Thielemann an der Semperoper Der Dirigent des Rückzugs
Christian Thielemann gibt seinen Einstand in Dresden. Eine Kunstidylle mit Rissen
Bald wird Dresden wieder das Elbflorenz sein, die kunsttrunkenste Stadt der gesamten Republik und ein wiedergefundenes Atlantis des Kulturbürgertums, herrlich schimmernd in deutscher Tiefe durch deutschen Klang. Das ist die Hoffnung, seit der Dirigent Christian Thielemann einen Vertrag als Chef bei der Dresdner Staatskapelle unterschrieben hat. Er übernimmt nicht irgendein Orchester, sondern eines der ältesten und traditionsreichsten. Richard Wagner hatte es eine »Wunderharfe« genannt, für die Identität der Stadt hat die Staatskapelle eine ähnliche Bedeutung wie die Brühlschen Terrassen, der Zwinger oder die Semperoper, in der sie residiert.
Dirigentenverpflichtungen werden immer gerne mit Aplomb gefeiert, aber die Erwartungen und Sehnsüchte, die Thielemanns Ankunft in Dresden begleiten, sind ins Himmelhohe gewachsen. Florian Illies nannte Thielemanns Engagement in dieser Zeitung einen »Akt von nationaler Symbolik«. Und der Dirigent selbst sieht in Gedanken schon wieder die legendären »Rosenkavalier-Züge« nach Dresden rollen. Nachdem der Rosenkavalier von Richard Strauss 1911 an der Dresdner Hofoper uraufgeführt worden war, brach in Deutschland eine solche Begeisterung für das Stück aus, dass die Reichsbahn Sonderzüge zu den Aufführungen nach Dresden einsetzte.
Jetzt hat Thielemann seine Pläne für Dresden bekannt gegeben. Ab 2012 wird er an 45 Abenden sowohl in der Oper als auch in Konzerten am Pult stehen. Die Komponisten, denen er sich widmet, sind die bewährten Größen seines Repertoires – viel Strauss und Wagner, dazu Puccini, Webers Freischütz und Verdi. Außerdem dirigierte er am vergangenen Samstag das symbolträchtige Gedenkkonzert der Staatskapelle zum Jahrestag der Dresdner Bombennacht. Und in einem Zeitungsinterview ließ er parallel dazu in den hellsten Tönen die Hochzeitsglocken für sich und sein zukünftiges Orchester läuten: Die Staatskapelle habe »mendelssohnsche Leichtigkeit«, verkündete er, »wagnersche Opulenz und strausssche Brillanz«. Es sei »eine anspruchsvolle Braut«. »Vielleicht steht es für das, was ich immer gesucht habe: eine Art von positiver Beschränkung.« Thielemann und Dresden – das soll die ganz große Liebe werden.
Aus der Semperoper wird eine feste Burg wertkonservativer Kunst
Der Rosenkavalier, eines von Thielemanns Lieblingswerken, ist eine Art Schlüsselstück zum Verständnis Dresdens. So wie sich die Oper von Strauss und Hugo von Hofmannsthal rauschhaft in ein imaginäres Rokoko zurückträumt, so blicken auch die Dresdner sehnsuchtsvoll zurück in ihre glanzvolle Residenzstadt-Vergangenheit. Sie tun es nach den verheerenden Weltkriegszerstörungen aus verständlichen Gründen. Aber die Lust am Ausschmücken eines feudalen Gestern hat auch etwas Gegenwartsvergessenes. Man muss sich nur die Pläne zur Wiederbebauung der Neumarkt-Quartiere um die Frauenkirche anschauen: architektonischer Historismus, und sei er noch so kulissenhaft, setzt sich allenthalben durch. Da ahnt man die Nähe der Stadt zur Marschallin aus dem Rosenkavalier: In ihrem berühmten Monolog Die Zeit, die ist ein sonderbar’ Ding am Ende des ersten Akts wird sie beim Blick in den Spiegel ganz melancholisch und gesteht ihrem jungen Liebhaber, dass sie nachts aufsteht, um alle Uhren anzuhalten.
Solche Tonlagen vermag Christian Thielemann prächtig zu orchestrieren. Er lebt im Repertoire des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Auf einen schmalen Kanon an Meisterwerken hat er sich in seiner Arbeit konzentriert – Beethoven, Brahms, Bruckner, Strauss und Wagner vor allem. Die will er immer wieder in ihrer ganzen Größe erstehen lassen. Thielemann ist ein Dirigent des Rückzugs. Er will nur noch an wenigen, ausgewählten Orten dirigieren und polemisiert gegen den »Vermarktungsirrsinn« der Musikbetriebs und die oberflächliche, rastlose Geschäftigkeit, mit der viele seiner Kollegen das Dirigentengewerbe betreiben. Auch die Werke selbst will er vor dem Unguten der Moderne schützen, vor Oberflächlichkeit und Ahnungslosigkeit, aber mehr noch vor der allgegenwärtigen Reflexionswut und den zersetzenden Strategien ewigen Ausinterpretierens. Unvergessen ist sein Stoßgebet, das er im Vorfeld seines Bayreuther Wagner- Rings gen Himmel schickte: Brüche und Kontroversen, das könne er alles nicht mehr hören. »Lasst uns doch einfach mal genießen.« Thielemann vereint auf sich, mehr als jeder Dirigent, die wiedererstarkende Sehnsucht nach kunstreligiösem Heil in der Musik: Das Werk soll von den Kontexten und Gegenwartsbezügen, die seine Reinheit gefährden, befreit werden. Es steigt wieder auf in unberührte Schöpferhöhe. Von dort reicht es der Dirigent an die Zuhörer herab. Dazu fühlt sich Thielemann berufen. Und dass er ein Dirigent mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ist, steht ja tatsächlich außer Zweifel.
- Datum 18.02.2010 - 11:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
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... spricht aus diesem Artikel. Ich bin selbst bei der MISSA SOLEMNIS gewesen. Die Kritik kann ich - ebenso wie die meisten anderen Kritiker - nicht nachvollziehen. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass Herr Luisi keinen Fuß mehr in die Semperoper setzen will. Er hätte sich mal lieber während seiner GMD-Zeit häufiger dort sehen lassen sollen. Herzlich Willkommen, Christian Thielemann!
Herr Spahn beschreibt klug und sachlich den Umstand, dass ein altmodischer Dirigent zu einem altmodischen Orchester wechselt.
Vielen Dank!
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