Fachmesse Seid süß, Früchte!
Die Zeiten sind bitter: Obst und Gemüse müssen gegenhalten. Ein Messebesuch
Dieser Sommer bringt süße Früchte, so viel kann man jetzt schon sagen. Letzte Woche hat auf der Fachmesse Fruit Logistica in Berlin die internationale Obst- und Gemüsebranche ihre Neuheiten vorgestellt. Die Retrowelle, die uns in den vergangenen Jahren urig wirkende »vergessene« Sorten wie Plattpfirsich, Portulak oder Topinambur bescherte, scheint abgeklungen zu sein. Der Trend geht hin zur Entschärfung vertrauter Arten.
Da wäre etwa die Pinkoo-Tomate aus Südfrankreich. Sie schmeckt angenehm vollmundig und fruchtig, die Säure wurde weggezüchtet. Mit ihrer ungewohnt rosigen Farbe und der modisch abgeflachten Form ist sie auch etwas fürs Auge. »Tomaten dürfen nicht mehr zu rund sein«, heißt es auf der Messe. »Die Verbraucher finden das unnatürlich.«
Die englische Sweet Green Pepper macht auf den ersten Blick wenig her – prall und grün, wie man Paprika kennt. Aber diese Früchte wechseln am Strauch nicht die Farbe, wie es alle natürlichen Paprikaarten früher oder später tun. Die Sweet Green bleibt immer grün und schmeckt dabei so süßlich pikant wie eine vollreife rote. »Darauf hat der Markt gewartet«, erhitzt sich der Mann am Stand. »Und warum hat es keiner gemacht? Weil nur wir das hinbekommen haben, gentechnisch.« Erstaunlich, was ein Wort bewirken kann. Reflexartig stellt der Besucher die Kaubewegungen ein.
Entschärft werden erstaunlicherweise auch Gemüse, die man schon im Naturzustand als fad bezeichnen könnte. Ein niederländischer Erzeuger präsentiert der beeindruckten Fachwelt »nichtbitteren Brokkoli«. Der sieht so aus, als hätte man eine Brokkolispitze auf eine Stange Grünspargel gesteckt. Er schmeckt etwas besser als der normale. Aber das, sagt der Vertreter, sei nur ein willkommener Nebeneffekt gewesen. Vor allem sei es darum gegangen, eine Sorte zu züchten, die auch in nordeuropäischem Klima, also praktisch überall, gedeihe. Die auch roh genießbar sei und keinen Abfall hinterlasse. Ein Universalgemüse. So etwas kommt gut an in der Branche. Der Sweet Stem Broccoli wurde für den Innovationspreis der Fruit Logistica nominiert.
Der ging dann aber an ein Werkzeug: das ART, Arils Removal Tool. Ein Granatapfelkernentferner also und tatsächlich ein Gerät von kulturhistorischer Bedeutung. Was wurde nicht schon alles gedichtet über die mythische Frucht und ihren bittersüßen roten Saft, mit dem man sich fast unweigerlich befleckt. Man denke nur an das Hohelied der Bibel: »Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel.« Aus Israel kommt das Instrument, das mit solcher Gefühlsduselei nun Schluss macht. Da gibt es keine Scheiben und kein Gefummel, einfach die Hälften in den Entkerner, kräftig draufhauen, und schon kommen die Kerne aus der zermatschten Schale. Die junge Frau am Stand macht es vor. Und sagt: »Wenn man die Granatäpfel so entkernt, schmeckt der Saft«, na, was wohl?, »gar nicht bitter«. Süß und simpel, so lautet das Versprechen der Obst- und Gemüseindustrie für das Jahr 2010. Die Zeiten sind bitter genug.
- Datum 12.02.2010 - 18:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.02.2010 Nr. 07
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... hätte sich Gentechnik von vornherein darauf konzentriert bestehende Sorten geschmacklich zu verbessern, anstatt sie gegen irgendwelche Hammerchemikalien resistent zu machen, sie stände imagemäßig jetzt besser da. Ich warte immer noch auf Südfrüchte die auch hier im Norden reifen. Auf Erdbeeren mit Süße und Geschmack, am besten in Apfelgröße, auf Mangos und Kirschen ohne Stein :-) Gut dass da noch was passiert, besonders geschmacklich, wurde auch Zeit. Manches Obst im Supermarkt kann man mittlerweile sogar wieder kaufen...
gentechnisch verändertes obst, finde ich unästhethisch.
bei erdbeeren hat sich in den letzten jahren ein hocharomatischer einheitsgeschmack herauskristalisiert. leider ist der von mir geliebte walderdbeeren-geschmack dabei vollständig auf der strecke geblieben. es ist schwierig erdbeeren mit dem klassischen erdbeergeschmack zu bekommen.
..ansonsten ist doch alles recht begrüßenswert.
Pfui Deifel!
Also ich bin ja immer ein großer Fan der Gentechnick, aber wenn ich mir diesen Artikel so durchlese, wird mir da ganz schlecht.
Was soll das alles? Rosafarbende Tomaten oder auch diese schwarz-violetten, das ist doch schon etwas pervers. Schon allein der Anblick lässt das ganze ganz unnatürlich erscheinen und man stellt sich die frage: "Will ich das wirklich essen?".
Soll die Gentechnik nicht dazu genutzt werden, Lebensmittel so zu manipulieren, dass man diese in den meisten Klimazonen anpflanzen kann, bzw. damit gegen den Welthunger ankämpfen? Stattdessen wird damit so ein kinderkram hergestellt, da nach anfänglichen Spaß ganz schnell an interesse verliert.
Entfernt wegen Doppelposting. Die Redaktion/sh
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