Ich habe einen Traum "Wäre ich Pianist, würde ich Bach spielen"

Der Schauspieler Jürgen Vogel würde gern Klavier spielen können. Er bewundert die Unabhängigkeit des Pianisten und nimmt sich vor, bald Unterricht zu nehmen.

Als Kind habe ich häufig geträumt, dass ich mich in einem Haus verschanze und Monster versuchen, hereinzukommen. Zombie-Träume eben. Ich bin immer aufgewacht, bevor sie es schafften, vermutlich ist das so ein Schutzmechanismus. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, das zu deuten. Bestimmte Dinge sind einfach da, mit denen müssen wir leben. Sie treiben uns an, aber wir sollen eigentlich gar nicht erst versuchen, sie zu verstehen. Wenn man sie verstehen würden, dann wäre vielleicht die Batterie leer. Dann wäre diese Energie nicht mehr da.

Ich hatte mal einen sehr realistischen Traum, der mich dazu gebracht hat, Musik zu machen. Die Szene spielte in einem kleinen Club. Es war dunkel und voll. Auf der Bühne stand ein Mikrofon, die Band legte los, erst das Schlagzeug, dann die Gitarre, ein Song von Iggy Pop und den Stooges. Ich ging auf die Bühne und wollte anfangen zu singen. Noch bevor ich den ersten Ton rausbrachte, wachte ich auf. Der Traum war einfach vorbei.

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Ich dachte: Toller Club, die richtige Musik. Ich kann singen! Es hatte so gut angefangen, ich wollte das erleben! Ich wickelte mich in meine Bettdecke, wälzte mich herum und versuchte, wieder in den Club reinzukommen. Ging aber nicht.

Einige Zeit später kam jemand mit dem Vorschlag auf mich zu, eine Platte aufzunehmen. Die erfolgreichsten deutschen Sänger hätten schließlich als Schauspieler angefangen. Zuerst dachte ich: Was für ein Quatsch. Aber dann kam mir die Idee, einen Musikfilm zu drehen, und ich durfte meinen Traum auf eine andere Art leben, mit der Hansen Band in dem Film Keine Lieder über Liebe. Wir probten ein halbes Jahr, gingen auf Tournee und drehten dabei. Es ging nicht darum, Millionen Platten zu verkaufen, sondern ein Publikum zu finden, das von der Musik ebenso berührt wurde wie wir selbst.

Jürgen Vogel

Der 41-Jährige spielte bislang in rund 100 Filmen mit. 2006 wurde er für Der freie Wille mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Bei der diesjährigen Berlinale ist er in zwei Filmen zu sehen, Boxhagener Platz und Schwerkraft.

Hätte ich das Lied im Traum zu Ende gesungen, hätte ich diesen Film nicht gemacht.

Ich singe und spiele ein bisschen Gitarre, aber nicht wirklich gut. Ich würde gern Klavier spielen können. Als Schauspieler ist man immer gebunden an eine Geschichte, an ein Team, an die Kamera. Als Pianist ist man unabhängig. Du kannst einfach spielen. Du setzt dich hin und legst los. Menschen werden durch Musik verbunden, ohne dass sie reden müssen. Jeder ist dabei frei in seiner Wahrnehmung und nicht genötigt, einen bestimmten Gedanken zu denken oder etwas Bestimmtes zu fühlen. Die Frage, was richtig und falsch ist, stellt sich nicht.

Wäre ich Pianist, würde ich Bach spielen. So wie Glenn Gould ihn spielt, das haut mich jedes Mal um, wenn ich es höre. Wenn jemand klassische Musik spielen kann, egal, auf welchem Instrument, habe ich das Gefühl: Das ist das Große und Ganze, das Fundament für alles andere. Es ist noch nicht zu spät. Ich könnte jetzt bald Klavierunterricht nehmen. Ich sollte es einfach tun. 

Aufgezeichnet vonRalph Geisenhanslüke

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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