Atomstreit Das Bombenstück

Die Iran-Diplomatie ist nur Theater. Josef Joffe plädiert für ein neues Skript

Fabrik für den Stoff, aus dem die Bombe werden kann: Präsident Mahmud Ahmadineschad in der iranischen Uran-Anreicherungsanlage in Natans

Fabrik für den Stoff, aus dem die Bombe werden kann: Präsident Mahmud Ahmadineschad in der iranischen Uran-Anreicherungsanlage in Natans

Wie unterscheidet sich das jüngste Bombenstück des iranischen Staatstheaters von den letzten sechs Spielzeiten? So lange schon versucht die EU-Troika den Chomeinisten die Bombe abzuschwatzen – geduldig und gemächlich. Die jüngste Inszenierung hat den pädagogischen Vorteil, den Evergreen auf eine knappe Woche zu stauchen. Die Botschaft kommt im rasanteren Tempo über die Bühne als in den Jahren zuvor. Sie lautet: »Wie es uns gefällt.« »Uns«, das ist Teheran.

Vergangene Woche hieß es: Wir nehmen den Deal, den wir im Oktober zerrissen haben. Iran schafft leicht angereichertes Uran (3,5 Prozent) ins Ausland und bekommt dafür den höher angereicherten Stoff (20 Prozent, für medizinische Zwecke) zurück. Die Logik? Solange der Stoff außer Landes ist, kann er nicht auf Bombenstärke hochdestilliert werden. So gewönne der Westen wenigstens Zeit.

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Ein Deal sei »nahe«, verkündet Außenminister Mottaki am Samstag. Tags drauf desavouiert ihn sein Chef, am Dienstag ist es offiziell: Die 20-Prozent-Anreicherung hat begonnen. »Wir verschwenden keine Zeit mit irrelevanten Diskussionen«, legt Ahmadineschad nach. Das wäre die richtige Devise für den Westen gewesen.

Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Jetzt spürt auch der Friedfertigste, dass Iran seit je die Diplomatie als Deckung benutzt hat. Und deshalb die brutale Frage: die Bombe akzeptieren? Die militärische Option? Die USA können, aber wollen nicht; die Israelis wollen, aber können nicht. Sanktionen? Die werden die Russen verwässern, die Chinesen verwehren.

Vergessen wir aber nicht Sanktionen der besonderen Art, die die wundesten Punkte des Regimes treffen: seine Anerkennungsgier und seine Illegitimität. Es sieht sich als Welt- und Führungsmacht; anders als Nordkorea graust es ihm vor der Isolierung. Also: Einreiseverbote, Kappung des Finanzverkehrs, Kontakte auf Minimalebene, Handelsblockaden, wo Russland und China nicht einspringen können.

Isolierung wirkt auch im Inneren. Sie würde der Opposition beweisen, dass sie nicht allein ist. Und einen weiteren Keil ins Regime treiben, das längst kein Monolith mehr ist. Der Wahlfälscher kann sich nicht einmal auf alle Revolutionsgarden verlassen, geschweige denn auf die Armee. Warum holt er die Prügeltruppen aus der Provinz in die Hauptstadt? Die Ächtung des A. würde selbst jene Mullahs erfreuen, die ihn als Verrückten sehen, weil er tatsächlich an die Rückkehr des verschwundenen zwölften Imams glaubt und sie zu beschleunigen sucht.

Das Regime steckt in einer Überlebenskrise, aber nicht nur wegen der Protestler, die täglich ihre Existenz riskieren. Apropos Risiko: Es kostet den Westen nichts, ebenfalls Rechtsstaat, Menschenwürde und Freiheiten hochzuhalten; dass CIA und Mossad die Revolution angezettelt hätten, hat A. schon benutzt, als Obama im Juni brav schwieg. Die Demonstranten zu ehren ist nicht nur moralisches, sondern auch realpolitisches Gebot. 

Iran ist eine große Zivilisation, die es nicht verdient, von Ahmadineschad gekapert worden zu sein. Alles, was ihn schwächt, ist gut für Iran und die Welt. Und nicht so gut für die Bombe, weil Demokraten pfleglicher mit der Welt umgehen als Apokalyptiker im Gewande Gottes.

 
Leser-Kommentare
    • FahadA
    • 13.02.2010 um 10:43 Uhr

    Ich habe gerade Salehis Interview mit Al Jazeera gesehen. Mag sein, dass der eine oder andere hier eine etwas abweichende Meinung ueber die iranischen Versuche bekommt, an Isotope (Medikamente) zu kommen.

    http://www.youtube.com/al...

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    • joG
    • 13.02.2010 um 11:25 Uhr

    ..., der allerdings nichts zur Klärung der Lage beträgt. Die medizinisch notwendigen Isotope hätte Iran haben können. IEAE hat mehrere Aktivitäten iranischer Stellen aufgetan, die nur mit der Entwicklung einer (sogar Interkontinentalträgersysteme fähigen) Atomwaffe sich erklären zu lassen scheinen, werden von iranischer Seite aber nicht erklärt. Inspekteure können sich nicht frei bewegen.
    So lange das so ist, oder auch nur die Vermutung im Raum steht, Iran könnte A-Waffen bauen, sind solche Interviews reine Zeitverschwendung. Es ist völlig egal, was von dort erklärt wird, so lange man annehmen kann, es würden A-Waffen dort entwickelt. Das Risiko ist zu groß.

    • joG
    • 13.02.2010 um 11:25 Uhr

    ..., der allerdings nichts zur Klärung der Lage beträgt. Die medizinisch notwendigen Isotope hätte Iran haben können. IEAE hat mehrere Aktivitäten iranischer Stellen aufgetan, die nur mit der Entwicklung einer (sogar Interkontinentalträgersysteme fähigen) Atomwaffe sich erklären zu lassen scheinen, werden von iranischer Seite aber nicht erklärt. Inspekteure können sich nicht frei bewegen.
    So lange das so ist, oder auch nur die Vermutung im Raum steht, Iran könnte A-Waffen bauen, sind solche Interviews reine Zeitverschwendung. Es ist völlig egal, was von dort erklärt wird, so lange man annehmen kann, es würden A-Waffen dort entwickelt. Das Risiko ist zu groß.

  1. daß amerikaner nicht angreifen wollen und israelis nicht angreifen können, dann sieht es sehr düster aus. punktuelle sanktionen werden nicht den druck entwickeln können, die apokalyptiker von ihrer messianischen mission abbringen zu können und die option des demokratischen umsturtz scheint auch unter dem schweigen von obama verstrichen.
    da es isral nicht zulassen kann, dass die bombe in die hände eliminatorisch gesinnter antisemiten fällt, wird es sich präverntiv gegen seine vernichtung verteidigen müssen. auch wenn die herausforderung gewaltig ist. neben sanktionen gilt es, den beistand für einen israelischen angriff zu organisieren. für den fall das keine sanktionen mehr helfen.

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    • joG
    • 13.02.2010 um 12:23 Uhr

    ....ist doch noch Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen. Was kann Deutschland bzw die EU tun, um die Proliferationsfolge einer Apokalypse abzuwenden? Immerhin schadete sie auch dem deutschen Volk.
    Wir wissen, dass Jahrzehnte "Kritischer" Dialog, "Alternativlose" Verhandlungen und Handel mit Iran uns an diese Stelle gebracht haben. Vermutlich kann man nur mit den Amerikanern weiter kommen, aber wenn sie die Iraner nicht alleine arretieren wollen und die Israelis die nur sehr begrenzt alleine können?
    Sind wir bereit unsere Soldaten zu stationieren? Wenn wir das nicht sind, wie hält man die Apokalypse auf? Womit? Was ist der Deutsche Weg in dieser Sache? Abwarten und Atombunker bauen?

    • joG
    • 13.02.2010 um 12:23 Uhr

    ....ist doch noch Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen. Was kann Deutschland bzw die EU tun, um die Proliferationsfolge einer Apokalypse abzuwenden? Immerhin schadete sie auch dem deutschen Volk.
    Wir wissen, dass Jahrzehnte "Kritischer" Dialog, "Alternativlose" Verhandlungen und Handel mit Iran uns an diese Stelle gebracht haben. Vermutlich kann man nur mit den Amerikanern weiter kommen, aber wenn sie die Iraner nicht alleine arretieren wollen und die Israelis die nur sehr begrenzt alleine können?
    Sind wir bereit unsere Soldaten zu stationieren? Wenn wir das nicht sind, wie hält man die Apokalypse auf? Womit? Was ist der Deutsche Weg in dieser Sache? Abwarten und Atombunker bauen?

    • joG
    • 13.02.2010 um 11:25 Uhr

    ..., der allerdings nichts zur Klärung der Lage beträgt. Die medizinisch notwendigen Isotope hätte Iran haben können. IEAE hat mehrere Aktivitäten iranischer Stellen aufgetan, die nur mit der Entwicklung einer (sogar Interkontinentalträgersysteme fähigen) Atomwaffe sich erklären zu lassen scheinen, werden von iranischer Seite aber nicht erklärt. Inspekteure können sich nicht frei bewegen.
    So lange das so ist, oder auch nur die Vermutung im Raum steht, Iran könnte A-Waffen bauen, sind solche Interviews reine Zeitverschwendung. Es ist völlig egal, was von dort erklärt wird, so lange man annehmen kann, es würden A-Waffen dort entwickelt. Das Risiko ist zu groß.

    Antwort auf "Welche Bombe?"
    • nils86
    • 13.02.2010 um 11:42 Uhr

    Das Problem ist doch wie in anderen Fällen, dass außenpolitischer Druck nicht die Regierung und das Volk entzweit. Womöglich würden drastische Sanktionen Herrn A. sogar helfen seine innenpolitischen Probleme zu bekämpfen. Beispiele dafür lassen sich in der Geschichte genug finden.

    Ich denke Barack Obama und seine Berater sind sich dieses Problems bewusst. Sie wären also gut beraten nur Sanktionen zu verhängen, die die Bevölkerung nicht in die Arme der Regierung laufen lässt und somit die (passive und aktive) Unterstützung der iranischen Opposition im Keim erstickt.

    • joG
    • 13.02.2010 um 12:23 Uhr

    ....ist doch noch Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen. Was kann Deutschland bzw die EU tun, um die Proliferationsfolge einer Apokalypse abzuwenden? Immerhin schadete sie auch dem deutschen Volk.
    Wir wissen, dass Jahrzehnte "Kritischer" Dialog, "Alternativlose" Verhandlungen und Handel mit Iran uns an diese Stelle gebracht haben. Vermutlich kann man nur mit den Amerikanern weiter kommen, aber wenn sie die Iraner nicht alleine arretieren wollen und die Israelis die nur sehr begrenzt alleine können?
    Sind wir bereit unsere Soldaten zu stationieren? Wenn wir das nicht sind, wie hält man die Apokalypse auf? Womit? Was ist der Deutsche Weg in dieser Sache? Abwarten und Atombunker bauen?

  2. Sanktionen hätten vielleicht vor Ahmadinejad geholfen. Jetzt geht es nur noch mit massiven Luftangriffen. Die Amerikaner würden das wahrschleinlich schaffen, ich hoffe, sie verzichten darauf. Das wäre es nicht wert.
    Jetzt hilft nur noch abschrecken. Die Frage ist nur, ist Ahmadinejad rational genug, sich abschrecken zu lassen.

  3. Erstschlag, zu neudeutsch präventive Selbstverteidigung schwebt im Raume und wie ein zartes Pflänzchen wird es fleißig von jenen gehegt und gepflegt, die nicht die Geduld haben zu warten, wann der Iran die Apokalypse auslöst, sondern es lieber gleich selbst tun möchten.

    Herr Kurt Kraus plä(rrt)diert sogar für massive Luftangriffen.
    Ja, lasst uns den Iran coventrieren, Gott wird die seinen schon erkennen. Lasst uns die Schuhe von Bush, Rumsfeld und Cheney anziehen und der Welt zeigen, wie wir dem Iran die westliche Demokratie mit ihren Menschenrechten aufzwingen.

    Lasst uns Deutsche teilhaben an der gewaltsamen Besetzung eines Landes, auf dass das Gas und Öl zum Nulltarif auch für uns aus der Pipeline fließe und das Mutti endlich einen festen Platz am Lagerfeuer des Weltsicherheitsrates erhalte.

    MfG
    AoM

  4. dass die Opposition im Iran gestärkt und die Mullahs überzeugt werden müssen, dass sie Ahmadinedschad fallen lassen und einen gemäßigteren Kurs einschlagen.
    Das funktioniert aber nur mit Diplomatie. Eine militärische Intervention bring da gar nichts, denn dann werden sich die Iraner gegen den Feind von außen zusammenschließen.
    Auch die Opposition feiert die islamische Revolution gegen die USA-Marionette Mohammad Reza Pahlavi und hat ebenso nicht vergessen, dass es die USA waren, die Saddam Hussein zum Angriff auf den neuen Gottestaat bewegten und hochrüsteten.
    Auch Mussawi, Kharubí und wie sie alle heißen, werden sich dem Westen nicht beugen.

    MfG
    AoM

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