Johannes Löwer hat in seinen 28 Jahren als Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts für Impfstoffe schon viel Argwohn gegen die Immunisierung erlebt. »Einmal meinte das Bundeskriminalamt mich sogar unter Schutz stellen müssen«, erzählt er. Aber der Streit um die These des britischen Arztes Andrew Wakefield schien ihm längst beigelegt. Wakefield hatte 1998 behauptet, dass die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) unter anderem Autismus auslöse. »Das ist doch uralt«, sagt Löwer.

Wie Löwer dachten viele Beobachter der Impfszene. Doch vergangene Woche sorgte der Fall Wakefield noch einmal für Aufregung. Die Standesorganisation der britischen Ärzte, das General Medical Council (GMC), beendete eine zweijährige Untersuchung über Wakefields Arbeit mit einem vernichtenden Urteil: Wakefield habe seine Pflichten als Chefarzt verletzt und unlauter gehandelt. Prompt zog The Lancet Wakefields inkriminierte Studie endgültig und vollständig zurück.

Ist der Mythos von der Verbindung zwischen Impfen und Autismus jetzt vom Tisch? Johannes Löwer ist skeptisch. »Das alles nützt nichts«, sagt er. Einmal in die Welt gesetzt, würden auch diskreditierte Arbeiten und nachweislich falsche Schlussfolgerungen immer wieder zitiert. Lieb gewonnene, aber widerlegte oder zumindest unbewiesene Thesen haben ein enormes Beharrungsvermögen.

Das Phänomen ist nicht neu, aber seine Dynamik hat sich drastisch verändert. Früher verbreiteten sich Wissenschaftsmythen in Salons, Vereinen und per mündlicher Überlieferung – und verschwanden bald wieder. Heute aber hat die Skepsis eine weniger volatile Heimat: das Internet und seine »Universität von Google«. So wie das Netz die in Facebook dokumentierten Jugendsünden für immer konserviert, zirkulieren dort auf ewig die wissenschaftlichen Thesen von gestern. Das Ende des Forschers Andrew Wakefield, so ist zu befürchten, ist der Anfang des Internetmärtyrers Andrew Wakefield.

Die Impfkritiker wollen das wissenschaftliche Ende ihrer Kronzeugen noch immer nicht wahrhaben. »Grob gesehen gibt es zwei Möglichkeiten: Dr. Wakefield arbeitete wissenschaftlich unsauber – dann wäre die Kritik berechtigt. Oder aber er arbeitete sauber, und in Wahrheit nimmt man es ihm übel, die geheiligten MMR-Durchimpfungsraten und die Gewinninteressen der Hersteller in Großbritannien gefährdet zu haben«, heißt es zum Beispiel auf www.impfkritik.de