Gesellschaftskritik Über das Begrüßungsküsschen

Ursula März über Angela Merkels Versuch, die deutsche Form des Handschlags in die französische Form der Küsschen zu überführen

Wir geben uns Mühe. Aber wir haben es nicht von klein auf gelernt und darum nicht im Blut. Unsere Eltern haben uns beigebracht, wie man Menschen bei der Begrüßung die Hand gibt, wie man nicht zu lange und nicht zu kurz, nicht zu fest und nicht zu weich zudrückt und dem anderen dabei möglichst gerade in die Augen schaut! Den deutschen Handschlag, den andere Nationen als etwas grob empfinden, beherrschen wir im Schlaf. Die Pantomime der französischen, in die Luft gesetzten Begrüßungsküsschen – la bise genannt – können wir uns bestenfalls antrainieren. Von der Technik zur natürlichen Eleganz ist es aber ein weiter, mit Formfragen gepflasterter Weg. Sollen sich die Wangen minimal berühren oder gar nicht? Soll der Mund gespitzt sein wie beim richtigen Kuss? Wie lässt sich das dabei unwillkürlich entstehende Schmatzgeräusch vermeiden? Etc. pp.

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Auch Angela Merkel ist in der Kultur des Handschlags aufgewachsen und musste sich erst an die Begrüßungszeremonie des Nachbarlandes gewöhnen. Bei der von ihrer Seite aus sehr vitalen Umarmung mit Nicolas Sarkozy unternimmt sie offenbar den Versuch, einen gestischen Kompromiss herzustellen. Sie überführt die deutsche Form des Handschlags in die französische Form der Küsschen – wobei die Wangen die Hände ersetzen. Sie beugt sich vor und drückt ihr Gesicht eng an Sarkozys Gesicht. Dass sich der Präsident, der seinen Kopf, wohl in Erwartung der körperlich distanzierten Küsschen, zur Seite neigt, von diesem Volltreffer etwas überrumpelt fühlt, kann man am leichten Zurückweichen seines Oberkörpers ablesen. Seine erfreute Miene ist maskenhaft. Sein ins Leere gehender Blick drückt gelindes Entsetzen aus über den Zugriff der Kollegin. Womöglich ist ihm (unbewusst) auch die Position ihrer Hand auf seiner Schulter nicht ganz geheuer. In nicht wenigen Filmszenen ist dies die Ausgangsposition einer zum Hals führenden und im Würgen endenden Bewegung. Womöglich fühlt er sich, ebenfalls ganz und gar unbewusst, an die Geschichte deutscher Überfälle und Belagerungen erinnert.

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So verfehlt die Geste ihr Ziel. Denn die beiden Regierungschefs trafen sich jüngst in Paris, um die Agenda 2020 zu verabschieden, ein neues Programm deutsch-französischer Kooperation. Was darin zu fehlen scheint, ist eine Idee für ein persönliches Begrüßungsprotokoll, das die französische Seite nicht verschreckt und die deutsche nicht überfordert.

 
Leser-Kommentare
  1. Merkel ist, wie man sieht, in der Kultur des sozialistischen Bruderkusses groß geworden.

  2. ...eine internationale Peinlichkeit. Linkisch und eine Blamage ersten Ranges fuer unser Land.

    Solche Szenen gab es oefters...wie eine Dienerin wartete sie vor kurzem Daeumchen drehend vor allen Fersehkameras auf Berlusconi, bis der Cavaliere ein denkbar unwichtiges Telefongespraech beendet hatte. Dies kam natuerlich nicht in den Nachrichten.

    Die schlichten Deutschen freuen sich dass Frau Merkel im Ausland so "geschaetzt" wird...na klar, wer immer Ja und Amen sagt zu allem was ich fordere den lieb ich wohl...

    Bismarck sagte einmal wenn er im Ausland gelobt werde habe er etwas falsch gemacht...denk mal darueber nach Deutschland!

  3. 3. süß

    liebreizendes Foto, nette Untertitelung ;-)

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