Martenstein "Sie dürfen das Haus Ihres Nachbarn nicht abbrennen"

Harald Martenstein antwortet einer Leserin, die ihn als Nazi beschimpft hat

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Als ich mit dem Kolumnistenjob anfing, sagte ich mir: Ich will so ehrlich sein wie möglich, ich schreibe auch über meine (recht umfangreiche) Nachtseite. Vor ein paar Wochen schilderte ich, wie ich mich im Straßenverkehr zu der natürlich verurteilenswerten Tat hinreißen ließ, zwei Radfahrer als »Nazis« zu beschimpfen, nachdem diese, weil sie sich im Recht fühlten, angefangen hatten, mein Auto zu demolieren. Ich knüpfte an diese Schilderung einige Überlegungen darüber an, wie schnell und geradezu naturgesetzlich jede heftige Auseinandersetzung in Nazivergleiche mündet, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Ich glaube, dass mir inzwischen jeder zweite Radfahrer deutscher Zunge geschrieben hat, und bitte, auch im Interesse des Briefträgers, von weiteren Zusendungen abzusehen. Als einigermaßen repräsentativ für den Grundtenor vieler Briefe darf Gelia H. gelten – im Original: »Herr Martenstein, Sie sind ein total blödes Nazi Arschloch dem man auf keinen Fall die Möglichkeit geben sollte weitere Artikel dieser Art zu veröffentlichen.«

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Bei der Lektüre der Briefe stieß ich auf ein interessantes psychologisches Phänomen. Kein einziger empörter Briefschreiber ging darauf ein, dass meine beiden Kontrahenten immerhin tätlich geworden waren, dieser Aspekt tauchte überhaupt nicht auf, er wurde auch nicht gerechtfertigt, er war gar nicht bemerkt oder überlesen worden.

In den Briefen raubte ein skrupelloser Autorowdy friedlichen Radlern die Vorfahrt; statt sich zu entschuldigen, beschimpft er sie auch noch.

Der Vorfall war in den Briefen einfach ein völlig anderer geworden. Da habe ich wieder einmal bemerkt, wie interessegelenkt die menschliche Wahrnehmung ist. Was nicht in unser Weltbild passt oder was wir nicht sehen wollen, das sehen wir auch nicht, eigentlich schade, oder? Wer weiß, wie wunderbar die Welt wäre, wenn wir sie doch nur endlich ganz und ohne den Filter unserer Vorurteile erkennen könnten! Lesen Sie Platon, das »Höhlengleichnis«, Gelia.

Außerdem sind wir, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, allzu oft geneigt, unverhältnismäßig zu handeln. Wenn Ihnen Ihr Nachbar in Ihrem Garten eine Rose knickt, dann ist dies ein großes Unrecht, Gelia, aber Sie dürfen, als Antwort, trotzdem nicht sein Haus niederbrennen. Ist das denn wirklich so schwierig zu verstehen?

Leser-Kommentare
  1. Selektive Wahrnehmung ist doch der Klassenkampf des 21. Jahrhunderts. Wir hören Steuersenkungen und wählen FDP.

    Ich wäre übrigens nie auf Nazi als Schimpfwort gekommen - bin ja auch eher die Deine-Mutter-Generation. Fände es auch viel schlimmer, hätten Sie "Ihr Juden!" gerufen. So haben Sie eine Weile den Fetzen Klopapier der political correctness an der Sohle kleben, vielleicht auch immer wieder, da der Artikel frei zugänglich ist, aber mal unter uns: Sind Sie wirklich reaktionär?

    Wie kann man denn bei den Klängen der Marseillaise ruhig sitzen bleiben?

    • Genix
    • 11.02.2010 um 6:21 Uhr

    „Wenn ich lediglich zum Ausdruck bringe, dass das Verhalten eines gewalttätigen Radfahrers meiner Meinung nach Ähnlichkeiten mit gewissen Aspekten des Nazitums aufweist, dann ist dies als Meinung zulässig, den Prozess, so Dr. G., würde ich gewinnen.“

    Ist doch schon überzeugend beschrieben worden:

    „Nun begann der Mann, mit seinen Händen auf mein Auto einzuschlagen.“

    Voll der Holocaust eben.

    Die Büro-Nazis stellen einem alte Computer auf den Schreibtisch und die Garten-Nazis rotten lautstark ihren Rasen aus. Was ist das schon gegen so ein Pogrom im Ghetto, wo man nicht mal im Tran ausparken kann, ohne dass das eigene Fahrzeug in Sippenhaft genommen wird.

    [Auch wenn es ironisch gemeint ist: Bitte verzichten Sie auf alles, was zu einer Relativierung des Holocaust führt und vermeiden Sie Provokationen. Vielen Dank für Ihr Verständnis/ Redaktion; svb]

  2. Es ist wohl bezeichnend, dass bei diesem Artikel das selbe Foto von Herrn Martenstein hängt wie beim Artikel zur Sauerkrautsuppe.

    Etwas überrascht mich, dass besagter Radfahrerartikel (den ich zum Glück beim Erscheinen gelesen habe) und die Kommentare nicht mehr in der Serie aufzufinden sind.

    Interessant ist auf jeden Fall wie unvorhersehbar manchmal bis gerade noch zivilisierte Menschen ausrasten. Seltsamer ist fast noch, dass das erfahrungsgemäß keine Bildungsfrage ist, vielleicht aber auch gerade. Damit meine ich weder den o.g. Autofahrer oder die beiden Radfahrer. Die drei reagierten im Stress.

    Ich wünsche mir viele weitere Artikel von Herrn Martenstein. Offensichtlich sind diese nicht so weichgespült wie sich das viele wünschen.

  3. 4. fascho

    Sehr geehrter Herr Martenstein,

    probieren Sie es das nächste Mal mit der Anrede "Faschist" oder kurz, "Fascho". Trifft m.E. den Charakter dieser Leute besser und erspart mühsame Disskussionen hinterher. Gerne auch anwendbar auf notorische Linksfahrer, die der Meinung sind, dass niemand mit mehr als 120 kmh unterwegs sein darf und die auch sonst in allen Lebensbereichen ihren Mitbürgern ihre ach so überlegene Lebensweise aufoktroyieren.Und ja, auch übermotorisierte, drängelnde Versicherungsvertreter fallen in diese Kategorie. Viel Spass noch auf Deutschlands Strassen!

  4. In Stress-Situationen habe ich auch schon solche Schimpfwörter gebraucht. Seit ich mich mit dem Holocaust beschäftigt habe, habe ich es sein lassen. Wenn man aber beobachtet, dass es in unserem Alltag aggressive Verhaltensweisen gibt, in denen der Vergleich mit der Nazizeit nahe liegt, kann man in Rage kommen. Trotzdem lohnt es sich, zu den blausaen To-Do-Listen extra noch grünsae Schimpfwort-Listen anzulegen. die den Beschimpften den Weg zum Gericht erschwert und sie mehr in sich denn zum Gericht gehen würden. Oder auch nicht. Rollenspiele mit neutralen Schimpfwörtern für den Ernstfall sind sicher nicht so notwendig."Verdammter Quacksalber" ist m.E. allerdings ein zu sanfter Ausdruck für einen Chirurgen, der das falsche Bein amputiert hat. Es klingt irgendwie wie "Du, du! Du Schlingel du!" Mir fällt jetzt aber auf die Schnelle auch kein passendes Schimpfwort ein. Also ein echter Fall fürs Gericht. Und wenn das Verbrennen von Häusern (auch symbolisch) als adäquate Reaktion auf eine im Stress erfolgte Beschimpfung angesehe wird, ist auch das ein klarer Fall fürs Gericht.

    • Kometa
    • 12.02.2010 um 12:23 Uhr

    Wer materialiter oder historisch fixierte und in diesem Spezialsinn Sinn akzeptierte Wörter semantisch mutwillig verschleppt (wie "Bulle" für Polizist oder hier: "Nazi" für Rowdy oder Wandale oder Störenfried o.ä.) - zeigt zwar, dass er sich gefühlsmäßig gerne verbreitet (sich "authentisch" echauffieren will), leistet aber keinen Beitrag zu "Sprachpflege" (auch wenn sie altmodisch klingen sollte in ihren Ohren zu solchen Mündern).

    Beiträge zum "Rad" [genauer: 'Rad-ikale', 'radotieren"] leisetet sich ein Altmeister:

    Das aber ist eben ein neues Problem für mich, dass ein Greis [...] die Laufbahn eines langen Lebens damit beschließen kann, in seinen letzten Tagen noch ein Radikaler zu werden. (G. an Eckermann, 3.2.1830)

    "Denn radotieren heißt nicht, wie's das gemeine Lexikon sagt, allein albernes Zeug reden, sondern auch, das Rechte zur unrechten Zeit sagen, welches dem sogenannten Verstand immer albern vorkommt." G. an K. F. v. Reinhard, 21.2.1810)
    *
    Ja, Goethe wußte:
    "Radotieren" = albern reden, faseln...

    Abgeleitet von (franz.)"Radotage" (spr. -ahsch), leeres Geschwätz, Faselei.

    **

    Die zweckentfremdete Wörterei wie "Nazi" wird zur leeren Simpelei! (Dann hat 'Neo-Nazi' auch keinen semantisch exakten Sinn mehr, wenn jede Person mit störenden, lästigem Quatsch zum "Nazi" stilistisch radaumäßig g e m a c h t wird.

  5. ,da schreiben zwei Leser/innen ungezogene Leserbriefe, prompt werden sie in einer vielgelesenen Rubrik in wiedererkennbarer Weise öffentlich geschmäht. Da stören zwei Radfahrer beim Ausparken, prompt werden sie in einer vielgelesenen Rubrik als läppische Hanswürste geoutet. Wenn Ihnen Ihr Nachbar in Ihrem Garten eine Rose knickt, dann ist dies ein großes Unrecht, aber Sie dürfen, als Antwort, trotzdem nicht sein Haus niederbrennen, Herr Martenstein!

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    Wieso wiedererkennbar?
    Wer bitte ist Gelia H.?

    Wieso wiedererkennbar?
    Wer bitte ist Gelia H.?

    • Euwie
    • 13.02.2010 um 0:43 Uhr

    ist hier ja das selbe Phänomen am Werke, das Sie schon im Artikel "Deutschland sucht die Supernull" beschrieben haben.

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