Unterkunft Mutter aller Messen
Weil in Leipzig Hotels fehlen, räumt Heidemarie Voßbeck für Gäste ihr Fernsehzimmer
Wir hatten Holländer, wir hatten Dänen, wir hatten sogar Westdeutsche, sagt die Frau, bei der sie alle schließlich Zuflucht fanden.
Heidemarie Voßbeck, 64 Jahre alt, Kindergärtnerin im Ruhestand, macht die Gäste der Stadt Leipzig zu ihren eigenen Gästen. Sie muss dafür ihr Fernsehzimmer räumen. Sie muss den Fremden den Wohnungsschlüssel überlassen und ein Frühstück bereiten. Die Besucher schlafen unter Voßbecks großer Kochbuchsammlung, auf der gemusterten Ausziehcouch mit weichen Kissen. In dieser Neubauwohnung in Leipzig-Gohlis wird alles sein wie früher, als Heidemarie Voßbeck viel jünger war und der Begriff »Messemutti« noch gar nicht zu ihr passte.
Messemutti, das klingt einigermaßen verstaubt, wie von gestern. Das ist es auch. Wenn in der DDR Messe war, sagt Heidemarie Voßbeck, »dann rückten wir zu Hause eng zusammen«. Weil im Staat, dem es an allem mangelte, auch Hotelbetten fehlten. Aussteller waren für Voßbecks das große Glück. Die blieben eine ganze Woche. Das brachte Ostmark und manchmal wohl auch ein paar Mark West. Für Frauen wie Heidemarie Voßbeck waren Westkontakte okay, sie waren die Mütter der Messen.
Bis zum Mauerfall. »Heute«, sagt die 64-Jährige, »will eigentlich niemand mehr privat wohnen. Die Menschen haben es gern anonym. Tür zu.« Sie schlafen jetzt in den großen, neuen Hotels. Die Pensionistinnen von Leipzig wurden abgeschafft mit dem Staat, der sie erfunden hat. Aber alles kommt wieder, wenn die Not nur groß genug erscheint. Und so ist heute, mehr als zwei Jahrzehnte danach, noch einmal Heidemarie Voßbecks ganzer Einsatz gefragt. Denn Leipzig hat ein Problem. Die Voßbecks werden es lösen, wie sie es früher schon gelöst haben. Sie werden den Ersatzschlüssel für die Wohnung aus dem Schrank holen. Die Fremden sollen nur kommen. Für etwa 30 Euro pro Nacht.
Der Stadt der leeren Häuser fehlen bei großen Veranstaltungen auch heute noch Hotelbetten. Am zweiten Juniwochenende dieses Jahres wird der Mangel besonders groß sein: Dann finden gleichzeitig die Feuerwehrmesse Interschutz, der Deutsche Feuerwehrtag und das Bachfest statt. Die Veranstalter erwarten annähernd 300.000 Besucher – zu viel für die Halbmillionenstadt. Schon jetzt sind in dieser Zeit nicht nur die Hotels und Pensionen in Leipzig ausgebucht, sondern auch jene in den Nachbarorten, in Markkleeberg, Grimma, ja selbst in Halle, Borna, Markranstädt. Wie hat man dieses Problem früher gleich gelöst?
Als der Anruf kam, ob sie nicht mitmachen wolle, die Tradition werde wiederbelebt, hat Frau Voßbeck gezögert. Ihr Mann sträubte sich: »Wir sind doch jetzt Rentner.« Es werde nichts mehr wie damals sein. Haben sich die Menschen nicht geändert, wie sich die Zeiten geändert haben? Na gut, hat Heidemarie Voßbeck der Anruferin gesagt. Aber nur dieses eine, letzte Mal.
- Datum 10.02.2010 - 14:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
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