Schulfach Sozialer Unterricht Eine Stunde Miteinander

Zuhören und Konflikte lösen: Im "Sozialen Unterricht" üben Fünftklässler, Verantwortung zu übernehmen.

Die zweite Stunde fängt an. Geklingelt hat es noch nicht – und klingeln wird es auch nicht mehr. Denn die Schulglocke wurde am Lübecker Carl-Jacob-Burckhardt-Gymnasium abgeschafft. Was nicht heißt, dass es hier keine Regeln gäbe. Es ist 8.55 Uhr, Christine Staschewski begrüßt ihre Klasse. Die Schüler stehen hinter ihren Zweiertischen und antworten mit einem »Guten Morgen, Frau Staschewski«. 28 Jungen und Mädchen gehen in die 5b. Ihre Namen sind auf den bunt bemalten Papptellern zu lesen, die die Wände des Klassenzimmers schmücken. Neben Julia, Melissa und Ole gibt es Cem, Ahmet und Phil.

Die Schule ist ein Sechziger-Jahre-Bau, rot verklinkert. In der näheren Umgebung gibt es ebenso rot verklinkerte Mietshäuser und zwei Penny-Supermärkte. Als »einfacheres Einzugsgebiet« beschreibt Christine Staschewski die Gegend. Ein Wort wie Problemviertel würde sie nicht in den Mund nehmen. »Das klingt gleich so nach Gewaltproblem, und das haben wir hier an der Schule nicht«, sagt sie. Es sei eben ein bisschen anders als an den Gymnasien in der Lübecker Altstadt. Da riefen die Eltern schon mal an, um sich über die Themenauswahl im Deutschunterricht zu beschweren. Das kommt an Staschewskis Schule eher selten vor. »Die Eltern wissen hier nicht genau, was in jeder Stunde gelaufen ist«, sagt sie.

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Wie jeden Freitag in der zweiten Stunde hat die 5b »Sozialen Unterricht«. Das Fach ist an dieser Schule Pflicht, die fünften und sechsten Klassen haben eine Stunde pro Woche. Hier sollen die Kinder lernen, Regeln aufzustellen und einzuhalten und Rücksicht aufeinander zu nehmen. Sie sollen mehr über sich selbst erfahren. Heute werden sie über »das Selbstvertrauen der 5b« sprechen. Christine Staschewski hat einen Hocker an die Tafel gemalt. Ob jemand noch mal zusammenfassen könne, worum es geht? Ein Junge meldet sich. »Das ist der dreibeinige Hocker des Selbstvertrauens.« Das Vokabular sitzt. Unter die Beine schreibt Christine Staschewski die Worte »Fähigkeiten haben«, »Anerkennung bekommen« und »Verantwortung übernehmen«.

Und was bedeutet das? In der 5b herrscht leichte Verwirrung. Zeit, die abstrakten Begriffe mit Leben zu füllen. Staschewski gibt jedem ein Arbeitsblatt. Die Kinder sollen ausfüllen, was sie gut können, was andere an ihnen schätzen und wo sie ihre Fähigkeiten einsetzen.

Die Idee mit dem Hocker und auch das Arbeitsblatt stammen aus einem dicken Ordner. »Erwachsen werden« steht darauf, Cartoonfiguren zieren den Pappdeckel. Es sind Materialien von Lions-Quest, einem amerikanischen Programm, das vom Lions Club finanziert wird. Die Übungen sollen das Sozialverhalten der Kinder verbessern und deren Selbstvertrauen stärken oder, wie es die Unterlagen formulieren, eine »realistische Selbsteinschätzung und die Fähigkeit zu reflektiertem Handeln« vermitteln. Die Arbeitsblätter und Ideen für Collagen und Rollenspiele sind interessant und praxisnah gemacht, findet Christine Staschewski. Ob denn Eltern Bedenken dagegen hätten, dass sich der Lions Club indirekt in die Erziehung der Kinder einmischt? Protest dagegen habe es bisher nicht gegeben, sagt sie. Die Reaktionen auf den Sozialen Unterricht seien eher wohlwollend, generell mischten sich aber wenige Eltern ein.

Staschewski geht von Tisch zu Tisch und gibt Tipps zum Ausfüllen des Arbeitsblattes. »Und an die Jungs: Bitte schreibt nicht alle nur Fußball auf. Vielleicht könnt ihr noch etwas, was die anderen noch nicht von euch wissen.« Ein Mädchen im violetten Kapuzenpullover schielt auf das Blatt ihrer Sitznachbarin, sie weiß nicht, was sie schreiben soll. Ein Junge, der wenig später notieren wird, dass andere sein Allgemeinwissen schätzen, ermahnt sie: »Mann, es geht um dein eigenes Selbstvertrauen.« Und von weiter hinten schlägt eine Freundin vor: »Hast du aufgeschrieben, dass du gut Witze erzählen kannst?« Vielleicht meint Staschewski Dialoge wie diese, wenn sie sagt, die Kinder lernten, Dinge untereinander selbst zu regeln und nicht immer sofort zum Lehrer zu laufen.

Das mit den Witzen und dem Allgemeinwissen kommt auf Karteikarten, die die Kinder an die Wand pinnen. Eine türkischstämmige Schülerin findet, sie bekomme Anerkennung dafür, dass ihre Eltern aus einem anderen Land kommen. Ein Junge meint, er könne gut trösten. »Ist das nicht toll, dass sie so was aufschreiben?«, fragt Christine Staschewski.

Leser-Kommentare
    • Puzi
    • 24.02.2010 um 10:12 Uhr

    Würde mich freuen wenn jedwege Schule solch ein Programm übernimmt. Mein Vorschlag: Vergesst getrennte Klassen für Religion und stattdessen halb halb Sozialunterricht und später Ethik.

  1. Wieder mal so ein lächerliches Frauenfach.
    Das Problem an den Schulen ist der Umstand, dass inzwischen 70 Prozent Frauen die Lehrerzimmer bevölkern.

    Einigen Frauen gelingt ihr Unterricht sehr gut, dazu gehört auch, dass man die KLasse im Griff hat.
    Da allerdings viele Lehrerinnen völlig überfordert sind eine Klassen zu leiten, übernehmen die Schüler die Herrschaft im Klassenzimmer und das führt dann zu katastrophalem Benehmen-bis hin zu Amokläufen...

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    diese Fähigkeiten, die vielen Männern und Jungs abhanden kommt. Vielleicht kann man sowas nach Geschlechtern getrennt machen, damit man direkt auf die Bedürfnisse der Jungs und Mädchen eingehen kann. Grundsätzlich fehlt es aber ganz vielen an Selbstreflexion, weil sie das nie gelernt haben, ihre eigenen Handlungen zu hinterfragen. Ihre Kritik a la "lächerliches Frauenfach" ist unqualifiziert und sinnlos.
    Vielleicht führt auch das "immer stark sein"-Mantra für Männer zu den Amokläufen? Mindestens eine genauso vom Himmel gefallene These wie die ihrige..

    diese Fähigkeiten, die vielen Männern und Jungs abhanden kommt. Vielleicht kann man sowas nach Geschlechtern getrennt machen, damit man direkt auf die Bedürfnisse der Jungs und Mädchen eingehen kann. Grundsätzlich fehlt es aber ganz vielen an Selbstreflexion, weil sie das nie gelernt haben, ihre eigenen Handlungen zu hinterfragen. Ihre Kritik a la "lächerliches Frauenfach" ist unqualifiziert und sinnlos.
    Vielleicht führt auch das "immer stark sein"-Mantra für Männer zu den Amokläufen? Mindestens eine genauso vom Himmel gefallene These wie die ihrige..

  2. Hauptsache ihr könnt in der 5.Klasse schön ruhig sitzen und alles geordnet mind-mappen, ausdiskutieren und good vibrations haben.
    Und kommt mir jetzt nur nicht mit Fußball und so Schmuddelkram. Und haltet Lions-Quest bloß nicht für ein adventure, es geht um die Schlagworte.
    Liebe Kinder, eigentlich tut ihr mir leid, ihr seid leider ca. 50 Jahre zu spät geboren, um noch den richtigen wilden Spass zu haben. Außer die paar auf dem Land vielleicht, da geht noch was.

  3. Hier noch der passende Artikel, was passiert, wenn Jungen jetzt zum Unterrichtsfach "Zuhören und Reden" müssen:

    http://www.zeit.de/gesell...

    Welche Eltern tun so etwas ihren Söhnen an...

  4. diese Fähigkeiten, die vielen Männern und Jungs abhanden kommt. Vielleicht kann man sowas nach Geschlechtern getrennt machen, damit man direkt auf die Bedürfnisse der Jungs und Mädchen eingehen kann. Grundsätzlich fehlt es aber ganz vielen an Selbstreflexion, weil sie das nie gelernt haben, ihre eigenen Handlungen zu hinterfragen. Ihre Kritik a la "lächerliches Frauenfach" ist unqualifiziert und sinnlos.
    Vielleicht führt auch das "immer stark sein"-Mantra für Männer zu den Amokläufen? Mindestens eine genauso vom Himmel gefallene These wie die ihrige..

    Antwort auf "Das ist lächerlich."
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    ist kein Männer-Mantra, stark sein werden wohl auch die Frauen müssen, wenn sie tatsächlich ihre 50% Anteil an diesem und jenem (allem?) haben wollen. Und das nicht nur gegenüber den Männern, sondern auch gegenüber den weiblichen Wettbewerberinnen.
    Irgendwann ist halt Schluss mit dem geschützten von Pädagoginnen betreuten Bereich und es geht und Ergebnisse, Leistung, Wettbewerb und auch ganz schnöde um die Kohle.
    Mal schauen, wie das dann so läuft mit den Frauen.
    Nur eins ist klar, fürs "gut trösten können" gibts den Job ganz vorn auch unter Frauen nicht.

    ist kein Männer-Mantra, stark sein werden wohl auch die Frauen müssen, wenn sie tatsächlich ihre 50% Anteil an diesem und jenem (allem?) haben wollen. Und das nicht nur gegenüber den Männern, sondern auch gegenüber den weiblichen Wettbewerberinnen.
    Irgendwann ist halt Schluss mit dem geschützten von Pädagoginnen betreuten Bereich und es geht und Ergebnisse, Leistung, Wettbewerb und auch ganz schnöde um die Kohle.
    Mal schauen, wie das dann so läuft mit den Frauen.
    Nur eins ist klar, fürs "gut trösten können" gibts den Job ganz vorn auch unter Frauen nicht.

  5. ist kein Männer-Mantra, stark sein werden wohl auch die Frauen müssen, wenn sie tatsächlich ihre 50% Anteil an diesem und jenem (allem?) haben wollen. Und das nicht nur gegenüber den Männern, sondern auch gegenüber den weiblichen Wettbewerberinnen.
    Irgendwann ist halt Schluss mit dem geschützten von Pädagoginnen betreuten Bereich und es geht und Ergebnisse, Leistung, Wettbewerb und auch ganz schnöde um die Kohle.
    Mal schauen, wie das dann so läuft mit den Frauen.
    Nur eins ist klar, fürs "gut trösten können" gibts den Job ganz vorn auch unter Frauen nicht.

    Antwort auf "Es sind genau"
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    "Irgendwann ist halt Schluss mit dem geschützten von Pädagoginnen betreuten Bereich und es geht und Ergebnisse, Leistung, Wettbewerb und auch ganz schnöde um die Kohle."
    Das fängt in der Schule doch schon an. Es geht um Ergebnisse, Leistung und Wettbewerb. Der Viertklässler muss in Bayern bitteschön die 1,x - Note haben, um aufs Gymnasium zu gehen. Wenn das mal Kuschelpädagogik ist..
    Grund genug um mal einen Kontrapunkt wie dieses Fach zu setzen, in dem die Schülerinnen und Schüler die möglicht haben, sich auf sich und das Klassenklima, ihr miteinander zu besinnen.. In den anderen Fächern gehts genug um schnell und viel Lernen um möglichst bald den nächsten Test zu schreiben..

    "Irgendwann ist halt Schluss mit dem geschützten von Pädagoginnen betreuten Bereich und es geht und Ergebnisse, Leistung, Wettbewerb und auch ganz schnöde um die Kohle."
    Das fängt in der Schule doch schon an. Es geht um Ergebnisse, Leistung und Wettbewerb. Der Viertklässler muss in Bayern bitteschön die 1,x - Note haben, um aufs Gymnasium zu gehen. Wenn das mal Kuschelpädagogik ist..
    Grund genug um mal einen Kontrapunkt wie dieses Fach zu setzen, in dem die Schülerinnen und Schüler die möglicht haben, sich auf sich und das Klassenklima, ihr miteinander zu besinnen.. In den anderen Fächern gehts genug um schnell und viel Lernen um möglichst bald den nächsten Test zu schreiben..

  6. 7. Naja..

    "Irgendwann ist halt Schluss mit dem geschützten von Pädagoginnen betreuten Bereich und es geht und Ergebnisse, Leistung, Wettbewerb und auch ganz schnöde um die Kohle."
    Das fängt in der Schule doch schon an. Es geht um Ergebnisse, Leistung und Wettbewerb. Der Viertklässler muss in Bayern bitteschön die 1,x - Note haben, um aufs Gymnasium zu gehen. Wenn das mal Kuschelpädagogik ist..
    Grund genug um mal einen Kontrapunkt wie dieses Fach zu setzen, in dem die Schülerinnen und Schüler die möglicht haben, sich auf sich und das Klassenklima, ihr miteinander zu besinnen.. In den anderen Fächern gehts genug um schnell und viel Lernen um möglichst bald den nächsten Test zu schreiben..

    Antwort auf "Stark sein müssen"
  7. "Es sind genau diese Fähigkeiten, die vielen Männern und Jungs abhanden kommt."

    Ich verrate Ihnen was: diese Fähigkeit ist nicht abhanden gekommen, es hat sie nie gegeben.
    Genauso wenig wie Abstraktionsvermögen und die Fähigkeit zu höherer Mathematik bei Frauen.

    Entlarvend ist dieser Satz deshalb, weil er zeigt, warum das Fach eingeführt wurde und warum die 90% Frauen an deutschen Grundschulen ein Schaden für die Kinder sind:

    Die ganzen Grundschullehrerinnen kommen mit den Jungen nicht zurecht, verstehen sie nicht und wollen sie deshalb zu Mädchen erziehen: zu guten "Zuhörern und Darüberrednern"

    Es ist ja nobel von Ihnen, dass Sie den Jungs immerhin zugestehen wollen, den Kurs "Zuhören und Reden" geschlechtergetrennt absolvieren zu dürfen.
    Mal ein richtiger Jungskurs in Raufen und dem Zimmern von Fussballtoren wäre besser, aber bei diesen Lehrerinnen natürlich undenkbar...

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