Währungsunion : Griechische Tragödie

Die EU muss sich neu erfinden: Entweder opfert sie den Euro, oder sie gibt die nationale Souveränität in der Wirtschaftspolitik auf.
Ein Polizist bewacht die Tür einer Behörde in der Athener Innenstadt. Direkt neben ihm ist ein Flugblatt angeschlagen, dass einen Streik der Angestellten ankündigt © Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Das hätten die Griechen wohl gern. Sich erst mit gefälschten Haushaltszahlen den Euro erschleichen. Und dann, wenn alles auffliegt, andere Länder um Finanzhilfe bitten. Es sind nicht irgendwelche Stammtischbrüder in der deutschen Provinz, die so reden und am Sinn eines Rettungspakets für Griechenland zweifeln. Es sind Abgeordnete von Union und FDP in Berlin, die nicht wissen, wie sie ihren Wählern erklären sollen, was Europa da verlangt: Griechenland steht vor der Pleite, und Deutschland soll helfen – obwohl die schwarz-gelbe Bundesregierung schon genug Schwierigkeiten hat, die eigenen Ausgaben zu finanzieren. Zwei Drittel der Deutschen sind angeblich dafür, die Griechen entweder sich selbst zu überlassen oder sie aus der gemeinsamen Währungsunion zu werfen. Auch von der Idee, die Regierung in Athen unter Kuratel der EU-Kommission zu stellen, halten die wenigsten etwas. Könnte ja sein, dass "Brüssel" dann in den Sinn käme, sich auch "bei uns" stärker einzumischen.

Dabei ist die griechische Schuldenkrise mehr als nur ein wirtschaftspolitischer Unfall. Was wir erleben, geht über bloßes Krisenmanagement hinaus. Im Grunde stehen alle Regierungen der Euro-Zone, auch die deutsche, vor einer ähnlichen Herausforderung wie bei der Rettung der Banken im Herbst 2008. Damals traten die Kanzlerin und ihr Finanzminister vor die Kameras und versprachen, alles zu tun, um das Geld der Bürger zu schützen. Ihre Experten begannen umgehend, an neuen Finanzregeln zu arbeiten. Und genau darum geht es jetzt wieder: Wer Griechenland retten und die nächste Staatspleite verhindern will, muss die Grundregeln der Währungsunion ändern. Europa ist gezwungen, sich neu zu erfinden.

Seit der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 basierte der gesellschaftliche Zusammenhalt des Kontinents immer auch auf Wachstum und wirtschaftlichem Wohlstand. Europa verhieß Prosperität und Frieden. Dazugehören wollten viele; wer dabei war, wurde von den anderen Mitgliedern weitgehend in Ruhe gelassen. So viel zwischenstaatliche Kooperation wie nötig, so viel nationale Freiheit wie möglich: Auf diese Weise wurde die EU zu einem beispiellosen Erfolg. Auch die gemeinsame Währung ist eine Erfolgsgeschichte. Ohne den Euro hätte gerade Deutschland in der Finanzkrise enorme Probleme bekommen, weil allein die D-Mark den gesamten internationalen Aufwertungsdruck hätte abfedern müssen. Die deutsche Wirtschaft wäre noch tiefer abgestürzt.

Umso schwieriger zu verstehen ist daher, was nun geschieht: Nicht nur die griechischen Zahlenfälscher gefährden die Zukunft des Euro. Auch Spanien, Portugal und Irland sind hoch verschuldet, und wie in einer Art Dominoeffekt könnte ein zahlungsunfähiges Land alle anderen Länder mit sich reißen. Europas Währungsunion hat ungleiche Mitglieder zusammengeführt. Für Spanien waren die euroweit einheitlichen Leitzinsen lange zu niedrig – was zu einer gigantischen Immobilienblase führte. Auch Portugal und Irland genossen dank günstiger Zinsen einen höheren Lebensstandard, als es ihrer wahren Leistungsfähigkeit entsprach.

Dass dies keine Konsequenzen hatte, hängt mit dem Konstruktionsfehler der Währungsunion zusammen: Die beteiligten Regierungen verließen sich darauf, dass allein die Regeln des Stabilitätspakts – also die Verpflichtung zum sorgfältigen Haushalten und das Respektieren bestimmter Schuldengrenzen – die Euro-Zone auf ein sicheres Fundament stellen würden. Tatsächlich gelang es etwa Spanien oder Irland bis zum Ausbruch der Krise beinahe mühelos, alle Schuldenregeln einzuhalten. Heute weiß man: Die Jahre des Booms täuschten eine finanzielle Stabilität vor, die es nicht gab.

Viel Zeit bleibt den Ländern nicht, um sich neue Regeln zu geben

Eine Währungsunion funktioniert langfristig nur, wenn ihre Mitglieder nicht gegeneinander Politik machen, sondern miteinander; wenn es zwar einen Standortwettbewerb gibt, aber eben auch eine aufeinander abgestimmte Ausgaben-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik. Wer wirtschaftlich so unterschiedlichen Ländern wie Griechenland und Deutschland, Portugal und Frankreich eine gemeinsame Währung gibt, darf zwischen ihnen keine politischen Barrieren errichten.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Euro kippen? Das steht überhaupt nicht zur Debatte

kallewestrich: Die Hilfe ist bereits seit Tagen zugesagt, die EU und Berlin haben ihren Lösungsweg, nur wir Leser wissen noch nicht, welchen sie gehen wollen... Der Euro ist nicht das Problem, aber die Verdoppler des Preises in den Anfängen, die Teurofabrikanten und -lieferanten.... Griechenland muss in die Warteschleife entlassen werden ....

BRD - Bankenservice Republik Deutschland

Überall werden die Staatshaushalte geplündert, um letztlich die Schulden der Banken zu bedienen indem man Schulden meist bei denselben aufnimmt.
Alles natürlich "systemrelevant", und ob Betrügerei im Hintergrund ihr Unwesen trieb, interessiert die Regierung wenn´s denn zum Schwur kommt nicht.

Diese Ausplünderung der den Wohlstand schaffenden Bevölkerung ist allerdings bald systemrelevant. Lieber mit GR jetzt ein Ende mit Schrecken als ein Euro-Schrecken ohne Ende.

Die Beliebigkeit von Regeln

Als hätte es keiner gewusst, dass Griechenland ein Wackelkandidat ist.

Ich kann mich an die Diskusion genau erinnern...und dachte damals oh! da werden die Regeln aber weich ausgelegt. Damals war ich naiv genug zu glauben, das Regeln befolgt werden und Regelverstöße geahndet werden. Tatsächlich werden Regeln aber nur zur Beruhigung gemacht (Opium für das Volk) sie sind seit jeher der Beliebigkeit unterworfen.

Man sieht allenthalben ein Achselzucken der Schuldigen, aber die gibt es ja bei politisch verantwortlichen nicht.

Ich stehe auf dem Standpunkt, dass Griechenland an der Eurokrise in spé nicht schuldig ist. Denn es hat sich ja nur "kreativ" in den Euro-Club zu geblufft. Schuldig sind die die es hätten wissen können.

Göttlich: Es werde Geld!

P.S. Möglicherweise kommt eine starke Euro-Abwertung den exportorientierten Länder ja doch ganz gelegen.