Wenn der Vollmond als riesiger orangefarbener Ball aufgeht und eine golden schimmernde Bahn aufs Wasser zaubert, kneift man sich in den Arm und zweifelt, ob man wirklich noch auf der Erde ist. Am Horizont sind schwach die Lichter der Fischerboote zu sehen. Am Strand brennt ein Lagerfeuer. Aus dem tiefschwarzen Busch auf den Bergen ringsum ertönt das Stakkato der Affen in kurzen Schreien, die klingen, als lache sich jemand kaputt. Dazwischen das Dauerzirpen der Grillen und die schrillen Rufe von Vögeln. Vermutlich sehr großen, sehr bunten Vögeln.

Die Hütte, vier mal vier Meter, steht auf Pfählen, ganz oben am Hügel. Ein niedriger Holztisch, an dem man nur in der Hocke sitzen kann, zwei ausgeleierte Sitzkissen, ein kleiner Balkon, kein Schrank. Zur Dusche führt eine steile Holzstiege ins Untergeschoss. Die Lampe neben der Matratze ist an die einzige Steckdose angeschlossen und gibt nur schummriges Licht. Lesen ausgeschlossen. Der Luftzug des Ventilators streicht über das Moskitonetz, das vom Balken unter dem Wellblechdach hängt. Schweiß läuft mir in kleinen Rinnsalen über die Brust. Immer noch fast 30 Grad. Ich bin nicht allein. An der Wand sitzt ein Gecko und gackert. "Gecko – Gecko".

So muss es früher überall in Thailand gewesen sein, vor 20, 30 Jahren, da Reiseberichte aus Südostasien noch klangen, als kämen sie aus einer anderen Welt. Heute sind Aufenthalte auf entlegenen Inseln längst pauschal zu buchen, Luxus- und Party-Tourismus sind bis ins letzte Dorf vorgedrungen. Nur wenige Refugien gibt es noch, wo man für ein paar Euro übernachtet, wo man nicht bis an die Wasserlinie dauerbeschallt und -bespaßt wird. Der Bottle Beach im Norden von Ko Pha Ngan ist ein solcher Zufluchtsort. Seinen Namen verdankt der abgeschiedenste der rund 30 Inselstrände nicht ausschweifenden Trinkgewohnheiten, sondern der Form zweier Felsen. Sie begrenzen den etwa 500 Meter langen, sanft abfallenden Strand, an dem vier kleine Bungalow-Anlagen stehen.

Um hierher zu gelangen, fällt man nicht einfach aus dem Flugzeug in den Liegestuhl. Mein Trip beginnt im Gewühl der Khao San Road in Bangkok , im Dunst neonbeleuchteter Garküchen, im Lärm knatternder Tuk-Tuks und hupender Taxis. Zwei Stunden muss ich warten, bis ich den Nachtbus in Richtung Süden besteige. Vor mir sitzen drei Spanier und reden lautstark über die Wechselwirkungen von Malariamedikamenten und Ecstasy. Die Fahrt erinnert an die surrealistischen Filme von David Lynch. Lichter entgegenkommender Lkw flackern durch die trüben Busfenster, ihr Hupen reißt mich immer wieder aus dem Schlaf. Morgens um acht, die Spanier trinken schon Bier, legt die Fähre von Chumphon nach Ko Pha Ngan ab. Am Pier der Inselhauptstadt Thong Sala zwänge ich mich als sechzehnter Fahrgast in ein Pick-up-Taxi. Der Fahrer stoppt vor einem Haus, irgendwo im Nirgendwo. "Here take boat", sagt er, als er das Gepäck vom Dach herunterreicht. Ein drahtiger alter Skipper lässt sein Essen stehen, klemmt sich eine Kippe in den faltigen Mundwinkel und verhandelt den Preis. 300 Baht, etwa sechs Euro, für die halbstündige Fahrt. Das Meer liegt spiegelglatt in der Mittagshitze, als wir an schroff aufragenden Felsen vorbeituckern.

Vom Boot aus sind die Hütten zwischen den Palmen kaum auszumachen. Als wir am Bottle Beach anlegen, kommt eine kleine runde Frau auf mich zu und begrüßt mich mit einem Lächeln. "Ich bin Araya, die Rezeptionistin", sagt sie. "Und du musst Ralph sein." Araya und ich kennen uns bislang nur schriftlich. Die Smile Bungalows haben keine Internetseite und erst seit einem Jahr eine E-Mail-Adresse. Früher galt das Prinzip "Just come", inzwischen muss man vorbuchen.