John Updike Verse des Abschieds
John Updike ist der Porträtist der amerikanischen Alltags-Seele: Nun erscheinen seine letzten Gedichte als poetisches Erbe
© Martha Updike

John Updike starb am 27. Januar 2009
Es fügte sich merkwürdig: Hans Georg Heepe, der lange Jahrzehnte das Werk John Updikes im Rowohlt Verlag begleitet hat – leise, unaufdringlich, unbeirrbar in seiner Treue zum Wort des Autors und zu seiner kongenialen Übersetzerin Maria Carlsson –, er starb, wenige Wochen nachdem dieses letzte von ihm lektorierte Buch Updikes die deutschen Leser erreichte. Für die Übertragung der Gedichte zeichnete freilich nicht Maria Carlsson, sondern – ihrem Niveau angemessen – Susanne Höbel mit Helmut Frielinghaus.
Das elegante Bändchen teilt sich in vier Kapitel: zweiundzwanzig Gedichte, die halb vergessen in Updikes Schubladen gelegen haben mögen, keine allzu bewegende Lyrik, doch hübsche Einfälle darunter: zum Beispiel die späte Hymne an Doris Day, den blondzüchtigen Star seiner Jugend, der so verlogen souverän mit der Sünde zu spielen vermochte (»Bob Hope nannte Dich Spitz-Po, und Deine Brüste waren / (wie Molly Haskell berichtete) / so groß wie die Monroes, aber fest verzurrt…); oder die bewundernden Blicke, die er auf die »riesigen Heiligen und Engel« im Bischofspalais von Reims warf; oder eine romantische Anwandlung, die ihn angesichts einer Mondfinsternis überkam: »Anfangs bloß eine Ahnung: dem Mann / im Mond haftet auf einmal / ein Hauch Melancholie an.«
Auch das Kapitel »Sonette« hätte trotz des virtuosen Spiels mit der nicht allzu streng respektierten Form kaum den Aufwand eines Lyrikbandes gelohnt. Am Ende eine Kollektion der Gelegenheitsgedichte, darunter – ein schöner Einfall – die kommentarlose Rhythmisierung der Meldungen auf der Seite »Vermischtes« des Daily Eagle in Reading, Pennsylvania, doch davor eine frühe Reverenz an das eigentliche Sujet der Sammlung: Requiem: »Vor kurzem dachte ich bei mir / wenn ich jetzt sterbe, sagt niemand hier: / ›Ach, welch ein Jammer! Und so jung, / so vielversprechend – diese Begabung‹…«
Dieser mokante Nachruf auf sich selbst ist nicht datiert. Vermutlich entstand er lange vor dem einleitenden und dominierenden Kapitel endpunkt, der mit Versen zu seinem siebzigsten Geburtstag im März 2002 beginnt – im Auftakt des Jahrzehnts, von dem er sagt, dass in dessen Verlauf die meisten Menschen stürben (wenigstens in unseren Breiten). »Noch eine Stunde gib mir, dann geh ich«, seufzte er einer unbekannten Adresse zu – vermutlich Gott, den der Lutheraner Updike (zeitlebens ein getreuer Kirchgänger) niemals ganz aus seinem Denken entließ.
»Altern muss ich«, notierte er in diesem Zusammenhang, »aber sterben würde ich lieber nicht… Noch nicht«. Und schließlich: »Geburtstag, Todestag – welcher Tag ist nicht beides«. Ein Jahr danach, er stiefelte durch die Schneeschmelze: »Noch keine Spuren: ich bin / der Erste auf diesem Pfad in diesem schneeigen Frühling, / ein Adam, angenagt wie altes Eis.«
März 2004 in Tucson, Arizona: »Ich glaube, mein Geburtstag bekäme, hier, etwas Unwirkliches, / doch Zeit und Sonne lassen sich nicht so leicht narren.« 2005: »Ein Leben, in Wörter gegossen – Verschwendung, so scheint’s, / gedacht, um das Verbrauchte zu bewahren. / Denn wer wird in jener undenkbaren Zukunft, / wenn ich tot bin, noch lesen? Das gedruckte Wort / – kurzes Wunder eines halben Jahrtausends, / Gutenberg für Erasmus und Luther – / war die perfektionierte Methode, Wahrheit zu verbreiten, / oder Lügen…« 2006, wieder in Arizona: »Sie schenkte mir, auf meinen diskret geäußerten Wunsch / ein Wörterbuch voller Wörter, die ich immer wieder / vergesse, und eine Uhr mit Batterie, die garantiert zehn Jahre – mindestens – hält. / Zehn Jahre! Ticken wird sie in meinem Sarg, / während meine Knochen weiter zerfallen«.
2007, noch einmal eine Uhr, doch die der Großeltern: »Unsere alte Uhr / tickte, und Staubkörnchen, Gottes Pixel, tanzten sacht.« 2008 keine Geburtstagsverse. In der Jahresneige: »Ein Weckruf? Anscheinend hat der Tod das Tor / gefunden, durch das er eintreten wird: meine Lungen…« Zwei Wochen später im Massachusetts General Hospital: »Endpunkt – ich dachte, er beendete ein Kapitel in / einem Buch jenseits der Vorstellungskraft, das, neu gesetzt / in frischen exotischen Typen, eine Zukunft bekäme, die ich – / o Wunder! – lesen könnte…« Im Dezember, sich der Kindheitsfreunde erinnernd: »Der Gedanke an Euch treibt Tränen, weniger bitter, / als der Gedanke ans Sterben sie auslöst. Womöglich / finden wir unseren Himmel am Beginn und nicht / am Ende des Lebens…« Kurz vor Weihnachten: »Gepriesen sei das Valium in Jesu Namen… / Tage später kam beiläufig das Ergebnis durch: / Die biopsierte Drüse zeigte Metastasen.« Am gleichen Tag: »…der Tempel in seiner Heiligkeit zerstört / von Babylon und Rom. Doch die Juden hielten am Glauben fest / und gaben die Gebete weiter… Blut tönt die Lippen. / Die Zunge vertraut auf Papyrusbitten / und sagt – wunderbar, diese Gewissheit – Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen / mein Leben lang, mein Leben lang, immerdar.« Danach nichts mehr. John Updike schied im Januar 2009 dahin.
Protokoll eines Sterbens. Man wird es später kaum zu den ganz großen Dichtungen der Epoche zählen. Ein Schriftsteller – einer der produktivsten des 20. Jahrhunderts – nahm sich bis zuletzt in die Pflicht des Wortes, um seiner Frau das Buch zu hinterlassen, das er ihr versprochen hatte. Ein Schatten von Größe, auch das, den Updike mit einem Funken von Ironie und dennoch nicht ohne Genugtuung zur Kenntnis genommen hätte.
- Datum 19.02.2010 - 11:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren