Vorabdruck Hoflieferant des Geliebten Führers
Von Wien aus versorgte der Agent Kim Jong Ryul das nordkoreanische Regime mit Waffen und Embargogütern. Nach seiner Flucht tauchte er in Österreich unter. Nun berichtet er von seinen Geschäften.
Es ist ein Frühlingstag des Jahres 1974, die Welt ist in zwei feindliche Blöcke geteilt, und in der Pufferzone zwischen diesen ideologischen Konfrontationslinien genießen Diplomaten und noch viel mehr Agenten, die sich, als Diplomaten getarnt, in der Hauptstadt des neutralen Österreichs tummeln, relativ große Handlungsfreiheit. Wenig Wunder also, dass die Wahl Nordkoreas für die Abwicklung sensibler Geschäfte mit dem westlichen Ausland meist auf den Standort Wien fällt. Ein weiterer Grund, warum Österreich für Nordkoreas Geschäftsinteressen interessant ist: das Bankgeheimnis. Alles in allem gibt es von den österreichischen Behörden in diesen Jahren des Kalten Krieges wenig zu fürchten. Von Pjöngjang aus hat man genau beobachtet: Solange keine besonders groben Gesetzesverstöße publik werden, sieht die Polizei in Österreich schon mal großzügig über die seltsamen Gebaren diverser ausländischer »Diplomaten« hinweg.
Dreh- und Angelpunkt der Einkäufe, die von Österreich aus für das nordkoreanische Regime getätigt werden, ist die Botschaft im 14. Wiener Gemeindebezirk. Hier, in der denkmalgeschützten Villa einer ehemaligen ungarischen Prinzessin, in der abgeschiedenen Ruhe der Beckmanngasse, verbringt Kim Jong Ryul zusammen mit seinem Delegationsleiter Hwang Do Hyong seine ersten Tage in Wien.
Für Hwang ist alles Routine: Von der Korea Machinery General Company, einer Tarnfirma, hinter der das Handelsministerium in Pjöngjang steht, erhielt er eine Liste an Waren, die von Wien aus zu besorgen sind. Wie schon bei allen vorangegangenen Einkaufstouren sucht er die bekannten österreichischen Zwischenhändler mit dem Auftrag auf, die teilweise »heißen Waren« zu besorgen. Mit den kleinen Handelsunternehmen, oft nur Ein- bis Zwei-Mann-Betriebe, die dank der Nordkorea-Geschäfte gutes Geld machen, gibt es so kaum Probleme. Wissend, dass diese hauptsächlich Waren besorgen, die sie aufgrund geltender Embargovorschriften nicht ins kommunistische Nordkorea liefern dürften, lassen sie sich ihren Gesetzesbruch fürstlich entlohnen. Bis zu 30 Prozent Mehrkosten werden auf Embargowaren draufgeschlagen. An interessierten Geschäftspartnern mangelt es den Nordkoreanern nicht: die Firma G. in der Wiener Triesterstraße, T. in der Kärntnerstraße, C. in der Laudongasse, S. in Korneuburg.
Pjöngjang bestellt wahllos – sogar einen Rucksack mit Raketenantrieb
Nur selten ist ein Auftrag der Herren aus Pjöngjang so verboten oder abstrus, dass er abgelehnt wird, wie etwa im Fall einer Bestellung, die in den Ohren des österreichischen Geschäftsmannes P. stark nach James Bond klang: Gewünscht wurde ein Rucksack mit Raketenantrieb, um im Bedarfsfall auch über hohe Mauern springen zu können. P. lehnt den Auftrag ab. Andere Order wie Messgeräte, die durch Mauern hindurch die Herzfrequenz eines Menschen feststellen, ihn also in Verstecken aufspüren können, werden von österreichischen Zwischenhändlern hingegen ohne viel Zaudern erfüllt.
Bis die Liste der von Pjöngjang bestellten Güter abgehakt ist und die oft im Ausland organisierten Waren nach Österreich geliefert sind, können Monate vergehen. Auch diesmal sind Waren zu besorgen, die nicht legal aus dem neutralen Österreich nach Nordkorea exportiert werden dürfen: Metalldetektoren, Codier-Telefonanlagen und Schalldämpferpistolen aus der Tschechoslowakei, spezielle Waffen aus der Schweiz, Jagdgewehre, Fingerabdruck-Identifikationsgeräte sowie andere Produkte, die im weitesten Sinne zur Unterdrückung der Bevölkerung Nordkoreas verwendet werden können.
Weil der österreichische Staat für den Handel mit dem kommunistischen Regime in Pjöngjang keine Bankgarantien gibt, müssen die nordkoreanischen Einkäufer alle Geschäfte bar begleichen. Kim Jong Ryul wird deshalb unverzüglich nach Pjöngjang zurückgeschickt, um zumindest eine Anzahlung – 400.000 Dollar – zu holen. Auf dem Flug nach Hause soll er gleich im Handgepäck ein Mitbringsel für ein hochrangiges Parteikader-Mitglied mitnehmen: eine Pistole. Ohne Probleme und ohne kontrolliert zu werden, reist er aus.
Mit dem lebenslustigen und weiblichen Reizen nicht abgeneigten Hwang wird Jong Ryul in den folgenden Jahren noch einige Male in den Westen reisen, bis die gemeinsamen Delegationen ein jähes Ende finden. Wegen seiner Affären – im offiziellen Nordkorea ein absolutes Tabu – sowie wegen des Verdachts auf Geldwäsche wird Hwang Ende 1977 in Pjöngjang verhaftet und mitsamt Frau, Kindern und Enkelkindern zur Strafe in einen landwirtschaftlichen Gulag gesteckt. Die Dauer seiner Strafe wird auf lebenslang festgesetzt.
Seinen Auftrag in der österreichischen Bundeshauptstadt, für den Kim Jong Ryul wegen seiner hervorragenden Deutschkenntnisse, seiner Parteimitgliedschaft und seines technischen Wissens ausgewählt worden war, hat der mittlerweile 40-jährige Ingenieur zur Zufriedenheit der Partei erledigt. Die nächste Aufgabe lässt deshalb nicht lange auf sich warten. Das Ziel heißt diesmal Stuttgart. Im Mercedes-Benz-Werk im nahe gelegenen Sindelfingen werden die vier nordkoreanischen Automechaniker Hong, Choi, Jon und Bang und ihr Delegationsleiter Kim Jong Ryul im Sommer 1975 einen Monat lang in Service- und Reparaturarbeiten für die wachsende Mercedes-Flotte von Präsident Kim Il Sung geschult. Auf eine Anfrage der Buchautoren antwortet die Pressestelle der Daimler AG, »dass wir eine Schulung von nordkoreanischen Mechanikern in Deutschland durch die damalige Daimler-Benz AG nicht belegen können«. Eindeutig belegbar aber sind die Nächtigungen der fünf nordkoreanischen Männer vom 28.Juli bis zum 29. August 1975 im kleinen Familienhotel Beisswanger in Untertürkheim.
- Datum 17.02.2010 - 16:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
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