Als hätte sie das nahe Ende geahnt: Am Abend des 27. Januar 1943 las Sophie Scholl ein Gedicht von Eduard Mörike Denk es, o Seele: »Ein Tännlein grünet wo,/ Wer weiß, im Walde, / Ein Rosenstrauch, wer sagt, / In welchem Garten? / Sie sind erlesen schon, / Denk es, o Seele, / Auf deinem Grab zu wurzeln / und zu wachsen.« Drei Wochen später, am Vormittag des 18. Februar, wurden die 21-jährige Studentin und ihr zwei Jahre älterer Bruder Hans Scholl beim Versuch, Flugblätter in der Münchner Universität zu verteilen, verhaftet. Bereits am 23. Februar wurden sie nach einem kurzen, vom Präsidenten des Volksgerichtshofs Roland Freisler geleiteten Prozess mit ihrem Kommilitonen Christoph Propst zum Tode verurteilt und noch am selben Tag im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet.

Von allen hingerichteten Hitler-Gegnern ist es die junge Sophie Scholl, die am heftigsten an unseren Gefühlen rührt und am stärksten zur Identifikation einlädt. Ja, sie ist im Laufe der Zeit zu einer Ikone des Widerstands geworden. Nicht geringen Anteil daran hatte die älteste der fünf Geschwister, Inge Aicher-Scholl, mit ihrem Buch Die Weiße Rose, das zuerst 1952 erschien und vielfach neu aufgelegt wurde.

Inge Aicher-Scholl hat jedoch nicht nur das Bild von Sophie und Hans Scholl geprägt; sie hat darüber hinaus ihre Aufgabe darin gesehen, alle noch irgendwo vorhandenen Dokumente aus dem Leben ihrer Geschwister und ihrer Familie zusammenzutragen. Da die Scholls passionierte Briefeschreiber waren, zudem auch Tagebuch führten, entstand mit der Zeit ein umfangreiches Archiv. Nur einen Bruchteil daraus hat Inge Jens 1984 in ihrer Sammlung Hans und Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen veröffentlichen können. 1998, nach dem Tode von Inge Aicher-Scholl, ging ihr Nachlass an das Münchner Institut für Zeitgeschichte, wo er seit 2005 der Forschung zugänglich ist.

Nun hat die bekannte Publizistin Barbara Beuys, die mit einer Reihe bemerkenswerter Lebensbeschreibungen von Frauen, unter anderem der Annette von Droste-Hülshoff, Hildegard von Bingen und Paula Modersohn-Becker, hervorgetreten ist, das gesamte Material ausgewertet. Ihre jetzt erschienene Sophie-Scholl-Biografie ist ein Ereignis: Sie ist nicht nur glänzend geschrieben, sondern öffnet auch neue Zugänge zum Verständnis der Widerstandskämpferin. Manche Züge legendenhafter Verklärung fallen der behutsamen, stets nah an den Quellen argumentierenden Interpretation zum Opfer.

Zu den Entdeckungen gehören unter anderem die Brautbriefe der Eltern. Darin lernen wir Robert und Lina Scholl erstmals näher kennen – sie, die um zehn Jahre ältere Diakonisse, eine strenggläubige, aber warmherzige schwäbische Protestantin; ihn, einen nüchternen Verwaltungsmann, gleichgültig in Glaubensfragen und politisch liberalen und pazifistischen Ideen zuneigend. Ein ungleiches Paar, dessen Ehe aber glücklich wurde.

Manch neues Detail erfahren wir auch über die Kindheit, welche die 1921 als viertes Kind geborene Sophie in Forchtenberg am Kocher verbrachte – einer kleinen Gemeinde, in der der Vater bis 1930 als Stadtschultheiß wirkte. Besonderes Augenmerk legt Barbara Beuys jedoch auf die ersten Jahre der Scholls in Ulm, die in die Phase der »Machtergreifung« Hitlers fielen. Inge Aicher-Scholl hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie und ihre Geschwister zunächst begeistert waren vom vermeintlichen Aufbruch in eine neue Zeit und sich freudig in die Hitlerjugend einreihten. Doch wie heftig diese Begeisterung war und vor allem wie lange sie anhielt, das erschließt sich erst mit dieser Biografie.

Als Hauptquelle dient der Autorin das bislang unbekannte Tagebuch Inge Scholls. Es erzählt von einer geradezu religiösen Hingabe an den »Führer« – »Mit Leib und Seele gehöre ich Hitler« (15. Mai 1933) –, aber auch von Dramen, die sich im Hause Scholl abspielten. Denn die Eltern, in ihrer kritischen Haltung gegenüber den Nazis von Anfang an unbeirrt, missbilligten das politische Engagement ihrer beiden Ältesten. Am 30. April 1933 notiert Inge: »Hans hat eine feine Radierung von Hitler. Sie hängt im Kinderzimmer. Vater hat sie am Anfang jeden Tag, wenn er vom Geschäft heimkam, weggehängt und in eine Schublade getan. Hans hat sie aber jedes Mal wieder an ihren Platz getan, bis Vater schließlich nachgegeben hat.«