Sie soll abgeschrieben haben. Helene Hegemann hat Texte von Bloggern umgeschrieben oder sogar im Wortlaut in ihren Text eingeflochten; sie hat einen englischen Liedtext übersetzt und diese Zeilen in ihren Roman integriert – und dies alles, ohne Zitatnachweise zu liefern. Doch während sich die Öffentlichkeit darin übt, mit dem Finger zu zeigen – sei es auf die Ursprünge der Texte, sei es auf den angeschlagenen Ruf der Debütantin –, entgeht ihr die eigentliche Gretchenfrage: Wie frei darf ein Künstler mit dem Copyright umgehen, wo endet der künstlerische Mehrwert einer Textmontage, und wo beginnt das Plagiat?

In der Wissenschaft ist ein Plagiat ein schweres Vergehen: Ein ertapptes Abschreiben kostet einen Wissenschaftler den Ruf und nicht selten die Karriere. Nun gehört die Literatur jedoch zu den Künsten, und die Künste unterliegen anderen Regeln als die Wissenschaft. Die künstlerische Freiheit gestattet es nicht nur, vorliegendes Material zu bearbeiten, diese Arbeitsweise mit vorliegenden Texten wurde in der Literatur des 20. Jahrhunderts sogar zu einer eigenen Ästhetik, der Montageästhetik, ausgebaut. Ein Zitieren ohne jeglichen Zitatnachweis gilt im Rahmen der künstlerischen Freiheit nicht nur als ein Kavaliersdelikt, so wie Brecht spitzbübisch seine »grundsätzliche Laxheit in Fragen geistigen Eigentums« bekennt, sondern kann schnell zur Grundlage eines allgemein anerkannten Schaffens werden.

Schon Goethes West-östlicher Divan besteht aus einem Geflecht an Zitaten, von denen die wenigsten von Goethe selbst ausgeschildert wurden. Nun kann man dem Dichterfürsten zugutehalten, dass seinerzeit noch nicht die heutige Copyright-Gesetzeslage galt, jedoch sieht es bei den Großen der heutigen Literaturszene nicht unbedingt anders aus als zu Goethes Zeiten. Die Textlandschaften von Elfriede Jelinek beispielsweise bestehen zu großen Teilen aus einem Zitatgefüge, doch nur in den seltensten Ausnahmen hat sie in ihren Texten auch angegeben, dass sie Formulierungen von Hölderlin, Kafka oder auch Heidegger einband. Elfriede Jelineks literarische Bearbeitung von Fremdtexten ist Kunst, keine Frage, die Autorin erhielt dafür den Literaturnobelpreis.

Die Aufnahme von fremdgeschriebenen Prätexten ist keineswegs nur ein Behelf gegen Ideenlosigkeit, sondern ein poetisches Verfahren. Thomas Mann brachte die Kunst des verwischten Zitats zur hohen Meisterschaft; sein Doktor Faustus ist ein Palimpsest aus Prätexten, die er elegant seinem eigenen Schaffen einschrieb. Zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung dieses Romans enthüllte Thomas Mann in Die Entstehung des Doktor Faustus, seinem Roman eines Romans, in welchem Umfang er sich fremder Vorlagen bediente.

Eine solche »Intertextualität« ist eine literarische Kommunikation zwischen Texten, die den Prätext in Bezug zu dem neu geschaffenen Text stellt. Der Nachkriegslyriker Paul Celan, der selbst mit einem der großen Plagiatsvorwürfe des 20. Jahrhunderts zu kämpfen hatte, stiftete ganze poetische Diskurse mit verborgenen Zitaten in seinen Gedichten. Celan erhielt den Georg-Büchner-Preis, selbst seine berühmt gewordene Preisrede Der Meridian ist von Textschichten Büchners durchzogen.

Das Junggenie Georg Büchner bediente sich beim Pfarrer Oberlin

Und Büchner selbst? Der »Frühvollendete« übernahm einen Großteil seiner Novelle Lenz aus den Aufzeichnungen des Pfarrers Oberlin. In heutigen Büchner-Editionen werden Lenz und die Aufzeichnungen Oberlins häufig nebeneinander abgedruckt; dennoch zweifelt niemand die Authentizität von Büchners Schaffen an. Warum wird eine junge Literatin für etwas maßgeregelt, wofür andere gepriesen werden?