Strategieanalyse Jogis Späher

Ortstermin: In einer Sporthalle in Hennef analysieren Sportstudenten vor der WM die Gegner der deutschen Nationalmannschaft.

Wo liegen die Stärken und Schwächen des Gegners? Sportstudenten werten hunderte Fußballspiele für die National Elf aus.

Wo liegen die Stärken und Schwächen des Gegners? Sportstudenten werten hunderte Fußballspiele für die National Elf aus.

Der Zettel, natürlich. Jens Lehmann hatte ihn vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale der Fußballweltmeisterschaft 2006 gegen Argentinien aus seinem Stutzen gezogen. Potenzielle Schützen und ihre Präferenz für eine bestimmte Torecke standen darauf. »Bei der Beschaffung der Informationen haben wir geholfen«, sagt Jürgen Buschmann. Mit »wir« meint der Kölner Sportwissenschaftler eine Gruppe von Sportstudenten, die unter seiner Leitung und im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zur WM 2006 die Stärken und Schwächen der deutschen Gegner ausgelotet haben.

Lehmanns Spickzettel hat Geschichte geschrieben. Wertvolles Wissen für die richtige Reaktion im Zeitfenster eines Wimpernschlags – sie war spielentscheidend. Im Prinzip müsse man sich dafür lediglich viele Elfmeter des gegnerischen Teams ansehen und eine Strichliste führen, sagt Urs Siegenthaler. Er ist der Chefspielbeobachter im Team von Bundestrainer Joachim Löw, der oberste Späher. Um sich auf die WM in Südafrika vorzubereiten, greift er wieder auf die Hilfe der Deutschen Sporthochschule in Köln zurück. »Fußballer haben Vorlieben, und die wollen wir herausbekommen«, sagt Siegenthaler.

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Er will nicht hören, ob ein Spieler »Weltklasse« ist oder nicht. In seinem Metier geht es um konkretes individual- und mannschaftstaktisches Verhalten. Keine subjektive Einschätzung, sondern objektive Beobachtung: Fußball ist da das ideale Forschungsobjekt. Kein Spiel einer Nationalelf, das nicht irgendwo übertragen würde. Die Materialmenge ist gewaltig, die Analyse nur durch die Fantasie der Fragesteller beschränkt:

Ist die Abwehr gut organisiert? Über welche Seite wird der Spielaufbau eröffnet? Wo positioniert sich der Torwart, wenn der Gegner von außen eine Flanke schlägt? »Das sind die Informationen, die uns weiterhelfen«, sagt Siegenthaler. Dabei steht er in einer Turnhalle der Sportschule Hennef. Hierher hat der DFB die Beteiligten des aktuellen WM-Scouting-Teams zu einem Vorbereitungswochenende eingeladen.

Bevor es an die Laptops geht, rollt der Ball. Siegenthaler lässt jeweils vier Studenten »zwei gegen zwei« spielen. »Bleibt in eurer Zone!«, ruft er in das Spiel. »Genau das müsst ihr in der Spielanalyse sehen. Machen die Abwehrspieler das gut? Halten sie ihre Positionen«, sagt er. Die deutschen WM-Gruppengegner Ghana, Australien und Serbien werden unter solchen Gesichtspunkten in den kommenden Wochen unter die Lupe genommen; wie auch alle anderen WM-Teilnehmer. Je nach Wahrscheinlichkeit (und Zeitpunkt) eines möglichen Zusammentreffens wurden sie in Kategorien mit unterschiedlicher Dringlichkeit eingeteilt.

Drei bis vier Studenten nehmen sich bis zu zehn Spiele einer Mannschaft vor. Eckstoß in Spielminute 21 – Klick. Der Mauszeiger fährt über ein Auswahlmenü. Die Reaktion des Torwarts wird vermerkt. Auch ob ein Stürmer eher links oder rechts am Verteidiger vorbeizieht, ob er zögert, dribbelt, antäuscht, lässt sich so festhalten. Alles wird »codiert«, wie die Sportwissenschaftler sagen, und zusammen mit dem Zeitpunkt der Spielsituation in einer Datenbank gespeichert. Mehrere Hundert Stunden Fußball soll sie fassen. Ein einziges Spiel zu sezieren kostet die Scouts acht Stunden.

 Die WM in Südafrika ist bereits das dritte Turnier, bei dem DFB und Sporthochschule miteinander kooperieren. »Wir wissen die Arbeit der Studenten sehr zu schätzen. Es hat sich gezeigt, dass alle Beteiligten davon profitieren«, sagt Joachim Löws Assistent, Hansi Flick.

Tatsächlich fallen für die Studenten Abschlussarbeiten ab, manche knüpfen Kontakte. Und nach der WM werden sich Forscher durch die Daten wühlen. »Nach der WM in Südafrika können wir erstmals zwei Weltmeisterschaften miteinander vergleichen«, sagt Projektleiter Buschmann. Er will mit harten Zahlen belegen können, welche Strategien im Angriffsspiel erfolgreich sind. Im Nachhinein.

In der Vorbereitung auf die WM herrscht Zeitdruck bis zur letzten Minute. Denn die Kölner Studenten werden auch aktuelle WM-Begegnungen analysieren. Weil sich ihre Empfänger dann längst in Südafrika befinden, musste eine Lösung für den Datentransfer gefunden werden. »Zum Glück müssen wir nicht die kompletten Spielszenen verschicken«, sagt Stephan Nopp. Der Doktorand ist der Kontaktmann zwischen Hochschule und DFB. »Nur die Zeitstempel und die Datenbankeinträge werden verschickt.« Am Spielort synchronisiert Jogi Löws Stab diese dann mit den Videobildern aufgezeichneter Spiele. »So ist gewährleistet, dass Analyst und Trainerstab auch wirklich die gleiche Szene sehen«, sagt Nopp.

Aus der Fülle an Daten filtern Flick und Siegenthaler die prägnantesten Szenen, stellen DVDs für einzelne Spieler zusammen – etwa eine Auswahl typischer Aktionen der ghanaischen Stürmer für den deutschen Verteidiger Philipp Lahm. Als Schmankerl gibt es ein Kulturpaket: Die Studenten erstellen Länderprofile mit Informationen zur Bedeutung des Spiels gegen Deutschland, über die Mentalität, die Fankultur. »Das kommt auch bei unseren Spielern gut an«, sagt Trainer Flick.

Die Details der Analyse selbst hält der DFB geheim: Weder soll der Gegner etwas über diese Erkenntnisse erfahren, noch soll an die Öffentlichkeit dringen, wie beispielsweise Serbien zu schlagen ist. Solche Rezepte würden bloß den medialen Druck auf die deutsche Elf erhöhen.

Mehr als 150 angehende Sportwissenschaftler wollten als Scouts dabei sein, 55 wurden ausgewählt. Mirco Schüller hat schon während der WM-Qualifikation mitgearbeitet. Auf seinem Laptop laufen noch die Bilder des Spiels Deutschland gegen Russland. Mit wenigen Klicks sind alle Eckstöße abrufbar. Oder Aktionen bestimmter Spieler wie Michael Ballack – aber auch für den Laien abstraktere Handlungen wie die »Spieleröffnung aus der Defensive«.

»Ich glaube schon, dass wir unseren Beitrag zum möglichen Erfolg leisten«, sagt Schüller. Messbar ist das allerdings kaum, oder doch? Wie will man überhaupt quantifizieren, welcher Aufwand welchen Beitrag an einem Sieg hat? Doktorand Nopp beschäftigt genau diese Frage, seit er zur WM 2006 die Spiele der Ukraine und Spaniens für Jürgen Klinsmann analysiert hat, damals noch als Student. Für seine Doktorarbeit untersucht er nun, wie groß der »Einfluss des Zufalls im Fußballsport« ist. Er hält diesen Faktor für überschätzt. Zumal durch die Arbeit der Analytiker das Fußballspiel in Zukunft planbarer werde. Wenigstens, was Aktionen auf dem Platz angeht.

»Nach der Weltmeisterschaft 2006 sind einige Bundesligavereine auf uns zugekommen und haben gefragt, ob wir das nicht auch für sie machen könnten«, sagt Nopp. Spielbeobachtungen hat es in Deutschland immer schon gegeben – meist saßen die Kotrainer bei Spielen des nächsten Gegners auf der Tribüne – aber die Systematik und Qualität, mit der Begegnungen seit Klinsmanns Zeit analysiert werden, sind neu. In anderen europäischen Ligen, in England, Spanien oder Italien, halten sich die Klubs ganze Scouting-Abteilungen.

Laufen, schauen, kämpfen, passen, dribbeln, schießen müssten die Fußballer immer noch selbst, sagt Hochschullehrer Buschmann am Rande des Scout-Trainingslagers in Bad Hennef. Die Späharbeit für Bundestrainer Löw ist für ihn schlicht ein Zeichen dafür, dass es im Fußballspiel in Zukunft wissenschaftlicher zugehen wird. Trainings- und Ernährungswissenschaft, Sportmedizin und Physiologie spielen mit – und eben die Datenscouts aus Köln.

Wie viel das ausmacht? Auf dem hohen Niveau internationaler Turniere könnten sie die letzten ein oder zwei Prozent Verbesserung bringen: auf dem Weg zum WM-Titel vielleicht das entscheidende Quäntchen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Lassek
    • 22.02.2010 um 13:19 Uhr

    wären in dem Artikel interessant gewesen.
    Welche Art von Analyse einem Spielverlauf was genau nützt z.B.
    Dass Analysen für noch ausstehende Spiele nicht veröffentlicht werden, ist ja klar. Aber so ein paar Beispiele aus der Vergangenheit wären schon interessant.

    Auch für die These der erwähnten interessanten Doktorarbeit, dass der Zufall im Fußball unterschätzt wird, wäre interessanter, wenn man ein paar Argumente für diese These wüsste.

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