Helene Hegemann Literatur an den Grenzen des CopyrightsSeite 3/3

Wann ist es eine künstlerische Freiheit, sich über das Copyright hinwegzusetzen, und wann ist es ein Plagiat? Gilt Hegemanns Textmontage etwa deshalb als verwerflich, weil sie einen kaum bekannten Text verwendete, sodass nahezu keinem Leser das Zitat bewusst sein konnte? Doch auch Celan, Mann oder Jelinek platzierten Fremdtexte in ihren Roman derart versteckt, dass nur ein Spezialist sie erkennen würde – und wie viele Leser können schon von sich behaupten, Textfragmente aus etwa Heideggers Rektoratsrede oder aus sämtlichen Gedichten Hölderlins wiedererkennen zu können?

Oder hat Hegemann etwa deshalb »geklaut« und »abgeschrieben«, weil sie einen relativ zeitnah erschienenen Text verwendete? Auch hier kann man Hegemann keine Vorwürfe machen, ohne im gleichen Zug allgemein angesehene Autoren und Werke zu kritisieren. Aus literaturgeschichtlicher Sicht tat Helene Hegemann folglich nichts, was nicht auch bei anderen hochgelobten Montageautoren ein Standard des Schreibens ist. Doch was aus künstlerischer Sicht legitim sein mag, ist in der rechtlichen Sphäre nach wie vor ein Verstoß gegen das geistige Eigentum. Darf sich eine Kunst also über das Copyright hinwegsetzen, wenn sie dadurch einen ästhetischen Mehrwert schafft?

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In der Literaturpraxis bewegt sich die Montageästhetik in einer Grauzone zwischen Copyright und künstlerischer Freiheit. Helene Hegemann hatte das Pech, als Jungtalent dort aufzufallen, wo andere in der Grauzone verschwinden. Bevor man nun eine Jungautorin öffentlich an den Pranger stellt, sollte die Öffentlichkeit zuerst die Grundsatzfrage klären, ob sie zugunsten eines künstlerischen Mehrwerts über das strenge Copyright hinwegsieht oder ob das geistige Eigentum über jede Kunst erhaben ist – auch um den Preis, dass einige Texte von weltliterarischem Rang dann niemals hätten geschrieben werden dürfen.

Jürgen Graf ist Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz. Experimentelle Erzählstrukturen und Montageästhetik sind Schwerpunkte seines Forschens

 
Leser-Kommentare
    • ZeitS
    • 17.02.2010 um 17:38 Uhr
    1. ...

    Hat die Autorin etwas Neues kreiert? Hat sie mit dem vorhandenen Material etwas gänzlich Neues geschaffen, einen neuen Blickwinkel, eine neues Niveau des Ausblickes?

    Hat das benutze Material durch ihre Verformung dazugewonnen?

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    Es ist der Kommentar von Jürgen Graf, der bedenklich ist. Mit allerlei Worthülsen und elaboriertem Gedöns verteidigt ein großer Teil des Föjetong die Urhebererchtsverletzungen von Hegemann. Es geht hier nicht um Fehler, die man versehentlich gemacht hat. Der Ullstein Verlag hat nicht sauber gearbeitet und die Autorin hat auch im Nachhinein keinerlei Unrechtsbewußtsein erkennen lassen.

    Es ist der Kommentar von Jürgen Graf, der bedenklich ist. Mit allerlei Worthülsen und elaboriertem Gedöns verteidigt ein großer Teil des Föjetong die Urhebererchtsverletzungen von Hegemann. Es geht hier nicht um Fehler, die man versehentlich gemacht hat. Der Ullstein Verlag hat nicht sauber gearbeitet und die Autorin hat auch im Nachhinein keinerlei Unrechtsbewußtsein erkennen lassen.

  1. ist das Exemplarische an diesem Fall. Eine 17-jährige Mitteleuropäerin ist bereits mit "copy, shake & paste" aufgewachsen, umgeben von Gleichaltrigen, die tagtäglich nichts anderes in der Schule und auch privat machen.
    Es dürfte keinen Menschen dieser Altersgruppe geben, der daran irgendetwas Problematisches erkennen kann. Warum auch - wo es doch jeder tut und sich niemand daran stößt.

    Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Teenager Soziale Netzwerke im Web nutzen, gehen sie mit der "Verwertung" medialer Inhalte um: Man macht, was geht, persönliche Vorteile bringt und Spaß macht, vor allem in der Gruppe. Jedenfalls so lange, wie man dafür nicht empfindlich bestraft wird.

    Insofern unterscheiden sich die Teenager heute durch nichts von jenen aus den Tagen Georg Büchners.

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    waere helene hegemann wirklich ein teil der copy and paste kultur, wuerde sie ihren (?) text nicht auf derart traditionelle urheberrechtslastige art und weise vermarkten lassen. ich waere neugierig zu erfahren, wie sie bzw. ihr verlag mit autoren, die passagen aus dem roadkill buch gleichermassen in ihre texte kopieren im falle einer veroeffentlichung umgehen wuerden. die begeisterung hielte sich vermutlich in ueberschaubaren grenzen.

    fuer den verlag geht es letztlich nur um die vermarktung des buches, und da sind fragen von urheber- und verwertungsrechten von weitaus zentralerem interesse als die reichlich akademische ueberlegung, inwiefern man der abschreibererei der autorin eine generalabsolution via montagetechnik geben kann oder nicht. geschaeft ist geschaeft. und damit ist der vorgang von der kuenstlerischen metaebene auf den mit blanken talerchen gepflasterten boden der literarischen umsatzwirklichkeit geholt. oder anders gesagt: es ist durchaus in ordnung, wenn verlag und autorin mit dem text ob geklaut oder nicht gutes geld machen, sich aber mit derart faulen ausreden herausreden zu wollen ist eine peinlichkeit, fuer die beide sich ein paar gut gezielte faule tomaten verdient haben.

    waere helene hegemann wirklich ein teil der copy and paste kultur, wuerde sie ihren (?) text nicht auf derart traditionelle urheberrechtslastige art und weise vermarkten lassen. ich waere neugierig zu erfahren, wie sie bzw. ihr verlag mit autoren, die passagen aus dem roadkill buch gleichermassen in ihre texte kopieren im falle einer veroeffentlichung umgehen wuerden. die begeisterung hielte sich vermutlich in ueberschaubaren grenzen.

    fuer den verlag geht es letztlich nur um die vermarktung des buches, und da sind fragen von urheber- und verwertungsrechten von weitaus zentralerem interesse als die reichlich akademische ueberlegung, inwiefern man der abschreibererei der autorin eine generalabsolution via montagetechnik geben kann oder nicht. geschaeft ist geschaeft. und damit ist der vorgang von der kuenstlerischen metaebene auf den mit blanken talerchen gepflasterten boden der literarischen umsatzwirklichkeit geholt. oder anders gesagt: es ist durchaus in ordnung, wenn verlag und autorin mit dem text ob geklaut oder nicht gutes geld machen, sich aber mit derart faulen ausreden herausreden zu wollen ist eine peinlichkeit, fuer die beide sich ein paar gut gezielte faule tomaten verdient haben.

  2. "Helene Hegemann schrieb nicht ab, sondern verfasste einen Montagetext – und sie hat berühmte Vorgänger wie Bertolt Brecht, Thomas Mann, Georg Büchner und Elfriede Jelinek"

    Nur hat Sie nicht deren Talent. Für einen Verlag ist es mittlerweile lohnender, einen success de scandal zu lancieren und einmal 200,000 Bücher zu verkaufen, als einen Autoren aufzubauen, der 10 Bücher à 20,000 Bücher verkauft. Danach sucht man sich den nächsten Autor / Autorin, die man "verbrennen" kann.

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    haben sie den roman schon gelesen?

    haben sie den roman schon gelesen?

  3. Wer den stammelnden Auftritt der kleinen Textdiebin bei Herrn Schmidt erleben durfte, fragt sich schon, wieviel des Buches ihre eigene "Leistung" war.

    Ansonsten: Mit geklauten Sex- und Drogenexzessen zu prahlen, ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten.

    So eine Art weiblicher Jörg Fauser für Weicheier.

    Eklig.

  4. Wäre HH über ihren Vater nicht Teil der Nomenclatura der Verlagswirtschaft, so hätte sie jetzt eine Menge Ärger mit den Anwälten selbiger Verlage - garantiert.

    Es wird interessant sein, ob die Verlage Verstöße gegen das Urheberrecht demnächst auch so locker unter "Montage" gewähren lassen.

    Der eigentliche Skandal ist der des Feuilletons, das offenbar zu keinerlei selbstkritischer Haltung fähig oder willens ist. Man wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, Claqueure der Großverlage zu sein, und hat seine Glaubwürdigkeit für künftige Rezensionen weitestgehend verspielt.

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    Sehr gut getroffen. Gerade aus dieser Grund habe ich heute meine Abo gekündigt: erst letzte Woche kam Ijoma Mangolds Artikel "Unecht wahr": "So komisch es klingt: Die Literarizität von Helene Hegemann Roman nimmt durch diese Abschreibe-Kunst eher zu als ab".
    Heute: "Warum das männliche Kulturestablishment auf HH einschlagt", der Vergleich mit Mann, Büchner und Brecht.
    Und dann der unverschmämte Gebrauch des wortes 'Kokett' für die widerliche Beschreibung einer brutalen Vergewaltigung. Ich denke, es reicht

    Sehr gut getroffen. Gerade aus dieser Grund habe ich heute meine Abo gekündigt: erst letzte Woche kam Ijoma Mangolds Artikel "Unecht wahr": "So komisch es klingt: Die Literarizität von Helene Hegemann Roman nimmt durch diese Abschreibe-Kunst eher zu als ab".
    Heute: "Warum das männliche Kulturestablishment auf HH einschlagt", der Vergleich mit Mann, Büchner und Brecht.
    Und dann der unverschmämte Gebrauch des wortes 'Kokett' für die widerliche Beschreibung einer brutalen Vergewaltigung. Ich denke, es reicht

  5. 6. Holla

    ...der Artikel kommt mir vor, wie wenn man die ganze Bundeswehr in Marsch setzt, um einen Siebzehnjährigen vor Dieter Bohlen zu schützen.

    • ZeitS
    • 17.02.2010 um 18:33 Uhr

    Sinngemäß: Mir bereit es keine Schwierigkeiten zuzusehen, wie einem sechsjährigen Mädchen gleichzeitig mit heißem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und einem Schwanz im Arsch...
    Also das sagt eine junge Frau, wird von einer reifen emanzipierten Frau zitiert, wird als Buch verkauft und mit dem Attribut kokett umrissen????

    Also Leute, hoffentlich wird die angezeigt, wegen Gewaltverherrlichung, Pornografie mit Minderjährigen usw.

    Das also ist KOKETT???

    [Anmerkung: Das Zitat wurde wieder eingesetzt. / Die Redaktion as]

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    • ZeitS
    • 17.02.2010 um 18:56 Uhr

    man, das ist so der Hammer!!

    Nebenan geht um realen Kindesmissbrauch, und ihr habt hier ein Zitat im Video, welches sich um einen SCHWAN... der in einer SECHSjähr... mit kokett bewertet wird.

    Warum wird das überhaupt ins Netz gestellt?

    • Kiat
    • 17.02.2010 um 22:55 Uhr

    Solche Texte im Buch der HH sind m. E. geeignet, strafrechtlich nach § 131 StGB bewertet zu werden. Peinlicher und ekliger geht es doch nicht mehr!

    • Kiat
    • 17.02.2010 um 23:13 Uhr

    Zeitgleich zu den Plagiatsvorwürfen gegen HH wurden auch Pipier vorgeworfen, dass das im Dezember erschienene Buch "Döner for One" von einem Buch, das 1996 bei Goldmann erschienen ist, abgekupfert wurde. Piper hat sofort reagiert und das Buch zurückgezogen.

    Wieso hat Ullstein nicht genauso reagiert? Schließlich gehören sowohl Piper als Ullstein zur Bonnier-Gruppe ...

    http://schamaninkiat.over...

    • ZeitS
    • 17.02.2010 um 18:56 Uhr

    man, das ist so der Hammer!!

    Nebenan geht um realen Kindesmissbrauch, und ihr habt hier ein Zitat im Video, welches sich um einen SCHWAN... der in einer SECHSjähr... mit kokett bewertet wird.

    Warum wird das überhaupt ins Netz gestellt?

    • Kiat
    • 17.02.2010 um 22:55 Uhr

    Solche Texte im Buch der HH sind m. E. geeignet, strafrechtlich nach § 131 StGB bewertet zu werden. Peinlicher und ekliger geht es doch nicht mehr!

    • Kiat
    • 17.02.2010 um 23:13 Uhr

    Zeitgleich zu den Plagiatsvorwürfen gegen HH wurden auch Pipier vorgeworfen, dass das im Dezember erschienene Buch "Döner for One" von einem Buch, das 1996 bei Goldmann erschienen ist, abgekupfert wurde. Piper hat sofort reagiert und das Buch zurückgezogen.

    Wieso hat Ullstein nicht genauso reagiert? Schließlich gehören sowohl Piper als Ullstein zur Bonnier-Gruppe ...

    http://schamaninkiat.over...

  6. fölljetong at it's best: krampfhaft versuchen, unter rückgriff aufs kanonisch erhabene jeden fehler, jeden blödsinn, jede kindliche dreistigkeit zu legitimieren, damit man ja nicht seine meinung ändern oder sich gegen den eingeschlagenen kurs der kulturindustrie stellen muss.

    mein gott, bin ich froh, ingenieur geworden zu sein und nicht so'n abgerockerter germanist. ich würde in einem derart verknöcherten kulturbetrieb vermutlich vor fremdschämen sterben.

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    Das hätte ich mir auf meine alten Tage auch kaum mehr vorstellen können: Dass ich - huch: (Schul-)Germanist - einer Germanistenschelte eines Ingenieurs, mithin eines Vertreters einer meiner Lieblings-Unsympathen-Kaste,
    derartig voll zustimmen kann ;-) !

    Das Feuilleton legt immer häufiger eine verachtenswert
    salbadernde Wertebeliebigkeit und ein geschmäcklerisches Geschwurbel gerade in Sachen der Literaturkritik an den Tag.

    Das zeigt sich im zur Debatte stehenden Fall H. besonders drastisch (ZEIT, SPIEGEL, SZ).

    So sehr ich den Mann verabscheue, so kommen mir doch Äußerungen von Herrn Papst Ratzinger in den Sinn, in denen er anklagend von "Relativismus" spricht.

    MEIN GOTT, möchte man sagen, DAS TALENTIERTE GÖR HAT ABGEKUPFERT (vielleicht auch ehrlich zu dämlich, dies nicht zu realisieren) UND COLLAGIERT UND WURDE CLEVER PROMOTED (sorry)UND JETZT SOLL WEISS AUF EINMAL SCHWARZ UND SCHWARZ AUF EINMAL WEISS SEIN - ODER ALLES GRAU - ODER WIE ODER WAS ?

    Das hätte ich mir auf meine alten Tage auch kaum mehr vorstellen können: Dass ich - huch: (Schul-)Germanist - einer Germanistenschelte eines Ingenieurs, mithin eines Vertreters einer meiner Lieblings-Unsympathen-Kaste,
    derartig voll zustimmen kann ;-) !

    Das Feuilleton legt immer häufiger eine verachtenswert
    salbadernde Wertebeliebigkeit und ein geschmäcklerisches Geschwurbel gerade in Sachen der Literaturkritik an den Tag.

    Das zeigt sich im zur Debatte stehenden Fall H. besonders drastisch (ZEIT, SPIEGEL, SZ).

    So sehr ich den Mann verabscheue, so kommen mir doch Äußerungen von Herrn Papst Ratzinger in den Sinn, in denen er anklagend von "Relativismus" spricht.

    MEIN GOTT, möchte man sagen, DAS TALENTIERTE GÖR HAT ABGEKUPFERT (vielleicht auch ehrlich zu dämlich, dies nicht zu realisieren) UND COLLAGIERT UND WURDE CLEVER PROMOTED (sorry)UND JETZT SOLL WEISS AUF EINMAL SCHWARZ UND SCHWARZ AUF EINMAL WEISS SEIN - ODER ALLES GRAU - ODER WIE ODER WAS ?

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