Hooligans Zwei Minuten Endspiel
Weil Hooligans von der Polizei scharf beobachtet werden, weichen sie aus: Sie treffen sich fern der Stadien zum Kampf unter Gleichgesinnten. Blick in eine Schattenwelt.
Bahnhofbuffet Altstetten. Das Telefon meines Gegenübers klingelt ununterbrochen. Der Gegner ist dran: »20 gegen 20. In zwei Wochen. Es steht. Wir sind bereit.« Er legt auf und ruft umgehend den Kontaktmann einer verbündeten Gruppe an: »Das Ding steht. 20 gegen 20. Organisier sieben bis acht Leute. Ich will, dass wir 25 sind. Und dann zählen wir ab. Die Sache muss unbedingt fair laufen. Ihr habt doch da bei euch dieses schöne, ruhige Wäldchen. Geht das klar?«
Mein Gegenüber ist ein Zürcher Hooligan. Die Rede war von einem »Feld-Wald-Wiese«, einer verabredeten Schlägerei zwischen zwei Hooligangruppen fernab von Öffentlichkeit, Kameras, Unbeteiligten. Später zeigt er auf dem Laptop eine Filmaufnahme: 20 junge Männer marschieren in Dreier- und Viererreihen auf einem schmalen Weg. Links und rechts Bäume. Sie tragen weiße T-Shirts, Turnschuhe. Sportlerkleidung. Ihre Hände sind in Bandagen gewickelt. Nach einigen Metern rennen sie los. Kamera schwenkt. Weggabelung: Rote Gruppe. Weiß: Zürcher Hooligans. Rot: ein Gegner aus Deutschland. Weiß rennt. Rot steht wie eine Wand. Der Aufprall. Männer schlagen und treten aufeinander ein. Und halten dabei trotz aller Brutalität einen Kodex ein: Wer am Boden liegt, wird in Ruhe gelassen. Nach einer Minute, eine gefühlte Ewigkeit, ist die Schlägerei vorbei. Im Autokonvoi schnell weg vom Schauplatz. Das Blut auf der nächsten Autobahnraststätte abwaschen. Fünf Stunden Rückfahrt.
»Die vorn schlagen zu, die hinten drücken nach vorn. Wie beim Rugby«
Es sind Szenen eines Hooliganlebens in der Schweiz. In Deutschland. Polen. Russland. Österreich. Den Gefährlichsten unter den gewaltbereiten Fans, den Hooligans, wird zumindest in der Schweiz und in Deutschland rund um die Stadien das Leben erheblich erschwert. Tauchen sie auf, werden sie von Szenekennern sofort angesprochen, Wegweisung und Verhaftung drohen. Als ich an einem Spieltag 15 Zürcher Hooligans begleite, dauert es nur Minuten, bis sie von der Polizei umstellt sind. Einer sagt: »So macht das keinen Spaß mehr. In den Achtzigern und auch noch in den Neunzigern war es kein Problem.« Also tauchen sie ab. In eine andere Welt. Feld-Wald-Wiese. Schlägereien unter Gleichgesinnten. Abseits von Spieltagen, Öffentlichkeit, Unbeteiligten. Sie geben Auskunft über das »Handwerk«, aber stellen eine Bedingung: keine Namen anderer Gruppen. Zürcher Hooligans, die für solche Schlägereien nach Deutschland reisen, beschreiben diese so:
»Du stellst dich in kleinen Reihen auf. Etwa vier Mann pro Reihe und fünf hintereinander. So läufst du auf den Gegner zu. Beim Kontakt schlagen die Vorderen zu, die Hinteren drücken nach vorne. Ähnlich wie beim Rugby.«
»Kein Alkohol im Vorfeld, viel Training. Du stellst dir den Gegner so schlimm vor wie möglich. Wenn du im Kopf nicht parat bist, hast du verloren. Am Vorabend packst du deine Tasche: Mundschutz, Bandagen, Getränk. Früh ins Bett, früh raus. Meistens geht es nach Deutschland.«
»10 gegen 10, 20 gegen 20. Das ist unterschiedlich. Ein Kampf dauert zwischen 15 Sekunden und ein bis zwei Minuten. Aber davon weiß ich jeweils nichts mehr. Das Adrenalin befreit mich von allen Gedanken.«
»Die Deutschen sind extrem vorsichtig. Die haben dauernd Ärger mit den Bullen. Dabei sagen uns die Bullen hier ständig: Macht den Seich doch im Wald. Da könnt ihr euch die Köpfe einschlagen, so fest ihr wollt, und keinen stört es.«
- Datum 19.02.2010 - 18:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
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