Als der Filmrestaurator Thomas Bakels im Sommer 2008 im ZEITmagazin die ersten Bilder des wiederentdeckten Films Metropolis sah, dachte er sich: »Die arme Sau, die das restaurieren muss.« Ein Jahr später wusste er: Es hatte ihn getroffen. Wenn er heute über die Qualität der Kopie spricht, flucht Bakels, als tue es ihm persönlich weh. Er spricht von dem Film wie von einem Patienten, von »Verletzungen«, die der erlitten habe, von »gesundem und schadhaftem Material«, als ginge es darum, einen Tumor aus dem Körper zu holen. »In diesem Material ist der Horror«, sagt er.

Tatsächlich hat die Kopie, so wie sie entdeckt wurde, alle erdenklichen Fehler, die ein Film haben kann. An den oberen und unteren Rändern überlappen sich die Einzelbilder. Es sind Löcher in den Film gestanzt. Öl aus den Projektoren hat auf dem Film unzählige Flecken hinterlassen, genauso wie Staub und Dreck. Klebestellen sind sichtbar. Die Bilder sind schief kopiert. Und vor allem ist da dieser schwarze Regen, der es einem kaum möglich macht, sich auf den Film zu konzentrieren, und der die Details der Bilder hinwegspült: vertikale Kratzer, die beim Abspielen entstehen. Oder beim falschen Lagern. Nicht richtig aufgerollt, reibt das Filmband beim Transport wie Schmirgelpapier aneinander. »Schlamperei ist ein Grundübel des Menschen. Wer gibt sich denn noch wirklich Mühe?« Thomas Bakels, der in seinem Fleece-Pulli so gemütlich und freundlich aussieht, wird richtig ärgerlich.

Metropolis, so wie es im Herbst 2009 in Bakels’ Werkstatt ankam, glich einer zerbombten Stadt. Von den Filmwissenschaftlern hatte er die Pläne, wie sie wiederaufzubauen war. Es blieben ihm nur ein paar Monate, und er wusste: Noch nie wurde ein derart kaputter Film wieder restauriert. Und er ahnte außerdem: Das Werkzeug, um ihn wiederherzustellen, musste er erst noch selber erfinden.

Entdeckt wurden die alten Filmrollen in Argentinien. Die Museumdirektorin Paula Félix-Didier und der Filmwissenschaftler Fernando Peña hatten die Kopie im Archiv des Museo del Cine in Buenos Aires aufgestöbert, nachdem sie jahrelang keinen Zutritt dorthin hatten. Sie fanden eine 16Millimeter-Negativkopie, die Anfang der siebziger Jahre gezogen wurde von einer 35-Millimeter-Langfassung, von der die Filmwelt dachte, dass sie nicht mehr existieren würde. Metropolis, 1927 von Fritz Lang gedreht, ein Meisterwerk der Science-Fiction, der bis dahin teuerste deutsche Film, wurde unmittelbar nach seiner Uraufführung in Berlin in Hollywood umgeschnitten und zerstümmelt. Die Originalfassung galt als für immer verschollen, viele Szenen des Films als für immer verloren. Bis die beiden Argentinier die Filmrollen in Buenos Aires entdeckten.

Im Sommer 2008 widmete das ZEITmagazin dem Fund von "Metropolis" ein Heft

Paula Félix-Didier brachte eine DVD mit einer Kopie ihres Fundes zur Prüfung nach Deutschland, wo eine Runde von Fritz-Lang-Kennern im Juni 2008 im Auftrag des ZEITmagazins den Film begutachteten. Als der Berliner Filmrestaurator Martin Koerber damals den Fund sichtet, sagt er ein paarmal leise »super«. Metropolis , eines der größten Werke der Filmgeschichte, war wiederentdeckt. Doch als die Lichter im Vorführsaal wieder angehen, ist Martin Koerber ganz sachlich: »Ich habe noch nie so schlechtes Bildmaterial gesehen.« Die jubelnden Töne sind nicht die Sache der Filmrestauratoren.

Mit Koerber im Vorführraum sitzt damals Anke Wilkening. Sie ist verantwortliche Restauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Sie ist 35, sieht aber noch deutlich jünger aus in ihrer rosa Bluse. Als hätte sie sich die Worte zurechtgelegt, sagt sie: »Wir als Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung sehen uns in der Verantwortung, das Material der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.« Und wenig später verkündet sie: Ziel soll es sein, dass der Film zur Berlinale 2010 gezeigt wird. Das Ganze kostet mehr als eine halbe Million Euro, sehr viel Geld für einen Stummfilm. Es blieben weniger als zwei Jahre Zeit.

Erst musste der Fund noch nach Deutschland kommen. Zähe Verhandlungen begannen zwischen der Murnau-Stiftung und dem Minister für Kultur in Buenos Aires. Es meldeten sich private Sammler, die viel Geld für den Sensationsfund boten. Auch wenn die Rechte des Werkes von Fritz Lang bei der Murnau-Stiftung liegen: Solange die Kopie nicht in Deutschland war, konnte die Stiftung sie nicht restaurieren.