200 Jahre Frédéric Chopin Zukunftsmusik für den Salon

Vor 200 Jahren wurde der große Komponist Frédéric Chopin geboren

Frédéric Chopin, der einsame Sisyphus

Frédéric Chopin, der einsame Sisyphus

Der Mythos reicht bis zum Ballermann. Schon am Ankunftstag auf der Balearen-Insel weisen die Reiseführer jeden Touristen auf den abgelegenen Ort mit dem steinalten Kartäuserkloster hin, dort sei im Winter 1838 ein berühmter Komponist eingekehrt, habe seine angeschlagene Gesundheit zu kurieren versucht, aber anhaltende Niederschläge ertragen müssen, die er gottlob sogleich in Musik verwandeln konnte. In dem Kloster habe der Komponist Tür an Tür mit einer exzentrischen und rauchenden Romanschreiberin namens George Sand gewohnt – und spätestens jetzt ist auch dem Touristen am Teutonengrill klar, dass es sich bei dem Mythos um Frédéric Chopin und das mallorquinische Städtchen Valldemossa handeln muss. Die Busse dorthin sind immer voll.

Ein Winter auf Mallorca: Unter diesem Romantitel der Madame Sand ziehen seit Jahrzehnten Rezitatoren und Pianisten durch Mitteleuropa. Ihrem Publikum bieten sie ein Konzentrat von Schauerromantik und Künstlerlegende. Die Hörer erfahren von kahlen Gängen und gottverlassener Einöde, von einem riesigen Sarg, mit dem Chopin seine Zelle verglich, und natürlich wird das Regentropfen-Prélude gespielt, von dem Madame berichtete (und das Chopin nie so genannt hat). In diesem Stück klopft ein Ton vom ersten bis zum letzten Takt in der Mittelstimme, es beginnt unschuldig in Des-Dur, bis der klopfende Ton as plötzlich zu gis wird, nun ist es die Quinte von cis-moll, der finstersten Tonart. Alles Lyrische ist dahin, bald meinen wir Donner und das Geläut von Sturmglocken zu hören – und wenn nach dem Grollen wieder jene Des-Dur-Melodie ertönt, hört man sie mit anderen Ohren. Sie hat ihre Unschuld verloren, sie hat in den Abgrund gestarrt.

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Dieses Des-Dur-Prélude ist seit je ein Lieblingsstück im Klavierunterricht, bei dem Kinderfinger den ersten Kontakt zu Chopins Rubato aufnehmen, der stilistischen Erlaubnis, innerhalb eines festen Metrums für Sekunden die Zeit zu verlieren und sie unmerklich wieder einzuholen. Zugleich erweist sich das Stück als eins von Chopins zahllosen pianistischen Experimenten: wie man einen einzigen Ton als Achse in einen Klaviersatz legt, die das Gewebe stützt, die Form trägt, die Harmonien definiert und doch nie als Implantat wahrgenommen wird. Maurice Ravel wird sich dieses Stück 70 Jahre später zu Herzen nehmen, wenn er seinen Zyklus Gaspard de la nuit komponiert – mit dem gespenstischen Mittelsatz Le Gibet, in dem unaufhörlich ein Totenglöckchen bimmelt.

Frédéric Chopin

Am 1. März 1810 wurde Frédéric Chopin in Zelazowa Wola bei Warschau geboren. Im offiziellen Geburtsregister ist der 22. Februar als (wahrscheinlich falsches) Datum eingetragen. Die Mutter Justyna war Polin, der Vater Nicolas kam als Emigrant aus Frankreich nach Polen. Noch im selben Jahr erhält Nicolas Chopin eine Anstellung an einem Warschauer Lyzeum, die Familie zieht nach Warschau um.

Jugend & Ausbildung

Mit sechs Jahren erhält Frédéric den ersten Klavierunterricht, sein Lehrer ist Wojciech Zywny. Die ersten Kompositionen lassen eine außerordentliche Begabung erkennen.

Im Jahr 1826 nimmt Chopin Kompositionsunterricht bei Jozef Elsner am Warschauer Konservatorium. Elsner bescheinigt ihm drei Jahre später in seinem abschließenden Gutachten: »Chopin – ein besonderes Talent, Musikgenie usw.« Und der »Warschauer Kurier« bejubelt sein Konzert im Nationaltheater: »Er übertrifft alle Pianisten, die man bisher gehört hat, er ist der Paganini des Klaviers.«

Pariser Jahre

Am 2. November 1830 verlässt Chopin Warschau. In Stuttgart erfährt er, dass der Aufstand der Warschauer gegen die russische Besatzungsmacht niedergeschlagen wurde. Völlig unbekannt kommt er im folgenden September in Paris an.

1832 gibt er sein erstes Konzert in Paris. Er erobert die renommiertesten Salons der Stadt. Konzertauftritte in großen Sälen meidet er. Chopin findet Bewunderer in Robert Schumann, Franz Liszt und anderen. Eugène Delacroix gehört zu seinen engen Freunden.

Krankheit & Tod

Im Mai 1838 lernt Chopin die Schriftstellerin George Sand kennen. Im Oktober reisen sie nach Mallorca. Infolge des feuchten Klimas verschlechtert sich sein Gesundheitszustand. Auf Mallorca beendet Chopin seine 24 Préludes.

1849 tritt Chopins Tuberkulosekrankheit in die Endphase. Am 17. Oktober um zwei Uhr nachts stirbt er. Der Leichnam wird auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beigesetzt, das Herz aber, wie er es in seinem letzten Willen äußerte, wird zurück nach Polen gebracht.

Der Unterschied zwischen Chopin und Ravel: Der Pole hasste Überschriften. Seine Musik wollte nichts Außermusikalisches darstellen, keine Landschaften abbilden, keine Szenen illustrieren – sie hatte kein Programm außer sich selbst. Die Nachwelt hat diesen Wunsch des Komponisten respektiert. Trotzdem wird etwa die Etüde c-moll op. 10 unauslöschlich mit dem Attribut Revolutionsetüde versehen, und das nicht grundlos: Diesen nervös-dramatischen Sturm nach Noten komponierte Chopin auf der langen Reise von Warschau nach Paris, vermutlich in Stuttgart, wo er vom verlorenen Warschauer Aufstand gegen die zaristischen Truppen erfuhr. In seinem Tagebuch notierte er: »Oh Gott, gibt es Dich? Genügen Dir die Verbrechen der Moskowiter denn immer noch nicht?« Ein paar Monate zuvor hatte er einsam im weihnachtlichen Stephansdom von Wien gehockt und geschrieben: »Ich fühlte mehr denn je meine Verwaisung.« Es könnte sein, dass sich solche emotional zugespitzten Augenblicke fallweise in seiner Musik Raum brachen – etwa im damals entstandenen Scherzo Nr. 1 h-moll, in dem von Ferne die Melodie eines polnischen Weihnachtslieds aufscheint.

Einsamkeit war für Chopin lebenswichtig, er brauchte sie zum Arbeiten – und was man je an Schrullen, Gewohnheiten und Ritualen aus den Studierzimmern der großen Komponisten gehört hat: Chopin war ein Sisyphus. Tagelang konnte er über einem einzigen Takt sitzen oder betrieb umfangreiche Revisionsprozesse. »Die Zeit ist die beste Zensur, die Geduld der perfekte Lehrer!«, predigte er. Tatsächlich war sein Papierverbrauch kolossal, seine Strenge nicht geringer. Was dem Scharfblick des Meisters und seinem Gefühl für organische Struktur nicht genügte, wurde im Kamin in Asche verwandelt.

Leser-Kommentare
  1. super verfasster Artikel

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