Der letzte Außenminister, den man im Übergang vom aggressiven Oppositionspolitiker zum Chefdiplomaten beobachten konnte, hieß Joschka Fischer. Demonstrativ konzentrierte der sich auf sein Amt, genüsslich zelebrierte er den Rollenwechsel zum Verantwortungsträger. Kaum vereidigt, war er sich zu schade für die innenpolitischen Niederungen. Seine Partei desillusionierte er mit der Botschaft, jetzt werde deutsche Außenpolitik betrieben und keine grüne. Und nach etwa 150 Tagen musste Fischer seiner Partei beibringen, dass sie nun die Mitverantwortung für den ersten Kriegseinsatz in der Geschichte der Republik zu übernehmen hatte.

Nichts Vergleichbares hat Guido Westerwelle in seinen ersten Amtsmonaten bestehen müssen. Eigentlich lag seine Herausforderung vor allem darin, die Chance des Amtes zu ergreifen, sich einzulassen, nicht rückfällig zu werden. Seit Langem war klar, dass, wenn überhaupt, nur der Wechsel ins Staatsamt den FDP-Vorsitzenden aus seiner angestammten Rolle des aggressiven Parteifunktionärs würde befreien können. Staatsämter sind dafür nicht eigentlich da, aber manchmal erfüllen sie solche Nebenzwecke. Also: Im populärsten Amt, das die deutsche Politik zu vergeben hat, würde man vielleicht einen neuen, gelasseneren Westerwelle erleben.

Das war gestern. Nun aber ist Westerwelle in die deutsche Innenpolitik zurückgekehrt. Schlagartig erleben wir nun wieder den enthemmten Polemiker, der begeistert wie eh und je den »Finger in die Wunden des linken Zeitgeistes« legt, über »spätrömische Dekadenz« im deutschen Sozialwesen schwadroniert und seine Kritiker unter Sozialismusverdacht stellt. Die Rückverwandlung in den Parteipolitiker ist geglückt.

Verschwunden ist der noch etwas beklommene, sympathisch tastende Jungdiplomat. Hatte er nicht eben noch in London, auf der Afghanistan-Konferenz, an der neuen Strategie des Westens mitgebaut? Hatte er nicht überall, wo er in den ersten Monaten aufgetaucht war, eine durchaus passable Figur gemacht, erstes Lob geerntet, in Polen oder Istanbul sogar Akzente gesetzt? Es hatte noch keine wirklichen Erfolge gegeben, aber auch keine Fehler. Und er freute sich, wenn wieder etwas klappte. Er wollte wirklich, dass das Projekt gelingt. Guido Westerwelle auf dem Weg in eine neue Rolle.

Wie tief die Verletzungen der Vergangenheit saßen, zeigt sich jetzt

Dabei gab es schon früh Anzeichen, dass selbst der Wahlsieg, die Aussicht auf die Macht und das Amt keine schnelle Metamorphose bewirken würden. Auf dem Parteitag am 25. Oktober letzten Jahres, auf dem die FDP ihre Rückkehr in die Regierung feierte, hielt der FDP-Chef eine Rede, die vor Triumphalismus strotzte, gespickt mit genussvollen Anfeindungen gegen SPD, Grüne und Linke. Was da in einer Halle des Flughafens Tempelhof stattfand, klang nicht nach der Erfüllung eines politischen Lebenstraumes. Eher ließ der völlige Mangel an Generosität im Augenblick seines größten Erfolges erahnen, wie tief die Verletzungen der vergangenen Jahre saßen.

Doch noch verwunderlicher als seine rhetorisch funkelnden Rachereflexe war Westerwelles Unerbittlichkeit gegenüber dem neuen Koalitionspartner. Jede einzelne Forderung aus dem Wahlprogramm sollte seine Partei durchgesetzt haben. Die Deklamation der Verhandlungssiege hatte etwas Unmäßiges. Die FDP hatte recht gehabt, all die Jahre, nun würde sie ihr Recht bekommen.

Schein und Sein, Wille und Möglichkeit – das klafft in der FDP Westerwelles auseinander. Seit er als Generalsekretär, dann als Vorsitzender die Partei auf sich ausrichtete, gerieten ihr oft Anspruch und Wirklichkeit durcheinander. Mit Westerwelle schien es anfangs, als würde der Liberalismus neu erfunden. Dass der Partei in der Ära Kohl ihr Selbstwertgefühl abhanden gekommen war, sah Westerwelle mit schmerzlicher Klarheit. Nur gewann die FDP auch unter seiner Führung ihr Rechtsstaatsprofil nicht zurück. Stattdessen reduzierte sich selbst der wirtschaftsliberale Anspruch bald auf das Versprechen vom zurückgestutzten Staat und sinkenden Steuern.