Pan Jianwei forscht in Wien und Heidelberg. Heute arbeitet der Quantenphysiker an der Universität Hefei in China © Stefanie Schramm

Mit einem riesigen Messer hackte Pan Jianwei das Universum in winzig kleine Stücke. »Es fühlte sich ziemlich gut an«, erzählt der Physiker. »Ich war gerade dabei, die Weltformel zu finden.« Dann wachte er auf.

Im wirklichen Leben beschäftigt sich Pan weniger mit dem großen Ganzen als mit den kleinen Schnipseln. Physiker nennen diese Schnipsel Quanten: die kleinsten Portionen, in die sich eine physikalische Größe teilen lässt. An der University of Science and Technology of China (USTC) in Hefei versucht Pan, mit diesen winzigen Quanten große Aufgaben zu bewältigen – superschnelles Rechnen und absolut sichere Kommunikation. Zusammen mit seinen Kollegen hat er in den vergangenen acht Jahren 60 Artikel in internationalen Spitzenzeitschriften veröffentlicht. Damit hat er Hefei auf die Weltkarte der Quantenphysik gesetzt.

Die Hauptstadt der Provinz Anhui, drei Zugstunden von Shanghai entfernt, ist eine typische chinesische Stadt aus der zweiten Reihe: fast fünf Millionen Einwohner, grau, gesichtslos und ein wenig schmuddelig. Doch in der Wissenschaft spielt Hefei in Chinas erster Liga. Drei nationale Forschungszentren befinden sich hier, mehr gibt es nur in Peking .

Pan hat in Hefei studiert, 1996 ging er nach Innsbruck und später nach Wien , um bei dem renommierten Quantenphysiker Anton Zeilinger, der seit Jahren als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, zu promovieren. Dann wechselte Pan nach Deutschland und baute an der Universität Heidelberg eine eigene Arbeitsgruppe auf. Gleichzeitig hatte er eine Professur an der USTC, pendelte zwischen Heidelberg und Hefei.

Seit 2008 lebt er wieder in China. »Ich liebe die Wissenschaft, aber ich liebe auch mein Heimatland«, sagt Pan. »Sobald ich sicher war, dass ich hier gute Wissenschaft machen kann, bin ich zurückgekommen.« Für diese Sicherheit hat auch der chinesische Staat gesorgt – mit knapp zehn Millionen Euro Forschungsgeldern.

»Da konnten wir einfach nicht mithalten«, sagt Dirk Dubbers, Direktor des Physikalischen Instituts der Heidelberger Universität . »Wir hätten Pan gern gehalten, der veröffentlicht ja fast jeden Monat einen Knüller.« Als besonders zielstrebig habe er den Quantenphysiker kennengelernt. »Der hat nicht nach links und nicht nach rechts geguckt.« Dubbers sagt das anerkennend.

»Er kann sehr gut unterscheiden, was zum Ziel führt und was nicht«, meint auch Časlav Brukner, der mit Pan zusammen promoviert hat. »Und er sieht Wege, die andere nicht sehen.« Was nicht zum Ziel führe, lasse Pan einfach weg. So habe er nie Deutsch gelernt, obwohl er zwölf Jahre lang in einem deutschsprachigen Umfeld gelebt hat, erzählt Brukner. Und er könne sich an kein einziges Feierabendbier mit dem Kollegen erinnern.

Pan ist nun ein hai gui. Das heißt Rückkehrer auf Chinesisch, klingt aber auch so ähnlich wie das Wort für »Seeschildkröte«. Wie die Tiere zum Eierlegen an ihren Geburtsort zurückkehren, so sollen nach dem Willen der Pekinger Regierung gut ausgebildete Experten in die Heimat zurückkommen. Mit speziellen Programmen lockt der Staat die Fachleute heim, dabei ist er zunehmend erfolgreich.

Pan weiß ziemlich genau, was er in Hefei jetzt schon geschafft hat. Auf den ersten Blick wirkt er in seinem grauen Strickpulli mit den zu langen Ärmeln, in denen seine Hände halb verschwinden, wie der Prototyp des zurückgezogenen Physikers. Er spricht sachlich und unaufgeregt. Übertrieben bescheiden ist er aber nicht.