Kölner Kulturpolitik Aufbruch gegen Abriss

Kölner Künstler verbinden Karneval und Lokalpolitik

Prost! Ein Mann verteilt Kölsch, mittags um zwei im Foyer des Kölner Kunstvereins. Prost – das klingt schon fast wie Protest. Und genau deswegen treffen sich sämtliche Kölner Künstler: Sie wollen beim Rosenmontagszug mitfahren, um gegen den Abriss des Kölner Schauspielhauses mobil zu machen. Merlin Bauer, der Mann mit dem Bierkasten, Owen Gump und viele andere haben den Karnevalswagen gebaut. Es ist eine Sperrholzminiatur des bedrohten Gebäudeensembles aus den fünfziger Jahren, beklebt mit Schwarz-Weiß-Porträts der Unterstützer. »Ihr seid Künstler und wir nicht!« steht darauf, womit sie den »unbändigen Gestaltungswahn« der Lokalpolitiker anprangern. »Die Stadt will für 300 Millionen ein neues Theater bauen, obwohl sie pleite ist!«, erklärt Bauer empört. Eine Sanierung wäre mindestens 38, vielleicht sogar 115 Millionen Euro günstiger.

Was die Kölner besonders wütend macht: Gleichzeitig sind massive Einsparungen im künstlerischen Etat des Theaters geplant – trotz preisgekrönter Inszenierungen der Intendantin Karin Baier. Als Symbol für die Prominenz des Protests wackeln drei Künstler-Modellpuppen, beklebt unter anderem mit dem Gesicht Gerhard Richters, auf dem Wagen jedes Mal mit den Köpfen, sobald sich dieser in Bewegung setzt. Vor den Figuren wiederum dreht sich das Schauspielhaus, frei nach Kippenberger an einer Sprungfeder auf einem Spiegelei – Sinnbild für einen kulturpolitischen Eiertanz, den nach Meinung der Künstler auch die neue rot-grüne Koalition fortführt, weil sie am Abriss festhält. Nun soll der Karneval helfen, bis März 23.000 Unterschriften zu sammeln, um einen Volksentscheid an die Landtagswahl im Mai koppeln zu können. Die Resonanz ist bisher – zu Recht – enorm.

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Merlin Bauer verteilt unterdessen kein Kölsch mehr, sondern Mottowollschals in den Farben des 1. FC Köln, Weiß auf Rot: Sowohl der Bundesligist als auch der Karnevalsverein unterstützen die Proteste, und die Jungfernfahrt eines Karnevalswagens wird zur Demo – in der Domstadt gehören politisches Engagement, Fankultur und Narretei eben untrennbar zusammen. So binden sich Schauspieler, Musiker und Maler die Schals um, ziehen sich Zorromasken, Clownsnasen und Schweinsrüssel ins Gesicht und spannen sich an Seile vor den Karnevalswagen. Ausgerechnet da fängt es zu regnen an, doch man durchquert gut gelaunt die Innenstadt und singt dabei ein eigens komponiertes Schmählied auf die Stadtpolitik.

Insgesamt fünfmal dröhnt der Song in Schleife, dann haben die Künstler den Wagen wie Sklaven einst römische Triumphkarossen bis vor das bröckelnde Schauspielhaus gezerrt. Ein älterer Herr kommentiert in breitem Kölsch: »Früher hieß et: Über Köln lacht die Sonne, über Düsseldorf die janze Welt. Jetz is et anders: Die janze Welt lacht über Köln und den kulturellen Kahlschlag!« Ähnliches bringt auch die Rede des Kunsthistorikers Stefan Kraus vor dem Theater auf den Punkt: »Wer für den Neubau stimmt und darin Kölns Chance für die Zukunft sieht, der verwechselt Kultur mit Event!« Sichtlich bewegt liegen sich daraufhin rund 300 Künstler, Karnevalisten, Studenten und Bürger in den Armen: »Kölle alaaf! Kunst und Kultur alaaf! Altes Schauspielhaus alaaaaaf!« Durchnässt und durchgefroren wärmt man sich anschließend an Kartoffelsuppe, Kölsch und Köbes, lokalem Kräuterschnaps. Und singt leise den Protestsong: »Kölner Stadtverwaltung? Dat iss nich nur Kunst, dat issn Jesamtkunstwerk!«

 
Leser-Kommentare
  1. "... Kölsch und Köbes, lokalem Kräuterschnaps."

    ich bin zwar kein Kölner, aber so viel ich weiß, ist der "Köbes" der Wirt eines Lokals.

    Meinen Sie vielleicht "Kabänes"? Dat is allerdings su en Schnapsjesöff.

  2. 2. Köbes

    Hallo Atarius,
    nein, ich meinte Köbes, den Kräuterschnaps (wenn es Sie interessiert, suchen Sie mal nach "Köbes" und "van Laack" im Netz). Aber natürlich haben Sie auch recht - Köbes wird von den Kölnern ein Wirt genannt – dieser ist sogar seit über 50 Jahren auf den Flaschen abgebildet.

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