Helene Hegemann: Literatur an den Grenzen des Copyrights
Helene Hegemann schrieb nicht ab, sondern verfasste einen Montagetext – und sie hat berühmte Vorgänger wie Bertolt Brecht, Thomas Mann, Georg Büchner und Elfriede Jelinek
© Jens Schlüter/AFP

Helene Hegemann in Berlin
Sie soll abgeschrieben haben. Helene Hegemann hat Texte von Bloggern umgeschrieben oder sogar im Wortlaut in ihren Text eingeflochten; sie hat einen englischen Liedtext übersetzt und diese Zeilen in ihren Roman integriert – und dies alles, ohne Zitatnachweise zu liefern. Doch während sich die Öffentlichkeit darin übt, mit dem Finger zu zeigen – sei es auf die Ursprünge der Texte, sei es auf den angeschlagenen Ruf der Debütantin –, entgeht ihr die eigentliche Gretchenfrage: Wie frei darf ein Künstler mit dem Copyright umgehen, wo endet der künstlerische Mehrwert einer Textmontage, und wo beginnt das Plagiat?
In der Wissenschaft ist ein Plagiat ein schweres Vergehen: Ein ertapptes Abschreiben kostet einen Wissenschaftler den Ruf und nicht selten die Karriere. Nun gehört die Literatur jedoch zu den Künsten, und die Künste unterliegen anderen Regeln als die Wissenschaft. Die künstlerische Freiheit gestattet es nicht nur, vorliegendes Material zu bearbeiten, diese Arbeitsweise mit vorliegenden Texten wurde in der Literatur des 20. Jahrhunderts sogar zu einer eigenen Ästhetik, der Montageästhetik, ausgebaut. Ein Zitieren ohne jeglichen Zitatnachweis gilt im Rahmen der künstlerischen Freiheit nicht nur als ein Kavaliersdelikt, so wie Brecht spitzbübisch seine »grundsätzliche Laxheit in Fragen geistigen Eigentums« bekennt, sondern kann schnell zur Grundlage eines allgemein anerkannten Schaffens werden.
Schon Goethes West-östlicher Divan besteht aus einem Geflecht an Zitaten, von denen die wenigsten von Goethe selbst ausgeschildert wurden. Nun kann man dem Dichterfürsten zugutehalten, dass seinerzeit noch nicht die heutige Copyright-Gesetzeslage galt, jedoch sieht es bei den Großen der heutigen Literaturszene nicht unbedingt anders aus als zu Goethes Zeiten. Die Textlandschaften von Elfriede Jelinek beispielsweise bestehen zu großen Teilen aus einem Zitatgefüge, doch nur in den seltensten Ausnahmen hat sie in ihren Texten auch angegeben, dass sie Formulierungen von Hölderlin, Kafka oder auch Heidegger einband. Elfriede Jelineks literarische Bearbeitung von Fremdtexten ist Kunst, keine Frage, die Autorin erhielt dafür den Literaturnobelpreis.
Die Aufnahme von fremdgeschriebenen Prätexten ist keineswegs nur ein Behelf gegen Ideenlosigkeit, sondern ein poetisches Verfahren. Thomas Mann brachte die Kunst des verwischten Zitats zur hohen Meisterschaft; sein Doktor Faustus ist ein Palimpsest aus Prätexten, die er elegant seinem eigenen Schaffen einschrieb. Zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung dieses Romans enthüllte Thomas Mann in Die Entstehung des Doktor Faustus, seinem Roman eines Romans, in welchem Umfang er sich fremder Vorlagen bediente.
Eine solche »Intertextualität« ist eine literarische Kommunikation zwischen Texten, die den Prätext in Bezug zu dem neu geschaffenen Text stellt. Der Nachkriegslyriker Paul Celan, der selbst mit einem der großen Plagiatsvorwürfe des 20. Jahrhunderts zu kämpfen hatte, stiftete ganze poetische Diskurse mit verborgenen Zitaten in seinen Gedichten. Celan erhielt den Georg-Büchner-Preis, selbst seine berühmt gewordene Preisrede Der Meridian ist von Textschichten Büchners durchzogen.
Das Junggenie Georg Büchner bediente sich beim Pfarrer Oberlin
Und Büchner selbst? Der »Frühvollendete« übernahm einen Großteil seiner Novelle Lenz aus den Aufzeichnungen des Pfarrers Oberlin. In heutigen Büchner-Editionen werden Lenz und die Aufzeichnungen Oberlins häufig nebeneinander abgedruckt; dennoch zweifelt niemand die Authentizität von Büchners Schaffen an. Warum wird eine junge Literatin für etwas maßgeregelt, wofür andere gepriesen werden?





Hat die Autorin etwas Neues kreiert? Hat sie mit dem vorhandenen Material etwas gänzlich Neues geschaffen, einen neuen Blickwinkel, eine neues Niveau des Ausblickes?
Hat das benutze Material durch ihre Verformung dazugewonnen?
Es ist der Kommentar von Jürgen Graf, der bedenklich ist. Mit allerlei Worthülsen und elaboriertem Gedöns verteidigt ein großer Teil des Föjetong die Urhebererchtsverletzungen von Hegemann. Es geht hier nicht um Fehler, die man versehentlich gemacht hat. Der Ullstein Verlag hat nicht sauber gearbeitet und die Autorin hat auch im Nachhinein keinerlei Unrechtsbewußtsein erkennen lassen.
Es ist der Kommentar von Jürgen Graf, der bedenklich ist. Mit allerlei Worthülsen und elaboriertem Gedöns verteidigt ein großer Teil des Föjetong die Urhebererchtsverletzungen von Hegemann. Es geht hier nicht um Fehler, die man versehentlich gemacht hat. Der Ullstein Verlag hat nicht sauber gearbeitet und die Autorin hat auch im Nachhinein keinerlei Unrechtsbewußtsein erkennen lassen.
ist das Exemplarische an diesem Fall. Eine 17-jährige Mitteleuropäerin ist bereits mit "copy, shake & paste" aufgewachsen, umgeben von Gleichaltrigen, die tagtäglich nichts anderes in der Schule und auch privat machen.
Es dürfte keinen Menschen dieser Altersgruppe geben, der daran irgendetwas Problematisches erkennen kann. Warum auch - wo es doch jeder tut und sich niemand daran stößt.
Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Teenager Soziale Netzwerke im Web nutzen, gehen sie mit der "Verwertung" medialer Inhalte um: Man macht, was geht, persönliche Vorteile bringt und Spaß macht, vor allem in der Gruppe. Jedenfalls so lange, wie man dafür nicht empfindlich bestraft wird.
Insofern unterscheiden sich die Teenager heute durch nichts von jenen aus den Tagen Georg Büchners.
waere helene hegemann wirklich ein teil der copy and paste kultur, wuerde sie ihren (?) text nicht auf derart traditionelle urheberrechtslastige art und weise vermarkten lassen. ich waere neugierig zu erfahren, wie sie bzw. ihr verlag mit autoren, die passagen aus dem roadkill buch gleichermassen in ihre texte kopieren im falle einer veroeffentlichung umgehen wuerden. die begeisterung hielte sich vermutlich in ueberschaubaren grenzen.
fuer den verlag geht es letztlich nur um die vermarktung des buches, und da sind fragen von urheber- und verwertungsrechten von weitaus zentralerem interesse als die reichlich akademische ueberlegung, inwiefern man der abschreibererei der autorin eine generalabsolution via montagetechnik geben kann oder nicht. geschaeft ist geschaeft. und damit ist der vorgang von der kuenstlerischen metaebene auf den mit blanken talerchen gepflasterten boden der literarischen umsatzwirklichkeit geholt. oder anders gesagt: es ist durchaus in ordnung, wenn verlag und autorin mit dem text ob geklaut oder nicht gutes geld machen, sich aber mit derart faulen ausreden herausreden zu wollen ist eine peinlichkeit, fuer die beide sich ein paar gut gezielte faule tomaten verdient haben.
waere helene hegemann wirklich ein teil der copy and paste kultur, wuerde sie ihren (?) text nicht auf derart traditionelle urheberrechtslastige art und weise vermarkten lassen. ich waere neugierig zu erfahren, wie sie bzw. ihr verlag mit autoren, die passagen aus dem roadkill buch gleichermassen in ihre texte kopieren im falle einer veroeffentlichung umgehen wuerden. die begeisterung hielte sich vermutlich in ueberschaubaren grenzen.
fuer den verlag geht es letztlich nur um die vermarktung des buches, und da sind fragen von urheber- und verwertungsrechten von weitaus zentralerem interesse als die reichlich akademische ueberlegung, inwiefern man der abschreibererei der autorin eine generalabsolution via montagetechnik geben kann oder nicht. geschaeft ist geschaeft. und damit ist der vorgang von der kuenstlerischen metaebene auf den mit blanken talerchen gepflasterten boden der literarischen umsatzwirklichkeit geholt. oder anders gesagt: es ist durchaus in ordnung, wenn verlag und autorin mit dem text ob geklaut oder nicht gutes geld machen, sich aber mit derart faulen ausreden herausreden zu wollen ist eine peinlichkeit, fuer die beide sich ein paar gut gezielte faule tomaten verdient haben.
"Helene Hegemann schrieb nicht ab, sondern verfasste einen Montagetext – und sie hat berühmte Vorgänger wie Bertolt Brecht, Thomas Mann, Georg Büchner und Elfriede Jelinek"
Nur hat Sie nicht deren Talent. Für einen Verlag ist es mittlerweile lohnender, einen success de scandal zu lancieren und einmal 200,000 Bücher zu verkaufen, als einen Autoren aufzubauen, der 10 Bücher à 20,000 Bücher verkauft. Danach sucht man sich den nächsten Autor / Autorin, die man "verbrennen" kann.
haben sie den roman schon gelesen?
haben sie den roman schon gelesen?
Wer den stammelnden Auftritt der kleinen Textdiebin bei Herrn Schmidt erleben durfte, fragt sich schon, wieviel des Buches ihre eigene "Leistung" war.
Ansonsten: Mit geklauten Sex- und Drogenexzessen zu prahlen, ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten.
So eine Art weiblicher Jörg Fauser für Weicheier.
Eklig.
Wäre HH über ihren Vater nicht Teil der Nomenclatura der Verlagswirtschaft, so hätte sie jetzt eine Menge Ärger mit den Anwälten selbiger Verlage - garantiert.
Es wird interessant sein, ob die Verlage Verstöße gegen das Urheberrecht demnächst auch so locker unter "Montage" gewähren lassen.
Der eigentliche Skandal ist der des Feuilletons, das offenbar zu keinerlei selbstkritischer Haltung fähig oder willens ist. Man wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, Claqueure der Großverlage zu sein, und hat seine Glaubwürdigkeit für künftige Rezensionen weitestgehend verspielt.
Sehr gut getroffen. Gerade aus dieser Grund habe ich heute meine Abo gekündigt: erst letzte Woche kam Ijoma Mangolds Artikel "Unecht wahr": "So komisch es klingt: Die Literarizität von Helene Hegemann Roman nimmt durch diese Abschreibe-Kunst eher zu als ab".
Heute: "Warum das männliche Kulturestablishment auf HH einschlagt", der Vergleich mit Mann, Büchner und Brecht.
Und dann der unverschmämte Gebrauch des wortes 'Kokett' für die widerliche Beschreibung einer brutalen Vergewaltigung. Ich denke, es reicht
Sehr gut getroffen. Gerade aus dieser Grund habe ich heute meine Abo gekündigt: erst letzte Woche kam Ijoma Mangolds Artikel "Unecht wahr": "So komisch es klingt: Die Literarizität von Helene Hegemann Roman nimmt durch diese Abschreibe-Kunst eher zu als ab".
Heute: "Warum das männliche Kulturestablishment auf HH einschlagt", der Vergleich mit Mann, Büchner und Brecht.
Und dann der unverschmämte Gebrauch des wortes 'Kokett' für die widerliche Beschreibung einer brutalen Vergewaltigung. Ich denke, es reicht
...der Artikel kommt mir vor, wie wenn man die ganze Bundeswehr in Marsch setzt, um einen Siebzehnjährigen vor Dieter Bohlen zu schützen.
Sinngemäß: Mir bereit es keine Schwierigkeiten zuzusehen, wie einem sechsjährigen Mädchen gleichzeitig mit heißem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und einem Schwanz im Arsch...
Also das sagt eine junge Frau, wird von einer reifen emanzipierten Frau zitiert, wird als Buch verkauft und mit dem Attribut kokett umrissen????
Also Leute, hoffentlich wird die angezeigt, wegen Gewaltverherrlichung, Pornografie mit Minderjährigen usw.
Das also ist KOKETT???
[Anmerkung: Das Zitat wurde wieder eingesetzt. / Die Redaktion as]
man, das ist so der Hammer!!
Nebenan geht um realen Kindesmissbrauch, und ihr habt hier ein Zitat im Video, welches sich um einen SCHWAN... der in einer SECHSjähr... mit kokett bewertet wird.
Warum wird das überhaupt ins Netz gestellt?
Solche Texte im Buch der HH sind m. E. geeignet, strafrechtlich nach § 131 StGB bewertet zu werden. Peinlicher und ekliger geht es doch nicht mehr!
Zeitgleich zu den Plagiatsvorwürfen gegen HH wurden auch Pipier vorgeworfen, dass das im Dezember erschienene Buch "Döner for One" von einem Buch, das 1996 bei Goldmann erschienen ist, abgekupfert wurde. Piper hat sofort reagiert und das Buch zurückgezogen.
Wieso hat Ullstein nicht genauso reagiert? Schließlich gehören sowohl Piper als Ullstein zur Bonnier-Gruppe ...
http://schamaninkiat.over...
man, das ist so der Hammer!!
Nebenan geht um realen Kindesmissbrauch, und ihr habt hier ein Zitat im Video, welches sich um einen SCHWAN... der in einer SECHSjähr... mit kokett bewertet wird.
Warum wird das überhaupt ins Netz gestellt?
Solche Texte im Buch der HH sind m. E. geeignet, strafrechtlich nach § 131 StGB bewertet zu werden. Peinlicher und ekliger geht es doch nicht mehr!
Zeitgleich zu den Plagiatsvorwürfen gegen HH wurden auch Pipier vorgeworfen, dass das im Dezember erschienene Buch "Döner for One" von einem Buch, das 1996 bei Goldmann erschienen ist, abgekupfert wurde. Piper hat sofort reagiert und das Buch zurückgezogen.
Wieso hat Ullstein nicht genauso reagiert? Schließlich gehören sowohl Piper als Ullstein zur Bonnier-Gruppe ...
http://schamaninkiat.over...
fölljetong at it's best: krampfhaft versuchen, unter rückgriff aufs kanonisch erhabene jeden fehler, jeden blödsinn, jede kindliche dreistigkeit zu legitimieren, damit man ja nicht seine meinung ändern oder sich gegen den eingeschlagenen kurs der kulturindustrie stellen muss.
mein gott, bin ich froh, ingenieur geworden zu sein und nicht so'n abgerockerter germanist. ich würde in einem derart verknöcherten kulturbetrieb vermutlich vor fremdschämen sterben.
Das hätte ich mir auf meine alten Tage auch kaum mehr vorstellen können: Dass ich - huch: (Schul-)Germanist - einer Germanistenschelte eines Ingenieurs, mithin eines Vertreters einer meiner Lieblings-Unsympathen-Kaste,
derartig voll zustimmen kann ;-) !
Das Feuilleton legt immer häufiger eine verachtenswert
salbadernde Wertebeliebigkeit und ein geschmäcklerisches Geschwurbel gerade in Sachen der Literaturkritik an den Tag.
Das zeigt sich im zur Debatte stehenden Fall H. besonders drastisch (ZEIT, SPIEGEL, SZ).
So sehr ich den Mann verabscheue, so kommen mir doch Äußerungen von Herrn Papst Ratzinger in den Sinn, in denen er anklagend von "Relativismus" spricht.
MEIN GOTT, möchte man sagen, DAS TALENTIERTE GÖR HAT ABGEKUPFERT (vielleicht auch ehrlich zu dämlich, dies nicht zu realisieren) UND COLLAGIERT UND WURDE CLEVER PROMOTED (sorry)UND JETZT SOLL WEISS AUF EINMAL SCHWARZ UND SCHWARZ AUF EINMAL WEISS SEIN - ODER ALLES GRAU - ODER WIE ODER WAS ?
Das hätte ich mir auf meine alten Tage auch kaum mehr vorstellen können: Dass ich - huch: (Schul-)Germanist - einer Germanistenschelte eines Ingenieurs, mithin eines Vertreters einer meiner Lieblings-Unsympathen-Kaste,
derartig voll zustimmen kann ;-) !
Das Feuilleton legt immer häufiger eine verachtenswert
salbadernde Wertebeliebigkeit und ein geschmäcklerisches Geschwurbel gerade in Sachen der Literaturkritik an den Tag.
Das zeigt sich im zur Debatte stehenden Fall H. besonders drastisch (ZEIT, SPIEGEL, SZ).
So sehr ich den Mann verabscheue, so kommen mir doch Äußerungen von Herrn Papst Ratzinger in den Sinn, in denen er anklagend von "Relativismus" spricht.
MEIN GOTT, möchte man sagen, DAS TALENTIERTE GÖR HAT ABGEKUPFERT (vielleicht auch ehrlich zu dämlich, dies nicht zu realisieren) UND COLLAGIERT UND WURDE CLEVER PROMOTED (sorry)UND JETZT SOLL WEISS AUF EINMAL SCHWARZ UND SCHWARZ AUF EINMAL WEISS SEIN - ODER ALLES GRAU - ODER WIE ODER WAS ?
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