Suhrkamp Verlag Im Papier-Gebirge
Abschied von Frankfurt, Ankunft in Marbach: Im Deutschen Literaturarchiv sind die historischen Bestände des Suhrkamp Verlags eingetroffen. Ein erster Blick in die Umzugskartons
Hinter brauner Pappe ist das Gold aus dem Tresor verborgen. Ein Massiv aus mehreren Tausend Umzugskartons füllt jetzt einen von vielen Sälen in den verzweigten Katakomben unterhalb der Marbacher Schillerhöhe, dort, wo das Deutsche Literaturarchiv seine Schätze aus Papier hortet: die Zettel, Briefe, Manuskripte deutscher Dichter und Denker. In den vergangenen Wochen haben die Marbacher Archivare die wertvollste Beute ihrer Geschichte hier im Neonlicht aufgestapelt. Sie stammt aus dem »Tresor« des Suhrkamp Verlags: So nannte man jenen Raum im Keller des Verlags in der Frankfurter Lindenstraße, in dem Geschäftsunterlagen und wichtige Autorenpost lagerten. »Da hätten wir eine Lore gut gebrauchen können«, meint Jan Bürger lächelnd, frisch bestallter Leiter des Siegfried Unseld Archivs. Während der Verlag nach Berlin umzog, transportierten im Dezember fünf Lkw mehr als 2100 Umzugskisten nach Marbach, teilweise verplombt und unter Geleitschutz. Es folgen noch Bestände aus der Villa des 2002 verstorbenen Verlegers Siegfried Unseld, der Uwe-Johnson-Nachlass und andere Dokumente, die bislang an der Frankfurter Universität gepflegt werden. Die mehr als 20.000 Aktenordner und über 25.000 Bücher der Verlage Suhrkamp und Insel bilden einen kulturellen Nibelungenhort, nur diesmal von Held Siegfried über Jahrzehnte hinweg äußerst sagentauglich angehäuft.
Wer sich in den kühlen Marbacher Kellern durch das Kartongebirge schlängelt und einen ersten Blick über die sich langsam füllenden Regale schweifen lässt, der ist schon jetzt überwältigt. Das System des Verlags, das auf Unselds legendärer Energie beruhte, bekommt Konturen: mit Bindfaden verknotete Manuskriptbündel aus dem Wissenschaftslektorat, Druckfahnen in zusammengetackerten Briefumschlägen, von Dietmar Dath bis Friederike Mayröcker, die kaum überschaubare Autorenkorrespondenz (sieben Ordner Enzensberger, acht Ordner Frisch, sieben Ordner Walser und so weiter und so fort), Professorenbriefe neben dem Filzstift-Fax von Rainald Goetz. Postkarten von Isabel Allende und Ingeborg Bachmann tauchen auf; Ernst Bloch entwickelt Werkpläne in krakeliger Greisenschrift, der sensible Paul Celan ringt mit dem Lektor, seinem so anders gestrickten Dichterkollegen Hans Magnus Enzensberger. Zwei Ordner Kondolenzschreiben zu Unselds Tod existieren ebenso wie Ordner mit der Aufschrift »Joachim«, die womöglich die Tätigkeit des Sohnes dokumentieren, als er noch im Verlag seines Vaters arbeitete. Alltag in einer Kulturfabrik: Unselds Mitarbeiterin Burgel Zeeh machte eine Notiz, wenn ein weltberühmter Professor, der noch soeben seinen Verleger erfolgreich um ein Darlehen zum Kauf einer Eigentumswohnung gebeten hatte, am Telefon einen Wutanfall bekam, weil auf seinem neuen Buch ein altes Foto von ihm gedruckt worden war. Von Juni an werden regelmäßig ausgewählte Schätze in einem Extraraum, der »Suhrkamp-Insel«, präsentiert.
Marbach lobt die »hohe Ablagemoral« des Verlages
Ulrich Raulff, der Leiter des Deutschen Literaturarchivs, spricht von einem Glücksfall, der einem nur einmal in hundert Jahren widerfahre. Verlage wie Rowohlt, Piper oder S. Fischer haben ihre historischen Bestände schon vor längerer Zeit nach Marbach gegeben; das bisherige Herzstück war die Sammlung des Cotta Verlags, der publizistischen Heimat von Goethe und Schiller. Die Suhrkamp-Papiere brechen nun alle Rekorde. Aufgrund einer »hohen Ablagemoral« (Raulff) im Verlag findet man neben der Korrespondenz mit den Stars der Suhrkamp culture von Beckett über Habermas bis Walser auch interne Berichte und Lektoratsgutachten, die Akten der Werbung, Lizenzabteilung und der Buchhaltung; dazu die Hinterlassenschaft des Insel Verlags mit Briefen von Rilke und Hofmannsthal. Raulff merkt man die Freude über den Coup an: Nachdem Suhrkamp seinen Veräußerungswillen bekundet und Marbach seinen Kaufwunsch signalisiert hatte (ZEIT Nr. 22/09), setzte sich das Literaturarchiv gegen die Frankfurter Universität durch. Über die in drei Tranchen fällige Kaufsumme wird geschwiegen.
Nach dem Triumph hat jedoch die Mühsal der Ebene begonnen: Nicht nur der Kauf, sondern auch die vertraglich vereinbarte rasche Erschließung muss extern finanziert werden, was angesichts der Dokumentenmassen und Haushaltslagen keine fiskalische Fingerübung ist. Momentan rangelt Raulff mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann um 1,5 Millionen Euro; die Summe entspräche dem traditionellen Anteil, den der Bund auf bewilligte Landesmittel drauflegt. Da der Suhrkamp-Erwerb gleichsam über Nacht geschah, ist man in Berlin noch unwillig, was sich angesichts der nationalen Bedeutung dieses Projekts hoffentlich alsbald ändert. Die Konkurrenz und das Tempo in der einst still-verstaubten Welt der Archive haben spürbar zugenommen, worauf sich alle Geldgeber schleunigst einstellen sollten.
Als Kartongebirge löst das Siegfried Unseld Archiv durchaus widerstreitende Gefühle aus. Es ist das Symbol für eine Zäsur. Denn in dem Augenblick, in dem Suhrkamp seine Zukunft in Berlin sucht, ist seine Vergangenheit in Marbach gelandet. Mehr noch als der Umzug des Verlags markiert der – zweifellos sinnvolle – parallele Abschied von seinem Archiv den Epochenwechsel. Die intellektuelle Welt, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, liegt nunmehr vor einem, griffbereit in Kisten. Für den Verlag war der Verkauf auch ein Marketingschachzug: Denn sein glanzvolles Erbe wird künftig professionell und öffentlichkeitswirksam an einem zweiten Ort poliert. So wechseln sich profane Empfindungen und heiliger Schauer ab; die Freude darüber, dass vor einem das Material für zu schreibende Kultur- und Literaturgeschichten, für die Denkmalstürze und Debatten der nächsten hundert Jahre lagert, mischt sich mit der Melancholie angesichts der Vergänglichkeit einer Schriftkultur, die das geistige Relief der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geformt hat. Bislang erscheinen uns die Jahre zwischen 1900 und 1950 als die intellektuell aufregendere Zeit. Angesichts dieser Hinterlassenschaft spricht jedoch einiges dafür, dass wir die Suhrkamp-Ära zwischen 1950 und 1990 bald ebenso reizvoll, reich und romantisch finden werden. Im kleinen Marbach wird fortan die Suhrkamp-Kultur beschworen – auch eine hübsche Laune der Ideengeschichte.
- Datum 11.02.2010 - 14:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
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