Im Juni 1989 (als die Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking gewaltsam niedergeschlagen wurden, Anm. d. Red.) erlebte ich den größten Wendepunkt meines bislang 50-jährigen Lebens. Davor war ich einer der ersten Studenten gewesen, als nach der Kulturrevolution erstmals wieder die Aufnahmeprüfungen für die Universität stattfanden. Meine Universitätskarriere war ein sanfter Ritt vom Grundstudium über das Diplom bis hin zur Promotion. Nach dem Abschluss blieb ich als Lektor an der Pekinger Normalen Universität. Als Dozent war ich bei den Studenten beliebt. Gleichzeitig veröffentlichte ich zahlreiche Artikel und Bücher, die für Aufmerksamkeit sorgten. Ich war oft als Redner eingeladen und besuchte Europa und die USA als Gastdozent.

Als Person und Autor habe ich mir stets abverlangt, in Ehrlichkeit, mit Würde und Verantwortung zu leben. Nachdem ich aus den USA zurückkehrte, um an der Bewegung von 1989 teilzunehmen, wurde ich wegen "konterrevolutionärer Propaganda und Aufwiegelung zu kriminellen Handlungen" eingesperrt. Von da an war es mir in China verboten, etwas zu veröffentlichen oder öffentlich das Wort zu ergreifen.

Nur weil er eine abweichende politische Meinung äußert, weil er an einer friedlichen und demokratischen Bewegung teilnimmt, kann ein Dozent seine Lehrtätigkeit verlieren; kann ein Intellektueller die Möglichkeit, öffentlich zu sprechen, und ein Autor das Recht zu schreiben verlieren. Das ist traurig, nicht nur für mich, sondern auch für ein China, das drei Jahrzehnte der Öffnung und Reform erlebt hat.

Meine dramatischsten Erlebnisse nach dem 4. Juni 1989 haben allesamt mit Gerichten zu tun: zwei öffentliche Anhörungen vor dem Pekinger Volksgericht im Januar 1991 und jetzt diese hier. Die Anklage war jedes Mal unterschiedlich, doch handelt es sich im Kern stets um das Gleiche: Ich verstieß gegen das Gesetz, weil ich meine Meinung äußerte.

Der 4. Juni hat mich dazu bewogen, den Weg des Dissidententums zu beschreiten. Ich habe, seitdem ich 1991 das Qincheng-Gefängnis wieder verließ, das Recht verloren, mich öffentlich zu äußern. Es war mir nur möglich, dies über ausländische Medien zu tun. Viele Jahre lang wurde ich beobachtet, unter Aufsicht gestellt und zur Umerziehung in ein Arbeitslager gesteckt. Jetzt werde ich wieder von meinen Feinden im Regime unter Druck gesetzt. Aber ich möchte dem Regime, das mir meine Freiheit vorenthält, sagen: Ich habe keine Feinde. Weder die Polizisten, die mich überwacht, gefangen genommen und verhört haben, noch die Staatsanwälte, die mich angeklagt, noch die Richter, die mich verurteilt haben, sind meine Feinde. Ich akzeptiere eure Überwachung, euren Arrest, eure Urteile nicht, aber ich respektiere euren Beruf und eure Persönlichkeiten.

Der Hass zerfrisst die Weisheit und das Gewissen einer Person. Das Feinddenken kann den Geist einer Nation vergiften, Toleranz und Menschlichkeit zerstören und den Weg zu Fortschritt und Demokratie verstellen. Ich hoffe, in der Lage zu sein, die Feindseligkeit des Regimes mit besten Absichten zu erwidern und Hass mit Liebe zu entschärfen.

Die Politik der Reform und Öffnung hat Staat und Gesellschaft weiterentwickelt. Wir begannen, uns vom Prinzip des Klassenkampfes zu verabschieden, das die Mao-Ära dominierte. Stattdessen verpflichteten wir uns wirtschaftlicher Entwicklung und sozialer Harmonie. Wir lösten uns von der "Philosophie des Kampfes" und vom Feinddenken. Davon profitierte nicht nur die Marktorientierung der Wirtschaft, sondern auch die kulturelle Diversität. Langsam wandelte sich das Land hin zu mehr Rechtsstaatlichkeit. Selbst im politischen Bereich, wo der Fortschritt am langsamsten ist, hat der Abschied vom Feinddenken dazu beigetragen, dass die Politik der Gesellschaft gegenüber toleranter geworden ist und Dissidenten nicht mehr ganz so hart verfolgt werden. Die Bewegung von 1989 galt fortan nicht mehr als "angestiftete Rebellion", sondern als "politische Erhebung".

 

Die Auflösung des Feinddenkens führte auch dazu, dass die Führung die Universalität der Menschenrechte anerkannte. 1998 versprach China, die zwei internationalen Menschenrechtskonventionen der Vereinten Nationen zu unterschreiben; China verpflichtete sich damit internationalen Menschenrechtsstandards. 2004 schrieb der Volkskongress zum ersten Mal in der Verfassung fest, dass "der Staat Menschenrechte respektiert und sichert". Damit hat das Regime signalisiert, Menschenrechte als grundlegendes Prinzip der Rechtsstaatlichkeit anzuerkennen.

Was dieser große Prozess bedeutet, habe ich gesehen, seit ich in Haft sitze. Ich beharre auf meiner Unschuld und darauf, dass die Anklagen gegen mich verfassungswidrig sind. Doch habe ich in dem mehr als einem Jahr, in dem ich meine Freiheit verloren hatte, zwei Gefängnisse, vier verschiedene Polizeioffiziere, drei Staatsanwälte und zwei Richter erlebt. Im Umgang mit mir hat es keine Respektverletzungen gegeben, keine Zeitüberschreitungen und auch keine erzwungenen Geständnisse.

Ich glaube fest daran, dass die politische Entwicklung Chinas nie haltmachen wird. Und ich bin voller optimistischer Erwartungen, dass eines Tages die Freiheit nach China kommen wird, denn keine Kraft der Welt kann dem menschlichen Drang nach Freiheit Einhalt gebieten. China wird dereinst ein Land sein, in dem Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte an vorderster Stelle stehen. Ich hoffe auch, dass sich der Fortschritt bereits in dieser Gerichtsverhandlung spiegeln wird, und sehe dem gerechten Urteil dieses Gerichts entgegen; einem Urteil, das vor der Geschichte bestehen kann.

Wenn Sie mich fragen, was meine glücklichste Erfahrung der vergangenen beiden Jahrzehnte gewesen ist, so werde ich antworten, es sei die selbstlose Liebe meiner Ehefrau Liu Xia gewesen. Und selbst wenn ich zu Pulver zermalmt werde, werde ich dich mit meiner Asche umarmen.

Mit deiner Liebe werde ich meinem bevorstehenden Prozess mit Ruhe begegnen, ohne meine Entscheidungen zu bedauern und voller Hoffnung für das Morgen. Ich freue mich auf mein Land, das ein Land der freien Meinungsäußerung sein wird, in dem die Sichtweisen aller Bürger gleichbehandelt werden, in dem alle politischen Meinungen öffentlich werden, auf dass der Bürger wählen kann, in dem sich jeder ohne Angst äußern kann und nicht verfolgt wird, weil er Abweichendes von sich gab. Ich hoffe, das letzte Opfer der endlosen chinesischen Literaturinquisition zu sein, und dass danach niemand mehr wegen seiner Meinung eingesperrt wird.

Freie Meinungsäußerung ist Grundlage der Menschenrechte, Ursprung der Menschlichkeit und Mutter der Wahrheit. Freie Meinungsäußerung zu verhindern heißt, auf Menschenrechten herumzutrampeln, Menschlichkeit zu erdrosseln und die Wahrheit zu unterdrücken.

Ich fühle mich nicht schuldig dafür, mein verfassungsmäßiges Recht der freien Meinungsäußerung auszuüben; meiner gesellschaftlichen Verantwortung als chinesischer Bürger nachzukommen. Selbst wenn ich deswegen angeklagt werde, erhebe ich keine Klage. Vielen Dank!

Aus dem Englischen von Miguel A. Zamorano