Jugendherberge vor den Fernseher. Die Staatsanwaltschaft sprach von einem "Amoklauf ohne Waffen".

Als Christian Böhm Ende 1997 seine Stelle bei der Hamburger Schulbehörde antrat, umfasste sein Team zwei Menschen – seinen Chef und ihn. Heute ist der Psychologe selbst Leiter der Beratungsstelle Gewaltprävention und hat zehn Mitarbeiter. Sie bilden Lehrer fort, versuchen Jugendlichen das Streitschlichten beizubringen. Und sie betreiben Krisenmanagement an Schulen, die ein akutes Gewaltproblem haben. In Böhms Büro hängt griffbereit eine blaue Weste mit der Aufschrift "Hamburger Schulkrisenteam", im Regal steht ein dicker Leitfaden für Notfälle von Mobbing bis Amoklauf. Er heißt "Krisenordner".

Böhm kennt die Täter. Die meisten von ihnen wüssten, wie es sich anfühlt, geschlagen und getreten zu werden. Oft wechselten die Rollen von Fall zu Fall, sagt der Psychologe: "Sie sind bei einer Tat der Täter, bei der nächsten das Opfer. Auch das gehört zur neuen Beliebigkeit der Gewalt.

Viele Täter kennen Gewalt zudem von zu Hause, von klein auf. So wie Okan. Der vierte Sohn türkischstämmiger Eltern erlebte, wie sein Vater die Mutter und die Brüder regelmäßig schlug. Einer der Brüder verschwand, nachdem er wegen eines Tötungsdelikts zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Der zweite Bruder kam nach Drogenexzessen zurück in die Türkei , um dort behandelt zu werden. Die Eltern gingen mit und ließen Okan zurück in Berlin. Allein, als 15-Jährigen, beaufsichtigt nur gelegentlich von seinem dritten Bruder.

Okan, der von der Grundschule noch eine Realschulempfehlung bekommen hatte, blieb sitzen, wechselte auf die Hauptschule, begann zu schwänzen. Auch das ist typisch. Nicht jeder Schulschwänzer wird zum Gewalttäter. Aber viele Gewalttäter werden zum ersten Mal in der Schule auffällig.

Schulversagen generell ist ein regelmäßiges Merkmal einer beginnenden kriminellen Karriere: erste Auffälligkeiten schon in der Grundschule, Disziplinprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten, dann häufiges Schwänzen, Schlägereien, Verweise. Schließlich verlassen die künftigen Täter die Schule ohne Abschluss. Was folgt, ist ein Leben auf der Straße, mit den Kumpeln. Zu den Eltern nach Hause, sagen Ermittler, gehe es, wenn überhaupt, nur noch zum Essen, zum Schlafen und manchmal, um die Kleidung zu wechseln.

 

Wer sich die Lebensläufe der Gewalttäter anschaut, kann im Nachhinein die immer wieder gleichen Bruchstellen erkennen. "Wenn ich die Akten der jugendlichen Täter lese, ist im Rückblick leicht zu sehen, was schiefgegangen ist", sagt die Jugendrichterin Heisig. Die Laufbahnen der Schläger sind von deprimierender Gleichförmigkeit.

Heisig hat deshalb vor ein paar Jahren angefangen, Kontakte zu knüpfen. Mit Eltern, Lehrern, Polizisten, dem Jugendamt , mit Streetworkern und Migranteninitiativen, auf dem kurzen Dienstweg und manchmal auch ganz ohne. Wenn die jungen Täter bei ihr im Gerichtssaal stehen, ist es nämlich meist viel zu spät. Deshalb versucht sie, Netzwerke zu schaffen, Frühwarnsysteme zu installieren, damit die vielen Stellen, die sich um die Jugendlichen kümmern, nicht isoliert voneinander vor sich hinwurschteln. Damit sie frühzeitig auf Schulschwänzer aufmerksam werden. Damit die Lehrer erfahren, was ihre Schüler so treiben.

Noch steht diesem Anliegen häufig der Datenschutz im Weg, oft hapert es an der Zusammenarbeit. So dürfen Polizeibeamte eine Schule offiziell nicht informieren, wenn einer ihrer Schüler außerhalb des Geländes auffällig geworden ist. Das ist nur dem Staatsanwalt erlaubt und auch dann erst, wenn es zu einer Anklage kommt.

Okan, mittlerweile 21 Jahre alt, sitzt derweil in Berlin in der Jugendstrafanstalt und versucht, einen Hauptschulabschluss zu erlangen. Aysun, sein Opfer, trägt eine Narbe im Gesicht. Sie berichtete noch lange von Albträumen und ging nur ungern allein auf die Straße.

Die Jugendlichen, die Dominik Brunner wie von Sinnen geschlagen und getreten haben, warten auf ihren Prozess. Einer von ihnen hat nach der Tat ausgesagt: Ja, sie seien auf Streit aus gewesen.

* Namen geändert