Die Meute rückt an, als die Abenddämmerung einsetzt, sie drängt in den Berliner Blumenladen »Floristik Männertreu« und will nur eins: kaufen. Knapp 200 Menschen fallen wie ein Heuschreckenschwarm ein. Innerhalb weniger Minuten steht das erste Dutzend von ihnen vor der Kasse. Es wird geschoben und gedrückt, ein junger Mann hält schützend eine Hand über seine Rose.

Das gemeinsame Ziel wurde der Horde vorher zugeschickt, per SMS und Twitter, über Blogs und Facebook: Beschert dem Geschäft einen Umsatz, wie es ihn noch nie zuvor gesehen hat, hieß die Mission.

Auf den ersten Blick sieht das Treiben aus wie ein sogenannter Flashmob, bei dem sich blitzartig eine Menschenmenge zusammenrottet, um irgendetwas Sinnloses zu tun – zum Beispiel, um in die Hände zu klatschen, Pudelmützen überzuziehen oder Vogelstimmen zu imitieren. Einfach so, aus Spaß, um andere zu irritieren.

Der Schwarm in Prenzlauer Berg nennt sich Carrotmob und hat ein anderes Ziel: Er will an einem konkreten Ort den Klimaschutz verbessern. Dafür vereint er an diesem wintergrauen Spätnachmittag die Kaufkraft zweier Hundertschaften, und sofort gewinnt seine Forderung gegenüber dem Blumenladen mehr Gewicht. Denn sie kommt im Chor, nicht mit dünnem Solostimmchen. Wir kaufen massenhaft bei dir ein, so die Botschaft, wenn du mit den zusätzlichen Einnahmen deinen Laden klimafreundlich umbaust.

Am Anfang stand eine Art Auktion zwischen 14 Blumenläden in Prenzlauer Berg. Das Geschäft, das bereit war, den höchsten Anteil seines Tagesumsatzes in mehr Energieeffizienz zu investieren, bekomme Besuch vom Carrotmob, lautet das Versprechen. Floristik Männertreu gab das höchste Gebot von allen ab: 56 Prozent des Gewinns will der Laden in mehr Klimaschutz stecken. Und so steht an diesem Tag die Meute vor der Tür.

Tobias Döppe, Pferdeschwanz, offenes, weiches Gesicht, Schlaghose, ist Initiator des Carrotmobs in Berlin. Er schiebt sich durch die Menschenmenge im Blumenladen und verteilt Flugblätter mit Karotten-Logo, unter seinem Arm klemmt eine überdimensionale Pappmöhre. »Unternehmen tun alles für ein dickes Geschäft«, sagt er zu jedem, der es hören will. »Deshalb locken wir sie genau damit.« Döppe und seine Mitstreiter wollen sich das Gewinnstreben von Unternehmern für ihre Ziele zunutze machen: Mehr Bereitschaft zu Klimaschutz heißt mehr Scheine in der Ladenkasse, so ihre Gleichung. Auch einen störrischen Esel bringe man leichter zum Laufen, wenn man ihm eine Karotte vors Maul halte, statt ihn mit der Peitsche zu schlagen, sagt Döppe. Daher nennt sich sein Trupp auch Karotten-Meute (englisch: carrotmob).

Birte und Simon aus Berlin-Schöneberg haben über Facebook von der Aktion gehört, wie die meisten hier. Wohl deshalb sind fast alle um die 20 Jahre alt, auch das Studentenpärchen. Die Idee, als Mob gegen den Klimawandel vorzugehen, finden sie super. »Die Erderwärmung ist das zentrale Thema unserer Generation«, sagt Simon, aber die Regierungen seien apathisch, statt zu handeln: »Kopenhagen ist gescheitert, deswegen müssen wir jetzt ran und als Konsumenten neue Anreize setzen.«