Der Schriftsteller William S. Burroughs, 1964 © Hulton Archive/Getty Images

Ein Stadtplan von New York wäre hier angebracht, als Faltplan im Buch eingeklebt, und darauf eingezeichnet die Linien, auf denen sich die Figuren des Romans von der Anchor Bar zum Continental Cafe bewegen oder umgekehrt, sie irren vom Center Grill am Park zur Frying Pan, steuern die improvisierten Absteigen ihrer Freunde an oder die eine oder andere Bar, verharren bei Wermut und kaltem Hummer, es sind Zickzacklinien, die sich überschneiden oder unerwartete Bögen schlagen, sich dabei heillos verheddern, in jedem Fall immer wieder den Washington Square streifen. Dann: der Mord.

Ein junger Mann tötet einen älteren Mann. Die Personenaufstellung dieses Buches, das 1945 geschrieben wurde, 60 Jahre verschollen war, endlich in New York und jetzt auf Deutsch erschien, ist ähnlich komplex wie der Erzählverlauf. Zwei Männer, Mörder und Opfer. Und zwei Erzähler, die auch als Figuren im Text auftreten und von Kapitel zu Kapitel die Rollen tauschen, dazu zwei Autoren! Die Erzähler, Will Dennison und Mike Ryko, sind in etwa deckungsgleich mit den Autoren des Buches, William S. Burroughs und Jack Kerouac, Ikonen der Beatgeneration mit ihren Klassikern der fünfziger Jahre, Naked Lunch oder On the Road. Ihre Leben waren Martini- und Bourbon-getränkte Vorlagen für Texte, die als experimentelle Worteskapaden daherkommen und Morphinen und Angstträumen viel verdanken sowie einem Leben als Extremerfahrung. Burroughs erschoss in Partylaune seine Frau. Kerouac starb mit 47 Jahren, Opfer seiner Exzesse. Dieses Buch aber haben sie zusammen getextet, zehn Jahre bevor sie die Beatgeneration wurden.

Das Buch ist ein erstes Szeneporträt. Es wird die Klassiker nicht auf die hinteren Ränge verweisen können. Aber schlägt sich doch tapfer durch einen Nebel von Alkohol und Tristesse hin zu einem unerhörten Ereignis. Diese Erzählung ruckelt, mühsam kontrolliert, von Stunde zu Stunde, kämpft sich wie eine erschrockene Selbsterforschung von Zeile zu Zeile, verliert sich fast zwischen Möchtegernpoeten und Hafenarbeitern und Prostituierten: »Vier Leute traten ins Zimmer. Ich sage euch jetzt erst mal ganz allgemein, wer sie waren und wie sie aussahen, weil sich die Geschichte in der Hauptsache um zwei von den Leuten dreht…« Phillip und Al.

Im wahren Leben hießen sie Lucien Carr und David Eames Kammerer. Carr, der als Kind von elf Jahren auf Kammerer traf, 25 Jahre alt. Die wahre Geschichte begann 1936 in Missouri, als Kammerer den Jungen zu seinem Idol erkor, und endete 1944 am Schwulentreff im Riverside Park, New York, wo Carr dem Verfolger sein Pfadfindermesser in die Brust stieß.

Der Mord war ein Skandal. Das Buch über den Mord »haben wir im stillen Kämmerlein begraben«, wie Kerouac es Jahre später ausdrückte. Im Nachwort wird der sexuelle Missbrauch als »tragischer Fall einer gescheiterten Mentorenschaft« beschönigt und der Befreiungsversuch des Opfers schwül garniert: »als in einer lauen Sommernacht während des Krieges Lucien seinem Mentor und Gönner, seinem Stalker und Spielzeug, seinem Schöpfer und Zerstörer David Eames Kammerer das Leben nahm.« Kaum erstaunlich, weil der Autor des Nachwortes, James W. Grauerholz, mit 21 Jahren in die Obhut seines Mentors Burroughs geriet, damals 60 Jahre alt.

Das Buch ist da klarer. Es erzählt von Phils qualvollen Bemühungen, den klebrigen Schatten abzustreifen, und der Gedankenlosigkeit, mit der Freunde für eine Handvoll Dollar ihn und sich verraten. Der Ekelquotient ist hoch, und der Sprachgenuss durch die Übersetzung von Michael Kellner enorm. Der Hintergrund: düster. Während Phil davon träumt, sich als Matrose nach Frankreich durchzuschlagen, in das Paris von Verlaine und Rimbaud, sind im wahren Leben schon Abertausende von amerikanischen Matrosen an der Küste der Normandie in einer Apokalypse gestrandet, die im Titel ironisch anklingt, Und die Nilpferde kochten in ihren Becken ist eine Zeile aus den News , die von einem Flammeninferno in einem Zoo berichten.