Versucht nach vorne zu schauen: Die Schauspielerin Sibel Kekilli auf dem roten Teppich der Berlinale 2009 © John MacDougall/AFP/Getty Images

Ihre Vergangenheit steht schon im Raum, bevor Sibel Kekilli ihn betritt. Ein Kinosaal in Hamburg , kurz vor Weihnachten, Die Fremde, der neue Film mit Sibel Kekilli, wird zum ersten Mal vor geladenen Gästen gezeigt. Der Chef des Verleihs, der den Film in die Kinos bringen wird, steht vor einem roten Vorhang, feierlich blickt er ins Publikum. Er weiß, dass viele nicht nur wegen des Films gekommen sind, sondern vor allem wegen dessen Hauptdarstellerin. Zuletzt war sie in Deutschland vor drei Jahren in einem Kinofilm zu sehen.

Sibel Kekilli wartet im Foyer, sie ist 29, klein, schmal. Ihre Haut ist weiß und glatt wie Porzellan. Bei vielen löst sie Beschützerinstinkte aus. "Sie rührt mich", sagt ein Freund, der Regisseur Anno Saul, über sie, "für sie würde ich alles tun." Fatih Akin , der Kekilli ihre erste Kinorolle gab, sagt: "Sie ist wie eine Schwester für mich." Egal, mit wem man spricht, alle schwärmen von ihr.

Im Saal ruft der Verleihchef Sibel Kekilli vor den roten Vorhang und prophezeit ihr mit dem neuen Film das "Comeback des Jahres". Comeback. Sechs Jahre liegt der Film Gegen die Wand, ihr großer Erfolg , zurück. Und noch immer wird sie an ihm gemessen, als hätte sie in der Zwischenzeit nichts anderes gemacht. Natürlich hatte sie Rollen, aber man hat Kekilli darin nicht so recht wahrgenommen, wie vor drei Jahren in Winterreise . Und dann gab es Filme, die in Deutschland kaum einer gesehen hat, einen türkischen und einen finnischen. Wo sie auch hinkommt: Sie läuft gegen die Wand ihrer eigenen Geschichte.

Wie kann Kekilli sich emanzipieren von ihrem Erfolg? Wie soll eine junge Schauspielerin damit zurechtkommen, dass ihr größter Triumph untrennbar verbunden ist mit ihrem größten persönlichen Schmerz? Als Akins Gegen die Wand 2004 den Goldenen Bären bekam, wurde seine Hauptdarstellerin zur bekanntesten Deutschtürkin des Landes. Zwei Tage später machte eine Bild- Schlagzeile Kekilli zur Gejagten. Die Berichte über ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin zerstörten ihre Familie und brachten sie in Gefahr, kurzzeitig bekam sie Polizeischutz.

Sechs Jahre später, bei einem Abendessen nach der Filmvorführung in Hamburg, sitzt Kekilli in einer Gruppe von Journalisten. Sie gibt sich selbstbewusst. Plaudert scheinbar zwanglos, duzt ihre Gesprächspartner, schenkt ihren Tischnachbarn nach, sobald das Glas leer ist. Sie umgibt sich mit einem Panzer aus Freundlichkeit. Und den wagt keiner zu durchbrechen. Niemand fragt sie nach ihrer Familie, was naheliegend wäre. Denn Die Fremde handelt von einer Frau, die von ihrer türkischen Familie verstoßen wird. Weil sie nicht so lebt, wie ihre Eltern es von ihr erwarten.

Ein Freitagvormittag Anfang Januar. Sibel Kekilli kommt ins Foyer eines Berliner Hotels. Sie sucht einen Platz in der Lobby aus, ein ganz und gar unpersönlicher Ort. Bloß nicht zu viel Nähe aufkommen lassen. Die Pressefrau ist beim Gespräch dabei.

Kekilli hat bis heute keinen Kontakt zu ihrer Familie, das sagen Leute, die sie kennen. Sie selbst weicht bei dem Thema aus und sagt: "Vergangenheit ist Vergangenheit. Ich musste damals Dinge kommentieren, die ich selbst nie an die Öffentlichkeit gebracht hätte." Man könnte diese Vergangenheit einfach ruhen lassen, wäre da nicht der neue Film. Die Hauptfigur Umay kann es nicht verwinden, dass ihre Familie sie nach der Trennung vom Ehemann in der Türkei fallen lässt. Immer wieder sucht Umay die Nähe der Eltern. Kann Kekilli da ihre eigene Geschichte einfach ausblenden? Und warum hat sie die Rolle angenommen, wenn sie vermeiden will, ständig darüber zu reden, was früher war?