Zurück an die Uni Stine, wo bist du?
Seit Einführung der Bachelor-Studiengänge geht es an Deutschlands Hochschulen um Workloads, Pflichtmodule und Credit Points. Wohin führt das? 40 Jahre nach seinem Examen in Germanistik und Politik hat sich Ulrich Greiner in die Hamburger Universität gewagt
Alle reden über die Universität, als wüssten sie, wovon sie sprechen. Was ein Kindergarten ist, eine Grundschule, ein Gymnasium, ist wohl klar. Aber die Universität? Nehmen wir an, jemand hätte vor 40 Jahren studiert und er ginge zurück, um nachzusehen, was sie heutzutage so treiben, diese Studenten, und warum sie protestiert haben in diesem Winter, er käme sich vor wie ein Idiot, der nichts weiß und nichts versteht. Dass man »Studierende« sagt, hat der Reporter schnell begriffen, aber als er an der Hamburger Universität den Versuch unternimmt, Näheres über das ominöse »Bologna« zu erfahren, schwirrt ihm bald der Kopf. Was ist ein Credit Point, ein Modul, ein Workload? Was versteht man unter ABK oder CHE? (Anmerkung der Redaktion: CHE ist Kooperationspartner von ZEIT ONLINE. Die Abkürzung steht für "Centrum für Hochschulentwicklung"). Und wer um Himmels willen ist Stine?
Die Begriffe fallen im ersten Gespräch. Es hätte keinen Zweck, den Professor bei jedem Satz zu unterbrechen. Fremdsprachen lernt man am ehesten durchs Zuhören. Aber dann sagt der Mann: »Es gibt die Universität schon lange nicht mehr, wir haben eine Pluriversität.« Die Fakultäten seien völlig voneinander getrennt. Bei den Medizinern, Juristen oder Betriebswirten gebe es seit eh und je ein strenges Reglement, die Naturwissenschaftler bildeten eine relativ komfortable Welt für sich, und bei den Geisteswissenschaftlern sei die Lage völlig disparat. »Hier auf dem Campus«, ruft der Politologe, »arbeiten mehr als 40.000 Studenten, Professoren, Bibliothekare! Dabei sind die Mediziner noch gar nicht eingerechnet. Das ist eine richtige Stadt. Es hat keinen Sinn, von der Universität zu reden.«
Was tun? Der Reporter beschließt eine kleine Reise in die Geisteswissenschaften, da kommt er schließlich her. Die Suche nach weiteren Gesprächspartnern jedoch gestaltet sich schwierig. Zwar ist die Internetseite der Universität Hamburg professionell gemacht, mit endlosen Verzweigungen, Studienordnungen, Gremien, mit Fotos der Lehrenden, Biografien, Erreichbarkeiten. Aber welche Nummer der Reporter auch wählt, es nimmt keiner ab, E-Mails bleiben unbeantwortet. Später wird er erfahren, dass nur wenige Professoren noch über ein Sekretariat verfügen, dass es auch die alten Institute formal nicht mehr gibt. Bei einer der vielen Reformen hat man eine sogenannte flache Hierarchie eingeführt.
Wozu also telefonieren? Am besten, man geht einfach hin. Auf dem Campus, gruppiert um einen schmächtigen Baum, brennen Grablichter. Holzkreuze stecken in der gefrorenen Wiese. Sie tragen Inschriften wie Jugend, Zukunft, Selbstbestimmung, Freiheit. Das Audimax mit seinem Schildkrötenbuckel sieht verändert aus: Die Glasfenster sind mit bunten Transparenten und Aufrufen zum Streik verhängt. »Wir sind kein Humankapital!« und »Bildung für alle!« steht da, »Nieder mit der Bertelsmann Stiftung und dem CHE!«. Es handelt sich, wie darunter zu lesen ist, um das Centrum für Hochschulentwicklung, das jetzt von Jörg Dräger geleitet wird, dem früheren Hamburger Wissenschaftssenator.
Aus den Plakaten spricht anarchistischer Frohsinn: »Faulenzen statt Lenzen!«, »Astra statt Asta!« (Dieter Lenzen heißt der frisch gewählte Präsident, der sein Amt noch nicht angetreten hat; Astra ist ein Hamburger Bier). Drinnen im Foyer herrscht Gemütlichkeit. Sperrmüllsofas stehen herum, die Garderobe ist eine Kaffeebar. Ein Flattern und Rauschen erfüllt den Raum: Die Warmluftheizung füllt die an den Scheiben klebenden Transparente wie Segel. Ein paar Studenten knien auf dem Boden und pinseln neue Plakate, es riecht nach Farbe. Den Reporter ergreift Rührung. Sieht das nicht aus wie ‘68 seligen Angedenkens? Auch die Stellwände, auf denen zu Arbeitsgemeinschaften eingeladen wird, erinnern ihn an alte Zeiten: Inhalte- und Forderungen AG, Anti-Repressions AG, Winterfest der Liebe AG, Sarkasmus & Polemik AG, Knuddel AG.
Und siehe da: Es gibt sogar Kurse zur Einführung in den Marxismus. Einer findet eben statt. Der Raum ist mit rund hundert Studenten gefüllt. Vorne trägt ein etwa Vierzigjähriger »Zehn Thesen« zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise vor. Es sind keine Thesen, sondern weitschweifige, völlig gedankenfreie Paraphrasen marxistischer Kapitalismuskritik. Dass dennoch jeder Hauch von Klassenkampf fehlt, liegt daran, dass der Mann bloß mit dem Mikrofon kämpft und nach Worten ringt. Er ist Lehrbeauftragter an der Freien Universität Berlin. Arme FU! Die Studenten hören stoisch zu. Einige schreiben so intensiv mit, als könnten sie Credit Points fürs Leben gewinnen.
Hinüber zum Hörsaalgebäude: »Einführung in die politische Theorie«. Während sich der Raum allmählich füllt, beschriftet der Professor die Folie und schaltet den Projektor ein. »John Locke, Two treatises of government, Glorious Revolution 1688, Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten« steht auf der Leinwand. Schwungvoll begrüßt der Professor den mit etwa 150 Hörern gut besetzten Saal (»Meine Damen und Herren, meine Lieben«), rekapituliert die vorige Vorlesung über Thomas Hobbes und dessen Vertragstheorie, wonach die Menschen, um den Krieg aller gegen alle zu beenden, ihre Rechte an den Leviathan, also den Staat abgetreten hätten, und setzt nun John Locke dagegen, der insofern gegenteiliger Ansicht ist, als er von unveräußerlichen Rechten spricht, die einem treuhänderischen Staat freiwillig übertragen werden. Woraus sich, wie der Professor hervorhebt, ein Widerstandsrecht ableitet, falls nämlich der Staat seine Pflichten verletzt.Niemand strickt, alle schreiben mit – denn am Ende wird geprüft.
- Datum 22.02.2010 - 10:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
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Statistik ist die heimliche Herrscherin unserer Welt. Alles ist, soll, muß statistisch erfaßbar sein. Nur wenn man ein zahlenmäßig belegbares Fundament hat, darf man urteilen. So auch die Bildung. Früher ein wolkenhafter, schwebender Begriff, heute durch Pisa statistisch erfaßt, durch Bologna auf eine neue Ebene statistischer Vergleichbarkeit gehievt. Ich gebe es zu, ich fröne der Nostalgie. Ich habe während meines Studiums das Lied noch gesungen, habe getrödelt, ranklotzen müssen, wußte manchmal nicht, wie es weitergeht, wünschte, ewig zu studieren und war froh, wenn es endlich vorüber wäre. Heute: Lernt kürzer, effektiver, dann verdient ihr schneller mehr Geld. Bildung wird endlich volkswirtschaftlich erfaßt. 12 Schuljahre, 3 Jahre Uni reichen. Zu meiner Zeit sprach man noch"von der schönsten Zeit des Lebens".
Das anglo-amerikanische System der Effektivität verdrängt die Möglichkeit der rückblickenden Nostalgie. Es wird heißen: Habe ich bestmöglich die Zeit genutzt? Manchmal aber denke ich, daß gerade durch das Zuchtziel volkswirtschaftlicher Effektivität erst der Typus des Absolventen entstehen konnte, der allein darauf getrimmt schnellstmöglich höchste Rendite zu erzielen rechts und links liegen ließ und so mit zu einer menschlichen, statistisch nicht erfaßten Ursache der Krise wurde, in welcher wir uns befinden. Effektivität und Intuition sind zu einem Gegensatzpaar geworden. Intuition wird nicht mehr gelehrt, da nicht meßbar, wäre aber nötig, um sich wieder zu freuen.
Ok, also ich werde jetzt nicht anfangen wieder über das Bachelor- und Master-System als solches zu diskutieren. Das hab ich an anderer Stelle schon mehr als einmal mit dem folgenden Fazit getan: Ja, ich finde es gut aber es benötigt Nachbesserung.
Stattdessen würde ich gern einen speziellen Aspekt aufgreifen, der mir beim Lesen besonders in Erinnerung geblieben ist. Ich spreche davon, dass sich Dozenten immer häufiger abfällig über die Leistungsorientierung der Studenten äußern. Als Student wird einem vorgeworfen man lerne nur stumpf auf Prüfungen und blicke kaum nach links und rechts. Für mich - und auch viel andere - trifft das nicht zu und ich fühle mich dadurch beleidigt. Aber diejenigen für die diese Aussage Gültigkeit besitzt haben ebenfalls alles andere als Spott verdient.
Natürlich wird mehr um Noten gekämpft und ökonomischer studiert, welchen Effekt hätte man denn von einem kompakten leistungsorientierten System erwartet? Auf diese Frage wird man von den entsprechenden Hochschullehrern auch die entsprechenden Antwort bekommen. Denn es sind in der Regel dieselben die dieses System von vorn herein abgelehnt haben und ihre Empörung jetzt nach unten - an die Studierenden - ableiten anstatt ihrer Lehrverpflichtung bestmöglich nachzukommen.
Bezeichnend, dass die wirklich guten Artikel hier nicht von den festen "Zeit"-Mitarbeitern kommen.
Sehr geehrter Neumannder,
Ulrich Greiner ist durchaus "fester ZEIT-Mitarbieter". Genauer hat Greiner jahrelang das Feuilleton und später das Literaturressort des Blattes geleitet. Inzwischen ist Greiner Kultur-Reporter der ZEIT.
Mit freundlichen Grüßen
Karsten Polke-Majewski
ZEIT ONLINE
...okay.
aber normalerweise eben nicht im von der unsäglichen Kerstan-Wiarda-Fraktion (jedenfalls gefühlt) beherrschten Chancen-Teil. Wer nur deren oft unreflektiertes einseitiges Geschreibsel gewohnt ist, dem fällt ein differenzierter, nicht (so offensichtlich) interessegeleiteter Greiner-"Ausreißer" natürlich außerordentlich positiv auf. Zu Recht.
...okay.
aber normalerweise eben nicht im von der unsäglichen Kerstan-Wiarda-Fraktion (jedenfalls gefühlt) beherrschten Chancen-Teil. Wer nur deren oft unreflektiertes einseitiges Geschreibsel gewohnt ist, dem fällt ein differenzierter, nicht (so offensichtlich) interessegeleiteter Greiner-"Ausreißer" natürlich außerordentlich positiv auf. Zu Recht.
"Ihren Weg in eine Welt ohne Module müssen sie sowieso alleine gehen."
Wie sollen Schüler und Studenten in die Selbständigkeit geführt werden, wenn die Selbständigkeit „bachelorweise“ eingeschränkt ist.
Was dabei herauskommt, haben Stefan Bonner und Anne Weiss in ihrem Buch „Generation Doof“ recht eindrucksvoll beschrieben.
...okay.
aber normalerweise eben nicht im von der unsäglichen Kerstan-Wiarda-Fraktion (jedenfalls gefühlt) beherrschten Chancen-Teil. Wer nur deren oft unreflektiertes einseitiges Geschreibsel gewohnt ist, dem fällt ein differenzierter, nicht (so offensichtlich) interessegeleiteter Greiner-"Ausreißer" natürlich außerordentlich positiv auf. Zu Recht.
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