Norbert Röttgen Zu grün für diese Welt

Umweltminister Norbert Röttgen wird in der Union allseits sehr geschätzt. Für seine Ansichten gilt das nicht

Wer in diesen Tagen mit Norbert Röttgen spricht, findet ihn bei guter Laune. Für einen, der gerade ziemlichen Krach in der eigenen Partei provoziert hat, wirkt er überraschend gelassen. Vielleicht ist das Gewohnheit. Auch früher schon wurde er für Positionen attackiert, die als parteifremd empfunden wurden.

Mitte der neunziger Jahre wirkte ein Liberaler wie Röttgen in der Union noch exotisch, in der Merkel-CDU gehört er zum Mainstream. Dennoch, die Vorstellung, dass ein CDU-Minister das Ende der deutschen Kernenergie besiegeln will, löst in der Partei auch heute noch Entsetzen aus.

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Dass Röttgen trotzdem entspannt bleibt, hängt auch mit seinem Selbstbewusstsein zusammen. Sein Verhandlungsgeschick, seine Kommunikationsfähigkeit und sein analytischer Verstand sind unbestritten. Selbst so unterschiedliche Leute wie Edmund Stoiber, Christian Wulff oder Roland Koch haben in der Vergangenheit aus ihrer Wertschätzung für Röttgen keinen Hehl gemacht. Dumm nur, wenn er seine Talente jetzt wieder für eine Sache einsetzt, die gegen den Unions-Konsens verstößt.

Wie das? – fragt der Minister. Seit annähernd zwei Jahrzehnten gelte in der CDU die Atomenergie als Brückentechnologie. Das aber bedeute unweigerlich, nach einer Übergangszeit, das Ende ihrer Nutzung in Deutschland. Natürlich durchschaut Röttgen den Mechanismus seines Tabubruchs. Der besteht einfach darin auszusprechen, was Teile seiner Partei lieber noch eine Zeit lang vernebelt hätten. Es ist die Beschlusslage. Und es ist eine Provokation.

Mit der hat Röttgen auch in der Koalition für neue Unruhe gesorgt. Nicht nur, weil die FDP sich nun berufen sieht, besonders laut für die Kernenergie zu werben. Dass der Minister, der ohnehin zu den Schwarz-Grün-Sympathisanten im Umfeld der Kanzlerin gezählt wird, ausgerechnet jetzt, wo in Nordrhein-Westfalen die schwarz-gelbe Koalition auf dem Spiel steht, die Fanfare für eine Art schwarz-grünen Atomkonsens bläst, hat selbst manchen seiner politischen Weggefährten überrascht.

Doch die entscheidende Distanzierung – die der Bundeskanzlerin – bleibt aus. Dafür kursiert jetzt plötzlich die Geschichte vom »Putsch«: Röttgen habe nach der Bundestagswahl Volker Kauder den Vorsitz der Unions-Fraktion abnehmen wollen. Wahr daran ist, dass ihn das Amt gereizt hat, dass aber Angela Merkel kein Interesse an diesem Wechsel hatte. Sie schätzt Röttgen und seine Fähigkeiten – so sehr, dass sie ihn an ihren Kabinettstisch, nicht aber an die mächtige Schaltstelle an der Fraktionsspitze berief.

Röttgen, der in einer Frustphase während der Großen Koalition schon einmal Verbandsfunktionär werden wollte, betrachtet sein neues Amt als Glücksfall. Erstmals in seiner politischen Karriere scheint ihn eine Aufgabe ganz zu beanspruchen. Während ihn mangelnde intellektuelle Auslastung, gepaart mit politischem Gestaltungsdefizit, in sarkastische Stimmungen treibt, wirkt er im neuen Amt geradezu beflügelt. Dass er jetzt vor einer Herausforderung steht, bei der sich der christliche Anspruch nach Bewahrung der Schöpfung mit einer energiepolitischen und ökonomischen Transformationsstrategie verbünden muss, versetzt den Minister nunmehr seit gut hundert Tagen unter Spannung. Ein Röttgen in dieser Verfassung gehört zum Überzeugendsten, was die deutsche Politik zu bieten hat.

Gerade deshalb macht er sich auch keine Illusionen. Er ahnt, wie hart die Kämpfe sein werden, die vor ihm liegen.

 
Leser-Kommentare
    • th80ej
    • 11.02.2010 um 17:28 Uhr

    So jemand in der CDU ? Ich wünsch ihm viel Erfolg (und mir mehr solche Menschen in der Politik)
    Gruß

    • CM
    • 11.02.2010 um 17:42 Uhr

    Röttgen wird sich demnächst für die Union als nützlich erweisen, nämlich dann, wenn die schwarz-gelbe Koalition in NRW sich durch eine pulversierte FDP erledigt hat und jemand bei den Grünen anklopfen darf.

    Für diese ist nämlich Jürgen Rüttgers dank vieler Ausfälle ein ähnlich attraktiver Partner wie Roland Koch, man denke nur an die bekannten Affären:

    - 'Rassismus light' mit dem Slogen 'Kinder statt Inder' und Worten über rumänische Arbeitnehmer (faul und unzuverlässig)
    - Überwachung der Oppositionsführerin Hannelore Kraft
    - Interessenvertretung für den Energiekonzerns E.ON gegen den Willen der Bürger

    Merkel wird Röttgen noch dankbar sein, er hilft ihr beim Machterhalt.

  1. Röttgen will ganz einfach den Fuß bei den NRW-Grünen in die Tür stellen, damit die CDU auf jeden Fall eine Machtoption nach der Wahl hat.
    Außerdem trifft es sich ja auch ganz gut, wenn man der Anti-Atomkraft-Bewegung ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen versucht, indem man der Bevölkerung vorgaukelt für den Atomausstieg zu sein. Im Endeffekt redet der auch nichts anderes als dass er die Laufzeiten der Atomkraftwerke "nur" um 8 Jahre auf insgesamt 40 Jahre verlängern will. Von mehr redet aber in der CDU bis auf Oettinger sowieso niemand. Würde man die Laufzeiten "vom Zustand der Meiler" abhängig machen, wie Brüderle sagt, müsste man die Schrottteile sowieso sofort abschalten.

    Also mal wieder Nebelkerzenpolitik. Schade, dass das auch von der Zeit nicht allzu kritisch hinterfragt, sondern eher im Stil einer Vorabends-Soap berichtet wird.

  2. Röttgen ist CDU Politiker und da erübrigt sich eine genaue Betrachtungsweise seiner Aussagen.
    ER will das Wahlvolk in NRW täuschen und das ist 100% sicher.
    Wenn jemand was anderes glaubt oder behauptet, dann ist ihm nicht zu helfen.

  3. Nie werde ich den engagierten Artikel von Bernd Ulrich in der ZEIT vergessen, als Norbert Röttgen "in einer Frustphase während der Großen Koalition schon einmal Verbandsfunktionär werden wollte"; ca. vor 2 Jahren oder so.

    Sollte Herr Röttgen von dem Artikel mit umgestimmt worden sein (was ich vermute), hat Herr Ulrich sich an unserer politischen Kultur, ja an unserem Land verdient gemacht!

  4. Herr Röttgen ist wie seine Staatsratsvorsitzende, äh Kanzlerin, ein begabter Schauspieler. Diese Befähigung ist in unserer heutigen politischen Landschaft wichtiger, als Intelligenz, Strategie oder Ethik.
    Wir folgen da offenbar mal wieder den USA, nur machten die bereits 1981 einen Hollywood- Profi zum Präsidenten.

    Herr Röttgen will dem Volk gefallen. Also erzählt er recht eloquent, was die Mehrheit des Volkes hören möchte. Was richtig oder falsch ist, ist dabei nicht relevant. Es kommt darauf an, was eine Mehrheit im Volk richtig oder falsch findet. Der Inhalt ist dabei egal. Wäre das Volk für Kernkraft, wäre Herr Röttgen für Kernkraft. Würde das Volk Krieg befürworten, stände er wahrscheinlich vor er Kamera und würde Fragen: "Wollt Ihr den totalen Krieg!" um sich zujubeln zu lassen.

    So fängt man eben Wähler. Und nur darum geht es schließlich.

    In der Sache macht er dann den Schröder. Schon 2001 hat der damalige Kanzler selbstverständlich den Atomaustieg beschlossen. Für die übernächste Legislaturperiode.

    Und so hat Röttgen argumentativ schon klammheimlich die Laufzeit von 40 statt 32 Jahren in Spiel gebracht, so dass man erste Kraftwerke erst ca. 2018 abschalten müsste. Dann ist er ja schließlich wahrscheinlich nicht mehr Minister und muss nicht im Jahre 2018 die Laufzeitverlängerung auf 50 Jahre verkaufen.

    So wird halt sachlich richtige Laufzeitverlängerung betrieben, ohne dass das Volk Scheiterhaufen aufzuschichten beginnt.

    Also nichts Neues seit dem Mittelalter.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • redfox
    • 12.02.2010 um 0:53 Uhr

    "Es kommt darauf an, was eine Mehrheit im Volk richtig oder falsch findet."

    In meinen Augen wäre das demokratischer als das aktuelle System. Manche glauben dagegen lieber an Eliten und unfehlbare Autoritäten, die noch die größte Unmenschlichkeit geschickt rhetorisch umkleiden können, um sie so den Ahnungslosen unterzujubeln.

    • redfox
    • 12.02.2010 um 0:53 Uhr

    "Es kommt darauf an, was eine Mehrheit im Volk richtig oder falsch findet."

    In meinen Augen wäre das demokratischer als das aktuelle System. Manche glauben dagegen lieber an Eliten und unfehlbare Autoritäten, die noch die größte Unmenschlichkeit geschickt rhetorisch umkleiden können, um sie so den Ahnungslosen unterzujubeln.

  5. reicht auch ein Röttgen nicht heran, selbst wenn er tatsächlich nicht nur Nebelkerzen zünden will, wie hier vermutet.

    Ende der 80er, Anfang der 90er war Töpfer in diesem Ministeramt bald grüner als die Grünen. Er war Vorreiter in Sachen Dosenpfand. Er trat den Energiekonzernen auf die Füße und setzte sich für nachhaltige Verbindung von Ökologie und Ökonomie ein. Zum Dank für seine gute Arbeit wurde er 1994 durch Angela Merkel ersetzt und auf einen weniger wichtigen Ministerposten versetzt.
    Ach lest doch einfach selbst:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Töpfer

    MfG
    AoM

  6. Mögen doch manche polemisieren (Julia09) und ihn auf eine Stufe mit einem Präsident gewordenen Hollywoodschauspieler stellen. Schlimm ist, das die gleiche Schreiberin aus dem 1000jährigen Reich zitiert. Effizienter kann man sich nicht selbst bloßstellen.
    Röttgen sieht das Machbare und spricht es an. Zwar erkennen die meisten politischen Entscheider, dass wir mittelfristig die Atomkraft brauchen, aber gesprochen wird immer nur vom Ausstieg - ist ja publikumswirksamer.
    Minister Röttgen hat die Tragweite erkannt und den Kurs vorgegeben. Wenn nun die Politik die Rahmenrichtlinien neu steckt, wird die Industrie folgen müssen - auch dort muss man über den Tellerrand blicken.

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