DIE ZEIT: In Geheimdienstkreisen wird vermutet, es seien chinesische Staatshacker gewesen, die im vergangenen Jahr Google und andere Hightechfirmen ausgespäht haben. Werden die Chinesen in diesem Spiel zu einem Angstgegner für die USA?

James Bamford: Ehrlich gesagt, diese Nachricht hat mich nicht überrascht. So etwas ist in den vergangenen Jahren vielfach geschehen. Wir sollten aber bei aller Furcht vor den Chinesen nicht vergessen: Die USA verfügen in diesem Geschäft bei Weitem über die fortschrittlichsten Möglichkeiten.

ZEIT: Die USA beschäftigen selbst Hacker?

Bamford: Sie können davon ausgehen, dass sie den chinesischen Cyberspace auch angreifen, mit anderen Methoden. Gerade entsteht eine komplette neue Behörde für solche Aktionen, die unter der Kontrolle der NSA steht, des technischen Geheimdienstes der USA. Und die NSA ist auf diesem Feld seit Jahren aktiv. Da werden ausländische Organisationen und Einrichtungen infiltriert, da werden Dinge in anderer Leute Computersystemen hinterlassen, die dann zum Beispiel dem Abhören dienen. Brandneu ist das alles nicht.

ZEIT: Wenn man die Verlautbarungen liest, dann wollen die USA sich doch eher gegen die Chinesen und andere Eindringlinge schützen.

Bamford: Es ist ganz klar: Diese neue Cyberagentur dient der Verteidigung wie auch dem Angriff. In meinen Recherchen über die NSA habe ich immer wieder Leute getroffen, die angedeutet haben, die USA würden aktiv daran arbeiten, chinesische Stellen durch Computernetze zu infiltrieren. Das hat ja auch Tradition. Früher hat die NSA hauptsächlich in aller Welt Telefonverbindungen abgehört oder Satelliten angezapft.

ZEIT: Genau wie die Chinesen.

Bamford: Das stimmt. In diesem Geschäft sind die Chinesen den Amerikanern dicht auf den Fersen, und in Einzelfällen haben sie sie überholt. Die Chinesen haben ihre eigenen Spionagesatelliten, ihre eigenen Abhörstationen…

 

ZEIT: ... die Chinesen fürchten auch, amerikanische Firmen wie Google seien auf chinesischem Boden letztlich Instrumente der amerikanischen Geheimdienste. Ist das paranoid?

Bamford: Überhaupt nicht. Ich habe mit etlichen Leuten bei Google gesprochen, die genau davor Angst hatten, dass nämlich die NSA ihre Computersysteme unterwandert – und wenn es lediglich darum geht herauszufinden, was chinesische Regierungsbeamte alles so googeln. US-Geheimdienste dringen seit Langem in die Systeme amerikanischer Firmen ein, wenn diese im Ausland aktiv werden.

ZEIT: Geht das denn immer noch so einfach? Viele Unternehmen sind heute sehr auf Sicherheit bedacht, verschlüsseln ihre Kommunikation und sichern ihre Computer, gerade bei Geschäften im Ausland.

Bamford: Man sollte sich da keine Illusionen machen. Kann man Daten heute unknackbar verschlüsseln? Vielleicht. Aber wissen Sie was? Dann versteckt eben jemand ein Spionageprogramm in Ihrer Tastatur und zeichnet alles auf. Seien Sie vorsichtig, was Sie tippen! Oder man besticht einen Ihrer EDV-Leute, damit er die geheimen Passwörter zu Ihren Computern rausrückt.

ZEIT: Das heißt, einen echten Schutz gibt es weder vor den Amerikanern noch vor den Chinesen?

Bamford: Höchstens dann, wenn Sie bei einem der führenden Geheimdienste der Welt arbeiten. Dann haben Sie eine gewisse Chance, dass Sie Ihre Daten geheim halten können.

James Bamford ist einer der besten Kenner der amerikanischen Geheimdienstszene. Seit den achtziger Jahren setzt sich der investigative Journalist kritisch mit dem im Verborgenen operierenden technischen Geheimdienst der USA auseinander, der NSA. Zuletzt erschien von ihm im Sommer 2009 das Buch »The Shadow Factory«

Das Gespräch führte Thomas Fischermann